Arme dicke Kinder: KiGGS Welle 2 belegt, wie Vorbilder und die Nachbarschaft das Gesundheitsverhalten beeinflussen

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

24. Juli 2018

Kinder und Jugendliche in Deutschland mit niedrigem sozioökonomischen Status ernähren sich häufiger ungesund als Gleichaltrige aus sozial bessergestellten Familien. Sie treiben seltener Sport, sind häufiger zu dick oder adipös. Aber wenigstens nimmt der Tabakkonsum bei Jugendlichen insgesamt weiter ab. Dies geht aus neuen Daten der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, der KiGGS Welle 2 hervor.

„Angesichts der bereits früh im Lebenslauf ausgeprägten sozialen Unterschiede im Gesundheitsverhalten sind Maßnahmen für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche und ihre Lebensbedingungen besonders wichtig“, sagt Prof. Dr. Lothar H. Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts, in einer Pressemitteilung.

Die Wissenschaftler erfassen den sozioökonomischen Status bei KiGGS mit einem Index, der auf Angaben der Eltern zu ihrem Bildungsstand, ihrer beruflichen Stellung und der Einkommenssituation (Netto-Äquivalenzeinkommen) basiert. Veröffentlicht sind die Daten im Journal of Health Monitoring, einer Online-Zeitschrift des RKI [1].

Konsum von Süßwaren und zuckerhaltigen Getränken gesunken

Zum Sport und Ernährungsverhalten analysierten die Forscher Daten der KiGGS Welle 2 aus den Jahren 2014 bis 2017 von 6.810 Mädchen und 6.758 Jungen im Alter zwischen 3 und 17 Jahren und verglichen diese mit der KiGGS-Basiserhebung (2003-2006).

Mehr als 70% der 3- bis 17-Jährigen geben an, Sport zu treiben, Jungen signifikant häufiger als Mädchen und 11- bis 17-Jährige häufiger als 3- bis 10-Jährige. Treiben die Eltern Sport und ist die Wohnumgebung bewegungsfreundlich, ist das mit mehr Sport der Kinder und Jugendlichen assoziiert.

Jüngere Kinder und Mädchen ernähren sich gesünder als ältere Kinder und Jungen. Zwar ist der Konsum von Süßwaren und zuckerhaltigen Getränken im Vergleich zur KiGGS-Basiserhebung bei 3- bis 17-Jährigen signifikant zurückgegangen, andererseits essen insbesondere 11- bis 17-Jährige heute im Vergleich zu vor 10 Jahren signifikant weniger Gemüse. Nur 14% dieser Altersgruppe isst täglich 5 Portionen Obst und Gemüse.

Die Wissenschaftler betonen, dass ein gesunder Lebensstil vorgelebt werden muss. So sei von „zentraler Bedeutung“, dass bereits Kinder und Jugendliche an eine gesundheitsbewusste Lebensweise herangeführt werden. So bestimmen Eltern durch ihr Einkaufsverhalten und gemeinsame Mahlzeiten das Ernährungsverhalten ihrer Kinder.

Auch der natürliche Bewegungsdrang von Kindern lässt sich fördern. Allerdings hängt es auch maßgeblich von den Wohnverhältnissen, Grünflächen, Sportangeboten und vom Verkehrsaufkommen ab, wie häufig sich Kinder und Jugendliche im Freien bewegen. Selbst für die Ernährung spielen die Wohnverhältnisse eine Rolle: Die Wahrscheinlichkeit einer ungesunden Ernährung steigt, wenn in der Nachbarschaft vor allem Fast-Food-Angebote dominieren.

Deutlicher Rückgang beim Tabakkonsum

Die Daten zum Tabak- und Alkoholkonsum ergaben, dass 7,2% der 11- bis 17-Jährigen zumindest gelegentlich rauchen, davon rauchen 3,7% täglich. Im Zeitverlauf zeigt sich ein sehr deutlicher Rückgang beim Tabakkonsum (KiGGS-Basiserhebung: 21,4%, KiGGS Welle 1: 12,4%).

