Reha und Prävention soll „sexy“ werden: Neuer Ü45-Check-up soll Frührente verhindern

Susanne Rytina

Interessenkonflikte

11. Juli 2018

Berlin – Wie könnte man vermeiden, dass Menschen aus gesundheitlichen Gründen in Frührente gehen und frühzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheiden? Momentan wird ein Ü45-Check-up entwickelt. Mithilfe des Instruments sollen Menschen rechtzeitig präventive Maßnahmen oder eine medizinische Rehabilitation bekommen.

Dr. Martin Rosemann

„Es ist ein dramatischer Befund, dass nicht einmal die Hälfte derer, die Erwerbsminderungsrente bekommen, vorher eine Maßnahme zur Prävention oder Rehabilitation bekommen hat“, sagte der Politiker und Mitglied der SPD-Bundestagsfraktion Dr. Martin Rosemann beim Hauptstadtkongress 2018 [1]. Dort stellte die Rentenversicherung gemeinsam mit beteiligten Ärzten den Stand der Dinge zum geplanten Screening vor.

Die neuesten Zahlen aus der Statistik der Deutschen Rentenversicherung: Im April 2018 bezogen rund 1,8 Millionen Menschen Erwerbsminderungsrente. Rund 17% der Neuzugänge in den Rentenbezug sind Erwerbsminderungsrentner. Insgesamt sind ungefähr 4,2 Promille der Versicherten in Erwerbsminderung, sagte Dr. Susanne Weinbrenner, leitende Ärztin und Geschäftsbereichsleiterin Sozialmedizin und Rehabilitation der Deutschen Rentenversicherung (DRV).

Probleme: Demografischer Wandel und niedrige Renten

Immer mehr Menschen scheiden laut Rosemann aufgrund von psychischen Erkrankungen aus dem ersten Arbeitsmarkt aus. „Wir erhoffen uns, dass die Rahmenbedingungen verbessert werden, und dass Menschen dabei unterstützt werden, länger gesund im Arbeitsleben zu bleiben“, betonte der SPD-Politiker.

 
Es ist ein dramatischer Befund, dass nicht einmal die Hälfte derer, die Erwerbsminderungsrente bekommen, vorher eine Maßnahme zur Prävention oder Rehabilitation bekommen hat. Dr. Martin Rosemann
 

Nicht nur aufgrund des demografischen Wandels sei man darauf angewiesen, dass Menschen dem Arbeitsmarkt länger zur Verfügung stehen. „Wer Erwerbsminderungsrente erhält, hat auch eine niedrigere Rentenanwartschaft“, erklärte Rosemann.

Mit dem Ü45-Check-up wolle man vulnerable Menschen früher erreichen und entsprechend gegensteuern. Sind die Arbeitnehmer Ende 50 oder Anfang 60, sei es zu spät, sich beruflich neu aufzustellen. „In diesem Alter wird es kaum mehr möglich, die Menschen im Erwerbsleben auf eine andere Schiene zu bringen“, so Rosemann.

Der Gesetzgeber ermögliche den freiwilligen Ü45-Check-up als berufsbezogene Gesundheitsmaßnahme durch die Verknüpfung von Flexirentengesetz und Präventionsgesetz. Das jetzige Problem: „Diejenigen, die Prävention oder Reha am nötigsten hätten, erreichen wir kaum“, sagte Rosemann.

 
Diejenigen, die Prävention oder Reha am nötigsten hätten, erreichen wir kaum. Dr. Martin Rosemann
 

„Unser Ziel ist es, eine echte Präventionskultur in Deutschland zu etablieren – mit einem vorsorgenden Sozialstaat und einer abholenden Reha-Strategie“, sagte Rosemann. Auch die Bundesagentur für Arbeit soll beteiligt werden und gegebenenfalls Maßnahmen anbieten.

Im Blickpunkt: Prekär Beschäftigte, Arbeitslose, Call-Center-Mitarbeiter, Pflegekräfte

Sind derzeit die Barrieren zum Zugang zu Reha-Leistungen für viele Personengruppen zu hoch? Oder wissen die Gatekeeper im Gesundheitssystem (wie Hausärzte) nicht ausreichend Bescheid? Diese Fragen warf Weinbrenner von der DRV auf. „Wir müssen uns um vulnerable Gruppen kümmern und sie auch früher erreichen“, so Weinbrenner. Dazu gehören vor allem prekär Beschäftigte (z.B. im Niedriglohnsektor), Arbeitslose, Call-Center-Agenten und Pflegekräfte, erläuterte sie. „Da der Gesetzgeber keine konkreten Vorgaben macht, haben wir viel Gestaltungsspielraum, die Untersuchungen für den Ü45-Check-up auszugestalten.“

Momentan seien Arbeits- und Sozialmediziner an der Charité Berlin dabei, ein zuverlässiges Screening-Instrument in Form eines Fragebogens zu entwickeln, um die entsprechenden Gruppen herausfiltern zu können.

