Die Blanko-Verordnung – Sprungbrett zum Direktzugang zur Physiotherapie?

Christian Beneker

Interessenkonflikte

17. Juli 2018

Blankorezepte für die Physiotherapie führen zu ebenso guten Ergebnissen wie ärztlich verordnete Therapien. Vorteile für die Patienten zeigten die Blankorezepte bei der Therapiedauer: Sie konnten die Therapie verkürzen. Das hat die Auswertung eines Modellvorhabens des Bundesverbandes selbstständiger Physiotherapeuten (IFK e.V.) und der BIG direkt gesund Krankenkasse ergeben [1].

„Das zeigt: Physiotherapie wirkt, und es ist unerheblich, ob die Verordnung vom Arzt kommt“, sagt Dr. Andrea Mischker, ehemalige stellvertretende Leiterin des Landesverbandes Berlin der BIG direkt gesund.

Das Modellvorhaben ist keines zum Direktzugang zur Physiotherapie, betonen die Macher. Denn weiterhin diagnostizierte und verordnete der Arzt die Therapie auf einem Blankorezept. Art, Dauer und Frequenz der Therapie aber lagen in Händen der Physiotherapeuten.

Das zeigt: Physiotherapie wirkt und es ist unerheblich, ob die Verordnung vom Arzt kommt.

Dr. Andrea Mischker

Weniger Schmerzen, mehr Lebensqualität

Die Studie der BIG Krankenkasse und der IFK nahm 630 Teilnehmer mit Rückenschmerzen (85%) und Schmerzen an den unteren Extremitäten (15%) auf. 334 Patienten stellten die Modellgruppe, 296 die Kontrollgruppe.

Die Ergebnisse der beiden Gruppen sind in der Tat vergleichbar: Vor der Behandlung der Modellgruppe litten die Patienten mit Rückenschmerzen auf einer Skala der Schmerzintensität von 1 bis 100 (Visual Analogue Skala - VAS) unter Schmerzen von einem Wert von 53,9. Er sank nach der Behandlung auf 36,7. In der Kontrollgruppe von Patienten mit ärztlich verordneter Physiotherapie sank dieser Wert von 53,9 auf 38,1.

Die gesundheitsbezogene Lebensqualität gaben die Teilnehmer der Modellgruppe vor der Behandlung mit 56,1 an und nach der Behandlung mit 69,7. In der Kontrollgruppe stieg dieser Wert von 56,1 auf 69,1.

Insgesamt behandelten die Physiotherapeuten mit Blankorezept die Patienten der Kontrollgruppe häufiger, aber in einem kürzeren Zeitraum als die Patienten mit einer ärztlichen Verordnung. So wurden die Mitglieder der Kontrollgruppe im Schnitt 15,8-mal behandelt bei einer Behandlungsdauer von 9,7 Wochen. Die Mitglieder der Kontrollgruppe wurden 14,7-mal behandelt und zwar über 11,8 Wochen.

„Physiotherapeuten gehen verantwortlich mit der Entscheidungsfreiheit um“, kommentiert Mischker den Umstand, dass die Physiotherapeuten laut Studie nicht auf eine (teure) Leistungsausweitung gesetzt haben. Damit waren auch die Kosten vergleichbar: Zwar seien die Kosten in der Modellgruppe in den ersten 3 Monaten „signifikant höher“, heißt in der Studie. Aber bei Patienten, die 6 oder 12 Monate behandelt wurden, glichen sich die Kosten der beiden Gruppen wieder an.

Physiotherapeuten gehen verantwortlich mit der Entscheidungsfreiheit um.

Dr. Andrea Mischker

Direktzugang zur Physiotherapie in der Regelversorgung gefordert

Peter Kaetsch, Vorstandsvorsitzender der BIG direkt gesund Krankenkasse, hält nach den Ergebnissen der Studie den derzeitigen Arztvorbehalt bei der Physiotherapie für überlebt. Er spricht sich für einen zweiten Weg in die Praxis des Physiotherapeuten aus, „der den über den Arzt nicht abschaffen würde. Warum also nicht einfach machen?“, so der Vorstandsvorsitzende der BIG. Kaetsch fordert von der Politik noch mehr, und zwar, „endlich ein Substitutionsmodell zu entwickeln, indem der Arztvorbehalt in Modellvorhaben zur Physiotherapie aufgehoben wird.“

Auch Ute Merz, Physiotherapeutin und Sprecherin des Deutschen Verbandes für Physiotherapie (ZVK) e.V. pocht auf den Direktzugang. „Im europäischen Ausland, etwa in Holland oder Schweden, aber auch in Australien, ist der Direktzugang längst möglich“, sagt Merz zu Medscape.

Dabei ist der Direktzugang zur Physiotherapie auch in Deutschland schon möglich, wenn auch nicht in der Regelversorgung. In Deutschland muss ein Physiotherapeut den sektoralen Heilpraktiker machen und kann als solcher eigenständig Heilkunde und damit die Physiotherapie ausüben – und privat abrechnen. „Wir verstehen deshalb die Blankoverordnung als Zwischenschritt zum Direktzugang“, sagt Merz.

Davon hält das Bundesgesundheitsministerium (BMG) derzeit offenbar wenig. „Damit Patienten die bestmögliche Behandlung erhalten, ist es wichtig, dass eine Ärztin oder ein Arzt eine umfassende Diagnose stellt, bevor eine Physiotherapie begonnen wird“, antwortet das BMG auf eine entsprechende Anfrage von Medscape. „Sie können andere Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen ausschließen oder verschiedene Behandlungsalternativen abwägen. Das ist ein wichtiges Stück Sicherheit für die Versicherten.“

Allerdings haben sich die Gesundheitsministerkonferenz der Länder und der Gesundheitsausschuss des Bundesrates längst für Modellvorhaben des Direktzugangs ausgesprochen.

Aber die Forderungen haben es nicht in die Gesetzgebung geschafft. Das Heil- und Hilfsmittelversorgungsgesetz (HHVG) vom März vergangenen Jahres verpflichtet die Kassen lediglich, mit den Verbänden der Heilmittelerbringer in jedem Bundesland Modellvorhaben zur Blankoverordnung abzuschließen. „Um zu entscheiden, ob diese Versorgungsform für eine Überführung in die Regelversorgung geeignet ist, ist aber eine breitere Informationsgrundlage notwendig, teilt das BGM mit. „Deshalb soll in jedem Bundesland ein Modellvorhaben durchgeführt werden.“

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Kommentar

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