Gut die Hälfte (51,0%) der 11- bis 17-Jährigen hat schon einmal Alkohol getrunken, ein riskanter Alkoholkonsum ist für 12,1% festzustellen, regelmäßiges Rauschtrinken berichten 7,0%. Mit dem Alter nimmt der Konsum von Tabak und Alkohol deutlich zu. Mehr Mädchen als Jungen konsumieren alkoholische Getränke in riskantem Maß, aber mehr Jungen als Mädchen praktizieren Rauschtrinken.

Auch der Anteil der 11- bis 17-Jährigen, die jemals Alkohol getrunken haben, hat abgenommen: KiGGS-Basiserhebung 63,9%, KiGGS Welle 1 55,6 %. Der riskante Alkoholkonsum (KiGGS Welle 1 16,5%) und das regelmäßige Rauschtrinken (KiGGS Welle 1 12,0%) gingen ebenfalls zurück. Die Ergebnisse, deuteten auf Erfolge von Präventionsmaßnahmen hin, so die Wissenschaftler.

Gesundheitsverhalten vom sozioökonomischen Status beeinflusst

Bei den sozialen Unterschieden im Gesundheitsverhalten zeigt sich, dass sich 3- bis 17-jährige Kinder und Jugendliche mit niedrigem sozioökonomischen Status (SES) häufiger als Gleichaltrige aus sozial besser gestellten Familien ungesund ernähren, seltener Sport treiben und häufiger übergewichtig oder adipös sind. Während sich beim Alkoholkonsum bei den 11- bis 17-Jährigen nur geringfügige soziale Unterschiede abzeichnen, rauchen Mädchen und Jungen mit niedrigem SES häufiger als Gleichaltrige mit hohem SES.

Angesichts der bereits früh im Lebenslauf ausgeprägten sozialen Unterschiede im Gesundheitsverhalten sollten Maßnahmen noch stärker als bisher sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche in den Blick nehmen, betonen die Autoren.

RKI warnt vor „victim blaming“

Das RKI hebt hervor, dass erzieherische Ansätze und Maßnahmen wie Trainings-oder Kursangebote, die auf eine alleinige Verhaltensänderung des Einzelnen abzielen, sich in der Vergangenheit als wenig effektiv erwiesen haben. Nicht nur, dass solche Maßnahmen bei sozial benachteiligten Gruppen kaum ankommen. Es besteht auch die Gefahr, dass – wird zu einseitig auf reine Verhaltensänderung gesetzt – die Bedeutung der Lebensumstände (materielle Ressourcen, Bildung, Umweltfaktoren etc.) zu wenig beachtet und berücksichtigt wird und so eine einseitige Schuldzuweisung in Richtung der von Gesundheitsrisiken am stärksten bedrohten Bevölkerungsgruppe zustande kommt („blaming the victim“).

 
Die Kombination aus verhaltens- und verhältnispräventiven Ansätzen scheint für eine evidenzbasierte Prävention besonders erfolgversprechend. Prof. Dr. Lothar H. Wieler
 

Deshalb ist es aus Sicht der Wissenschaftler notwendig, verhaltenspräventive Ansätze mit übergeordneten Maßnahmen zu kombinieren. Gemeint sind Maßnahmen, die an den konkreten Lebensbedingungen und gesellschaftlichen Strukturen und damit an den tieferliegenden Einflussfaktoren des Gesundheitsverhaltens ansetzen, die sogenannte Verhältnisprävention. Ihr Ziel ist es, die Lebensumstände so zu verändern, dass es Menschen leichter fällt, gesundheitsförderliche Entscheidungen zu treffen. So hängt etwa die Wahrscheinlichkeit dafür, ob und wie häufig sich Menschen im Freien bewegen auch von der Wohnumgebung ab: Grünflächen, Spielplätze, Sportangebote, Verkehr, Sicherheit.

„Die Kombination aus verhaltens- und verhältnispräventiven Ansätzen scheint für eine evidenzbasierte Prävention besonders erfolgversprechend“, betont Wieler.

 

Kommentar

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