Nach OP und Chemo ist vor der Ernährungsumstellung – neue Studiendaten zur tertiären Krebsprävention mittels Lebensstil

Petra Plaum

Interessenkonflikte

20. Juli 2018

Kassel – Allein in Deutschland leben 4 Millionen Menschen, die Krebs haben oder eine Krebserkrankung überstanden haben. Aktuelle Studien zeigen, dass mit der richtigen Zusammenstellung des Speiseplans – und mit körperlicher Aktivität – diese Menschen ihre Überlebenszeit und -wahrscheinlichkeit sowie ihre Lebensqualität erhöhen und gleichzeitig ihr Rezidivrisiko senken können.

Prof. Dr. Kathrin Kohlenberg-Müller

Doch: Zur tertiären Krebsprävention mittels Ernährung und Bewegung muss noch intensiver geforscht werden, betonte Prof. Dr. Kathrin Kohlenberg-Müller vom Fachbereich Oecotrophologie an der Hochschule Fulda auf dem Kongress „Ernährung 2018“ in Kassel [1].

Cancer Survivorship – so ist die Studienlage

Die tertiäre Krebsprävention setzt ein, wenn die Therapie beendet und die Reha abgeschlossen ist. „Diese 2. Phase, das Leben nach der Regeneration in der erkrankungsfreien oder stabilen Lebensphase, verdient meiner Meinung nach viel mehr Aufmerksamkeit“, so Kohlenberg-Müller. Es gelte in dieser Zeit vor allem, die Krankheitsfolgen abzumildern, ernährungsbedingten Erkrankungen sowie Rezidiven vorzubeugen oder die chronische Krebserkrankung erträglich zu halten.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass viele Krebsdiagnostizierte ein erhöhtes Risiko etwa für kardiovaskuläre Erkrankungen, Diabetes und Osteoporose haben.

Das Leben nach der Regeneration in der erkrankungsfreien oder stabilen Lebensphase verdient meiner Meinung nach viel mehr Aufmerksamkeit. Prof. Dr. Kathrin Kohlenberg-Müller

Ernährung habe in dieser Phase große Bedeutung – „die Evidenzlage ist allerdings begrenzt“, bedauerte sie. Sie zitierte eine aktuelle Publikation zu Ernährung nach Krebs, die im Rahmen des Continuous Update Project des World Cancer Research Fund/American Institute for Cancer Research (WCRF/AICR) entstanden ist (Survivors of Breast and other Cancers). Diese empfiehlt als Quintessenz zahlreicher Publikationen, dass Ärzte ihren Patienten folgende Ratschläge geben sollten:

  • Halten Sie ein gesundes Gewicht (BMI unter 25).

  • Seien Sie körperlich aktiv: (Mindestens 150 Minuten moderate Bewegung pro Woche, etwa Fahrradfahren, Spazierengehen oder Schwimmen oder 75 Minuten intensives Training).

  • Integrieren Sie reichlich Vollkornprodukte, Gemüse, Obst und Bohnen in Ihren Speiseplan: Ideal sind 5 Portionen Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte täglich und Vollkornprodukte mindestens einmal täglich.

  • Begrenzen Sie den Konsum von Fast Food und anderen stark verarbeiteten Speisen, die viel Fett, Stärke oder Zucker enthalten.

  • Begrenzen Sie den Konsum von rotem und verarbeitetem Fleisch. Als ideal gelten weniger als 3 Portionen rotes Fleisch pro Woche und keine verarbeiteten Fleisch- und Wurstwaren.

  • Begrenzen Sie den Konsum von mit Zucker gesüßten Getränken.

  • Begrenzen Sie alkoholische Getränke.

  • Nehmen Sie keine Supplemente ein, um dem Krebs vorzubeugen.

  • Für Mütter: Stillen Sie Ihr Baby.

  • Nach einer Krebsdiagnose: Halten Sie sich an die WCRF/AICR-Empfehlungen, so gut Sie können und fragen Sie Ihre Ernährungsexperten, was für Sie empfehlenswert ist.

Auf den Seiten des World Cancer Research Fund und in den Empfehlungen der American Cancer Society (ACS) von 2012 finden sich detaillierte Vorgaben zu Ernährung, Bewegung und zum Lebensstil, die je nach Krebsart variieren können.

Zwar ist die Evidenz zu Ernährungs- und Bewegungsinterventionen limitiert. Doch gibt es zumindest einige Studien, die die Basis der genannten Empfehlungen darstellen. So hat eine aktuelle prospektive Kohortenstudie mit 992 Patienten (Medscape berichtete), die zwischen 1999 und 2001 die Diagnose Kolonkarzinom im Stadium 3 erhalten hatten, gezeigt, dass es vor Rezidiven schützt, wenn sich die Patienten an die Empfehlungen zum Lebensstil der American Cancer Society (die den oben genannten weitestgehend entsprechen) halten.

Theorie und Praxis oder: Wie werden Patienten compliant?

Wenn die Empfehlungen zum einen klar sind, zum anderen viel Wahlfreiheit auf dem täglichen Speiseplan und im Sportprogramm lassen – halten sich die Patienten auch daran? Kohlenberg-Müller präsentierte dazu ernüchternde Ergebnisse einer eigenen, 2014 veröffentlichten Querschnittstudie: 236 Frauen, die Brustkrebs überlebt hatten, füllten Fragebögen zu ihrem Gewicht, ihrer Ernährung und ihrem Sportpensum aus.

„Obst und Gemüse aßen sie nicht, wie empfohlen, mehrmals täglich, sondern nur täglich oder fast täglich“, berichtete die Autorin auf den Kongress. Vollkorn stand auch nur mehrmals pro Woche auf dem Speiseplan. Das empfohlene gesunde Gewicht erreichte nur knapp über ein Drittel: 45,3% waren übergewichtig und 17,8% sogar adipös. Die Hälfte der Patientinnen hatte eigenen Angaben zufolge nach der Diagnose zudem an Gewicht zugenommen.

Wir können zur tertiären Krebsprävention aktuell sagen, dass durch Ernährung und Bewegung viel getan werden kann, aber auch, dass es niederschwellige, zielgruppengerechte Beratungs- und Hilfsangebote braucht. Prof. Dr. Kathrin Kohlenberg-Müller

Angebote zur Ernährungsberatung hatten allerdings auch nur 27,1% der Teilnehmerinnen erhalten. Die Hälfte der Befragten (44,9%) gab an, nur 30 bis 120 Minuten pro Woche sportlich aktiv zu sein.

Kohlenberg-Müllers Schlussfolgerung: „Wir können zur tertiären Krebsprävention aktuell sagen, dass durch Ernährung und Bewegung viel getan werden kann, aber auch, dass es niederschwellige, zielgruppengerechte Beratungs- und Hilfsangebote braucht.“ Sie wünschte sich zudem, dass zur Effektivität von Programmen zur Gewichtsreduktion und -stabilisierung bei Cancer Survivors mehr geforscht werde. „Die Ernährung für diese Personen ist ein wichtiges Thema für die Versorgungsforschung“, so ihr Fazit.

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Kommentar

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