Sexuell belästigt, ausgegrenzt und schlecht bezahlt – ist das der Alltag von Ärztinnen? Erfahrungen aus USA und Deutschland

Anke Brodmerkel

Interessenkonflikte

30. Juli 2018

Ärztinnen sind im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen offenbar noch immer in vielerlei Hinsicht benachteiligt. Auf diverse Missstände innerhalb der Ärzteschaft haben jetzt US-Medizinerinnen im renommierten New England Journal of Medicine hingewiesen.

Dr. Loren Galler Rabinowitz von der Columbia Universität in New York und Dr. Lisa Rotenstein sowie Dr. Anupam B. Jena von der Harvard Medical School in Boston berichten von ihren persönlichen Erfahrungen, stellen US-Statistiken und Studien zum Thema vor und zeigen darüber hinaus Wege auf, wie die Ungleichberechtigung beseitigt werden kann.

Ärztinnen sind in Deutschland meist schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen

Dr. Christiane Groß

Hierzulande hat sich dem Thema insbesondere der Deutsche Ärztinnenbund (DÄB) angenommen. Auch in Deutschland haben es Ärztinnen und Wissenschaftlerinnen deutlich schwerer als ihre männlichen Kollegen, betont die Präsidentin des DÄB, Dr. Christiane Groß, gegenüber Medscape. Vielfach seien sie in den gleichen Bereichen benachteiligt, in denen es auch andere Frauen nach wie vor sind. Nach wie vor mangelt es etwa auch für die Kinder von Ärztinnen an Kindergartenplätzen und Betriebskindergärten.

„Ärztinnen werden, wenn sie nicht unter die Tarifverträge fallen, schlechter bezahlt, und ihre Arbeitszeiten sind nicht flexibel genug gestaltet“, sagt Groß. Medizinerinnen hätten es besonders schwer, als Ärztin und/oder Wissenschaftlerin Karriere zu machen: „Hier liegen noch zahlreiche Stolpersteine im Weg“, so Groß.

Zudem ist die Vertretung in den ärztlichen Selbstverwaltungsgremien nicht paritätisch gelöst, bemängelt die Wuppertaler Fachärztin für Allgemeinmedizin, Psychotherapie und ärztliches Qualitätsmanagement. Der DÄB fordert daher Ärztinnen ausdrücklich dazu auf, sich in solche Gremien wählen zu lassen. Die Arbeit dort mache durchaus Spaß, insbesondere wenn es um Entscheidungen und um die Suche nach Verbündeten für die eigenen Ideen geht, betont Groß.

Ärztinnen werden – anders als Ärzte – auf US-Kongressen oft nur informell vorgestellt

Im NEJM steigt die ehemalige Eistänzerin und Miss America 2011 Rabinowitz mit einer Anekdote aus ihrem Arbeitsalltag in der Klinik in das Thema ein [1]. Sie beschreibt, wie die Ehefrau eines schwerkranken dementen herzinsuffizienten Patienten am Telefon darum bittet, „den Arzt ihres Mannes“ zu sprechen – dies obwohl das persönliche Gespräch zwischen ihr und Rabinowitz kaum eine Stunde zurückliegt.

Konkret fragt die Ehefrau dabei nach einem der Ärztin unterstellten Kollegen, den sie nur einmal kurz gesehen hatte. Rabinowitz reicht den Hörer weiter, in der Hoffnung, der Kollege selbst möge den Irrtum aufklären – doch darauf wartet sie vergeblich. Die Ehefrau des Patienten lässt sich von dem unerfahreneren Assistenzarzt all das nochmals erklären, was sie zuvor von Rabinowitz gehört hat – und ist nun zufrieden, weil die Infos von „kompetenter“ männlicher Seite kommen.

 
Ärztinnen werden, wenn sie nicht unter die Tarifverträge fallen, schlechter bezahlt, und ihre Arbeitszeiten sind nicht flexibel genug gestaltet. Dr. Christiane Groß
 

Selbst eine Kollegin habe sie vor einiger Zeit für die Sozialarbeiterin des Krankenhauses und nicht für eine Ärztin gehalten, beklagt Rabinowitz. Sexismus sei in Kliniken – und gerade in der Ausbildung von Ärztinnen – so verbreitet, dass sie keine einzige Kollegin kenne, die nicht mindestens eine entsprechende Geschichte zu berichten habe, schreibt die Medizinerin.

Sie verweist unter anderem auf eine Studie, die gezeigt hat, dass Ärztinnen, die bei Kongressen einen Vortrag halten, deutlich seltener als männliche Ärzte mit ihrem vollständigen professionellen Titel vorgestellt werden. Der Untersuchung zufolge wurden 51% lediglich mit ihrem Vornamen angekündigt – während 72% der männlichen Redner korrekt mit Angabe ihres Titels vorgestellt wurden. Ihren Kolleginnen, auch wenn sie noch in der Ausbildung sind, empfiehlt Rabinowitz daher, sich in vergleichbaren Situationen zumindest selbst grundsätzlich korrekt vorzustellen.