Ist der Ü45-Check-up machbar und finanzierbar?

Wer den Ü45-Check-up dann letztlich durchführen soll, sei noch nicht geklärt, erläuterte Weinbrenner. „Arbeitsmediziner und Sozialmediziner, Werks- und Betriebsärzte haben hier eine klare Kompetenz. Die Kollegen haben mir aber zurückgemeldet, dass ihre Nachwuchssituation problematisch ist und die Aufgaben in der Fläche nicht leistbar sind, zumal sie gut eingedeckt sind mit den gesetzlich vorgeschriebenen Aufgaben. Sie können es sich nur mit Mühe vorstellen, noch zusätzliche Aufgaben zu übernehmen“, erklärte Weinbrenner.

 
Unser Ziel ist es, eine echte Präventionskultur in Deutschland zu etablieren – mit einem vorsorgenden Sozialstaat und einer abholenden Reha-Strategie. Dr. Martin Rosemann
 

Prof. Dr. Bernd Wolfarth

Prof. Dr. Bernd Wolfarth, Sportmediziner von der Abteilung für Sportmedizin des Charité Centrums für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie, meinte, dass das Programm aus seiner Sicht auch im Bereich der Allgemeinmedizin bzw. dem geschulten hausärztlichen Dienst angesiedelt werden könnte.

Abzuklären sei der allgemeine Gesundheitszustand der über 45-Jährigen in Bezug auf die Erwerbsfähigkeit. Möglicherweise ließen sich auch berufsspezifische Krankheitsbilder identifizieren. Geklärt werden müsste auch, welche Präventionsuntersuchungen auf den Fragebogen folgen sollen, wie etwa Anamnese, Labor, klinische Untersuchungen, EKG, Lungenfunktion und Einstufung des Gesundheitszustandes.

„Wir wollen mit einigen geplanten Modellprojekten beantworten, ob sich ein derart umfängliches Screening-Programm auch in der Fläche umsetzen lässt, ob es machbar und finanzierbar ist“, so Wolfarth. Dies auch vor dem Hintergrund, dass erhebliche Kosten auf die Kassen zukommen werden.

 
Wir wollen mit … Modellprojekten beantworten, ob sich ein derart umfängliches Screening-Programm auch in der Fläche umsetzen lässt, ob es machbar und finanzierbar ist. Prof. Dr. Bernd Wolfarth
 

Geplant sei, nach der Auswertung des Fragebogens mit einer größeren Stichprobe der Befragten, auch eine klinische Untersuchung einer Teilgruppe anzuschließen. So wolle man herausfinden, ob der Fragebogen treffsicher sei oder ob es möglicherweise viele falsch-positive Ergebnisse geben könnte, die dann größere Kosten für das Gesundheitssystem nach sich zögen.

„Reha muss sexy werden“

SPD-Politiker Rosemann wünschte sich in der abschließenden Diskussion, dass Prävention und Rehabilitation zu einem populären Thema gemacht werden können. Er erhoffe sich, dass sich die Fachleute, die am Ü45-Check-up beteiligt sind, auch innovative Ideen einfallen ließen. Nur ein postalisches Anschreiben reiche hier seiner Meinung nicht aus. Möglicherweise könne auch über finanzielle Anreize nachgedacht werden.

Rosemanns Wunsch. „Reha muss sexy werden. Es muss ganz normal werden, dass jemand zu seinem Nachbar sagt: Warst du nicht beim Ü45-Check-up? Wie uncool!“

Fragebogen und Modellprojekte

Prof. Dr. Karla Sypra

Zu den Inhalten des Fragebogens kooperiert die Rentenversicherung mit dem Institut Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft der Charité Berlin. Prof. Dr. Karla Sypra entwickelt mit ihrer Gruppe einen neuen 2-seitigen Fragebogen.