Nur 10 Prozent der Führungspositionen an deutschen Unikliniken sind von Frauen besetzt

Darüber hinaus verweist die US-Ärztin auf den auch hierzulande zu beobachtenden Missstand, dass es inzwischen zwar mehr Frauen als Männer gibt, die ein Medizinstudium beginnen – dass aber nur ganz wenige Frauen hochrangige Positionen, sei es in Kliniken, in den Fachgesellschaften oder an den Universitäten, bekleiden.

In einer Dokumentation des DÄB aus dem Jahr 2016 stellte sich beispielsweise heraus, dass der deutschlandweite Durchschnitt an Frauen in Führungspositionen in der Universitätsmedizin bei nur 10% liegt. Oberärztinnen sind bundesweit in der universitären Medizin mit 31% vertreten. Der Frauenanteil an Medizinstudierenden dagegen ist inzwischen auf 63% gestiegen (Stand 2015).

Untersucht wurden alle 34 deutschen staatlichen Universitätskliniken. Dabei wurden insgesamt rund 1.300 Internetseiten erfasst und all jene Fächer berücksichtigt, die an allen 34 Unikliniken vertreten und stark in die Krankenversorgung beziehungsweise klinische Diagnostik eingebunden sind.

Jungen Ärztinnen fehlt es oft an weiblichen Vorbildern in Kliniken und Universitäten

Geleitet wurde die Erstellung der Dokumentation von der Vizepräsidentin des DÄB, Prof. Dr. Gabriele Kaczmarczyk. Ihr erklärtes Ziel ist es, den geringen Frauenanteil in den wichtigsten Fächern der klinischen Medizin nachhaltig zu erhöhen. „Ein weiterhin geringer Anstieg in den Führungspositionen wird erst nach Jahrzehnten zu einem ausgeglichenen Verhältnis von Männern und Frauen führen“, sagt sie. „Eine Quote in diesem Bereich ist daher zwingend notwendig.“

Die Fachärztin für Anästhesiologie und Gastprofessorin an der Berliner Charité regt zudem an, dem geringen Frauenanteil weiter nachzugehen und zu ermitteln, warum fachärztlich qualifizierte Frauen nicht auf Lehrstühle oder in die Funktion der Klinikdirektion kommen, und ob es Diskriminierungen gibt.

 
Eine Quote in diesem Bereich ist daher zwingend notwendig. Prof. Dr. Gabriele Kaczmarczyk
 

„Sicher haben die meist männlich besetzten Berufungsgremien und auch die meist noch männlich besetzten Führungsstellen in den Kliniken und Universitäten einen Einfluss“, sagt die DÄB-Präsidentin Groß. Zudem fehlten damit für die jungen Ärztinnen motivierende Vorbilder von Kolleginnen, denen es trotz vieler Widerstände gelungen sei, im Medizinbetrieb Karriere zu machen.

Auch die US-amerikanische Association of American Medical Colleges (AAMC) hat sich dem Problem mittlerweile angenommen. Wie Rabinowitz berichtet, hat die Organisation für Mediziner, die in Berufungskommissionen sitzen, Kurse entwickelt, in denen die Ärzte für unbewusste Diskriminierung von Frauen sensibilisiert werden sollen – in der Hoffnung, dass auf diese Weise künftig mehr Medizinerinnen eingestellt werden und auch in hochrangige Positionen gelangen.

Etwa jede dritte Ärztin ist schon einmal während der Arbeit sexuell belästigt worden

Rotenstein und Jena gehen in ihrem im NEJM veröffentlichten Artikel insbesondere darauf ein, wie viele talentierte Medizinerinnen den Patienten und der Wissenschaft aufgrund von Diskriminierung und sexueller Belästigung vor allem junger Ärztinnen verloren gehen [2]. Eine Studie aus dem Jahr 2016 habe gezeigt, dass etwa 30% der weiblichen Mitglieder universitärer medizinischer Einrichtungen mindestens einmal von Kollegen und Vorgesetzten sexuell belästigt worden seien, schreiben sie.

Das Thema sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz hat im Zuge der #MeToo-Debatte auch der DÄB aufgegriffen und eine Broschüre dazu herausgegeben. Zitiert wird darin unter anderem die deutsche Präsidentin des Weltärztinnenbundes (Medical Women's International Association, MWIA), Prof. Dr. Dr. Bettina Pfleiderer, Professorin am Institut für Klinische Radiologie der Universität Münster. Eine Umfrage des MWIA bestätige die sexuelle Belästigung von Ärztinnen weltweit, so Pfleiderer.