„Wir brauchen ein Screening-Instrument, das Schwellenwerte definiert. Was sind etwa erste gesundheitliche Beeinträchtigungen? Wer soll eine Präventionsleistung bekommen und wer eine Rehabilitationsleistung?“, so Spyra. Nicht nur der Reha-Bedarf des Einzelnen soll so sichtbar werden, sondern auch der Präventionsbedarf, um die Frührente zu verhindern. Man wolle schon frühzeitig gesundheitliche Beeinträchtigungen feststellen, die einmal dazu führen können, dass die ausgebübte Tätigkeit einmal nicht mehr ausgeführt werden kann.

Mit einem umfassenden bereits etablierten Instrumenten-Apparat wird getestet, ob der Fragebogen mit seinen verschiedenen Dimensionen auch das misst, was er soll. Folgende Dimensionen werden mit dem Fragebogen gemessen:

  • Die Dimension ‚Erwerbsfähigkeit‘ misst die beruflichen Anforderungen und Belastungen, ob man ihnen gewachsen ist und die subjektive Arbeitsprognose (bestehendes Validierungsinstrument: Würzburger Screening),

  • die Dimension ‚Psychische Befindlichkeit‘ misst Depressivität (Validierungsinstrument: WHO-5-Well Being Index),

  • die Dimension ‚Funktionsfähigkeit‘ misst das Ausmaß an körperliche Belastungen – wie das Tragen, Stehen, Heben im Berufsleben (Validierung NFAS-23 = Norwegian Function Assessment Scale),

  • die Dimension ‚Bewältigungsverhalten‘ misst den subjektiven Umgang mit schwierigen Situationen, ob die Person das Gefühl hat, alles in den Griff zu bekommen oder nicht, Umgang mit Arbeitsbelastungen wie Termindruck, Konflikten mit Kollegen, Verantwortung; Umgang mit gesundheitlichen Problemen (Validierung ASKU = Allgemeine Selbstwirksamkeit Kurzskala),

  • die Dimension ‚Sport und Bewegung‘ misst körperliche Fitness – wie viel Sport in den letzten 4 Wochen betrieben wurde, am Arbeitsplatz und in der Freizeit (Validierung: EHIS-PAQ = European Health Interview Survey – Physical Activity Questionnaire).

Zusätzlich werden noch Routinedaten der DRV verwendet – wie Geschlecht, Alter, Nationalität und ausgeübte Berufstätigkeit, Daten zu Leistungen zur medizinischen Reha, Migrationshintergrund, Bildung, berufliche Stelle, Art des Beschäftigungsverhältnisses, Schichtarbeit, Arbeitslosigkeit.

Das Screening soll anhand von Schwellenwerten nach einem Ampelschema (je nach erlangter Punktzahl) ausgewertet werden:

  • grün: kein Handlungsbedarf,

  • gelb: offener Handlungsbedarf, der zur Präventionsleistung, medizinischer Abklärung oder Verhaltensempfehlung führen kann,

  • rot: medizinische Rehabilitation bzw. Überprüfung oder Präventionsleistung.

Begleitend zum Ü-45-Check-up gibt es 3 Modellprojekte mit unterschiedlichen Fragestellungen und Herangehensweisen:

  1. Modellprojekt, das einen niedrigschwelligen Zugang zu den Leistungen ermöglichen soll: Ohne großen bürokratischen Aufwand und ohne Einbeziehung eines sozialmedizinischen Dienstes sollen alle, bei denen nach dem Screening Handlungsbedarf besteht, direkt eine Leistung erhalten (betrifft Versicherte beim DRV-Bund mit dem DRV-Mitteldeutschland).

  2. Modellprojekt, in dem kleine und mittlere Unternehmen einbezogen werden, die nicht so gut an Arbeits- und Sozialmedizinern ausgestattet sind wie Großbetriebe (betrifft Versicherte beim DRV Rheinland-Pfalz).

  3. Modellprojekt, das Pflegekräfte aus dem Raum Karlsruhe einbezieht (betrifft Versicherte beim DRV Baden-Württemberg, Unfallkasse Baden-Württemberg, Gesundheit- und Wohlfahrtspflege).

Der Fragebogen soll mit Studienteilnehmern aus den Modellprojekten getestet werden. Die Stichprobe wird circa 4.800 Menschen zwischen 45 und 59 Jahren umfassen, bei einer geschätzten Response-Rate von 30%. Dabei handelt es sich um Mitglieder der DRV-Bund (50%), DRV Berlin-Brandenburg (25%) und DRV-Mitteldeutschland (25%).

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....