Der Deutsche Ärztinnenbund hilft Frauen bei Fällen von sexueller Belästigung

Der Medizinerin zufolge erhielt der MWIA bei seiner Umfrage mehr als 1.300 Antworten von Frauen aus aller Welt. Etwa 37% der Befragten hatten demnach bereits sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erfahren – jeweils 30% von ihnen entweder als Medizinstudentin oder als junge Assistenzärztin. Im Vordergrund standen dabei sexuell anzügliche Bemerkungen (63,5%) oder unerwünschter enger Körperkontakt (55%). „Insgesamt zeigen die Daten, dass auch in der Medizin ein Kulturwandel stattfinden muss“, sagt Pfleiderer.

Da sich leider nur 35 Frauen aus Deutschland an der Umfrage beteiligt hätten, sei es allerdings nicht möglich gewesen, verlässliche Schlüsse über die Situation in Deutschland zu ziehen.

Die DÄB-Präsidentin Groß möchte Ärztinnen gezielt ermutigen, sich zu wehren: „Wenn Sie spüren, das ist ein Übergriff, dann ist es ein Übergriff – und es ist die Pflicht des Arbeitgebers, die sexuelle Belästigung zu stoppen und in Zukunft zu verhindern“, sagt sie. „Nehmen Sie als Ärztin sexuelle Belästigung nicht hin und lassen Sie sich unterstützen, wenn Sie sich wehren wollen“, rät Groß.

 
Nehmen Sie als Ärztin sexuelle Belästigung nicht hin und lassen Sie sich unterstützen, wenn Sie sich wehren wollen. Dr. Christiane Groß
 

Ärztinnen, Zahnärztinnen und Studentinnen der Human- oder Zahnmedizin könnten sich beispielsweise per E-Mail an den DÄB wenden (hilfe@aerztinnenbund.de). Auch der Betriebsrat, die Gleichstellungsbeauftragten und die Antidiskriminierungsstelle des Bundes seien geeignete Anlaufstellen.

Wie viele herausragende Ärztinnen gehen aufgrund von Diskriminierung verloren?

Warum es so wichtig ist, gerade Ärztinnen vor sexueller Benachteiligung und/oder Belästigung zu schützen, führt die US-Ärztin Rotenstein im NEJM ebenfalls aus. Sie berichtet von herausragenden Medizinerinnen – wie der Kardiologin Prof. Dr. Helen Taussig, die im Jahr 1959 als erste Frau eine volle Professur an der Johns Hopkins University in Baltimore erhielt und 6 Jahre später zur ersten weiblichen Präsidentin der American Heart Association gewählt wurde.

An der Johns Hopkins University hatte Taussig gemeinsam mit Kollegen die Blalock-Taussig-Operation zur Behandlung von Kindern entwickelt, die infolge von angeborenen Herzfehlern wie der Fallot-Tetralogie an einer Zyanose litten. Zudem setzte sich Taussig in den USA frühzeitig für ein Verbot von Thalidomid ein.

Wie viele Helen Taussigs habe man seither aufgrund der Diskriminierung, Belästigung und Ausgrenzung von Frauen verloren, fragt Rotenstein in ihrem Artikel. Und wie viele mehr werde man noch verlieren, wenn sich die Dinge nicht änderten?

Ärztinnen haben einer Studie zufolge die besseren Behandlungsergebnisse

Rotenstein verweist auf eine Studie, der zufolge ältere Menschen, die im Krankenhaus von Ärztinnen behandelt werden, seltener sterben oder nach ihrer Entlassung erneut in eine Klinik eingewiesen werden müssen, als solche, die in den Händen männlicher Mediziner sind (wie Medscape berichtete).

Andere Untersuchungen hätten gezeigt, dass Ärztinnen ihre Patienten sehr viel häufiger leitliniengerecht behandelten, als ihre männlichen Kollegen es täten, schreibt sie. Gleichzeitig litten Ärztinnen häufiger als Ärzte an Burnout und Depressionen.

Die schlechte Behandlung, mangelhafte Bezahlung und die Ausgrenzung, die Ärztinnen tagtäglich neben vielen anderen Zurücksetzungen erdulden müssten, hätten negative Konsequenzen für die Behandlungserfolge und die Erfahrungen der Patienten, für den Zugang zur Gesundheitsversorgung und den wissenschaftlichen Fortschritt, schreiben Rotenstein und Jena.

Vielleicht helfe es, wenn man sich diese Konsequenzen vor Augen halte, um verstärkte Anstrengungen zu unternehmen, damit Ärztinnen künftig respektvollere und fairere Arbeitsbedingungen als heute erhielten.

 

Kommentar

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