Nach Kolonkarzinom-Therapie: Wäre mehr als jeder dritte Todesfall durch einen gesunden Lebensstil vermeidbar?

Dr. Susanne Heinzl

Interessenkonflikte

29. Juni 2018

Patienten mit einem operierten und adjuvant mit Chemotherapie behandelten Kolonkarzinom haben ein um 42% geringeres Risiko zu sterben und ein um 31% niedrigeres Rezidivrisiko, wenn sie gesundheitsbewusst lebten. „Gesundheitsbewusst“ bedeutet dabei, auf ein gesundes Körpergewicht zu achten, regelmäßig körperlich aktiv zu sein und bei der Ernährung viel Ballaststoffe, Gemüse und Früchte und wenig rotes Fleisch zu sich zu nehmen.

PD Dr. Erin Van Blarigan

Dies ist das Ergebnis einer prospektiven Kohortenstudie (CALGB-89803-Studie) mit 992 Kolonkarzinom-Patienten, die PD Dr. Erin Van Blarigan, Abteilung für Epidemiologie und Biostatistik an der Universität von Kalifornien, San Francisco, zusammen mit ihren Kollegen in JAMA Oncology publiziert hat [1]. Erste Ergebnisse der Studie hatte sie bereits bei der Jahrestagung der American Society of Clinical Oncology (ASCO) 2017 vorgestellt (wie Medscape berichtete).

9 Prozentpunkte Unterschied in der Überlebensrate

Im begleitenden Editorial in JAMA Oncology bezeichnen Dr. Michael J. Fisch, Direktor der Medizinischen Onkologie, AIM Specialty Health, Chicago, und seine Kollegen die Arbeit von Van Blarigan als „Krebskontroll-Juwel, das aus der Asche der CALGB-89803-Studie auferstanden ist“.

„Der wichtigste Befund war eine strenge Assoziation zwischen der Adhärenz bezüglich der American Cancer Society (ACS) Nutrition and Physical Activity Guidelines und dem Gesamtüberleben.“ Es handle sich zwar um eine Beobachtungsstudie, aber das Ausmaß der Assoziation mit einer um 9 Prozentpunkte unterschiedlichen Überlebensrate nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von bis zu 7 Jahren sei beachtlich, heißt es im Editorial.

 
5- bis 6-mal täglich Früchte und Gemüse essen und 150 Minuten pro Woche körperliche Aktivität!  Dr. Michael J. Fisch
 

Aus der Studie können nach Ansicht von Fisch verschiedene Lehren für die Praxis gezogen werden. Bisherige Bedenken gegenüber Daten, die ebenfalls einen günstigen Effekt von Ernährung und körperlicher Aktivität nach einem Kolonkarzinom belegt hatten, würden durch diese Ergebnisse weitgehend zerstreut. Nun könne man den Patienten auch präzise Empfehlungen geben: „5- bis 6-mal täglich Früchte und Gemüse essen und 150 Minuten pro Woche körperliche Aktivität“, so Fisch.

Gültigkeit auch für moderne Chemotherapie-Regime?

Doch dürften die Daten auch nicht zu sehr generalisiert werden. So waren in der Studie Patienten im Alter unter 50 Jahren unterrepräsentiert, ebenso nicht-weiße und solche mit einem Performance-Status von 2 oder schlechter sowie Patienten mit adjuvanter Oxaliplatin-Therapie.

Die adjuvante Chemotherapie habe sich seit der Auflegung der CALGB-89803-Studie weiterentwickelt. Die derzeit üblichen Regime wie FOLFOX oder CAPEOX enthielten Oxaliplatin und gingen bei 9 bis 16% der Patienten mit neurotoxischen Wirkungen vom Grad 3/4 einher. „Neurotoxische Effekte der Chemotherapie sind oft chronisch und können die Compliance der Patienten mit den ACS-Leitlinien beeinträchtigen“, so Fisch.

Die große Herausforderung sei es, den Lebensstil der Patienten zu beeinflussen. Verschiedene Studien belegten, dass die Diagnose einer Krebserkrankung dies nicht unbedingt fördere. So werde die Änderung des Lebensstils oft durch verschiedene Faktoren erschwert, etwa durch erkrankungsbedingte Fatigue und Neuropathien oder altersbedingten Seh- und Hörverlust sowie eingeschränkte Beweglichkeit oder insgesamt geringes Gesundheitsbewusstsein, Zeit- und/oder Geldmangel. Man müsse Ideen und Programme entwickeln, um eine bessere Adhärenz an die ACS-Leitlinien zu erreichen.

Randomisierte Studie mit negativem Ausgang

Die Studie 89803 der Cancer and Leukemia Group B (CALGB) begann vor etwa 20 Jahren. Randomisiert wurde bei 1.264 Patienten mit Kolorektal-Karzinom eine adjuvante Therapie aus Irinotecan, Fluorouracil und Leucovorin mit dem damaligen Standard Fluorouracil plus Leucovorin verglichen. Allerdings war die Studie negativ: Der experimentelle Arm war nicht besser wirksam und sogar schlechter verträglich als die Standardtherapie. Als Teil der Studie wurde während des Klinikaufenthalts und nach der Chemotherapie der Lebensstil erfasst. Dies wurde bei der aktuellen Auswertung genutzt.

Anhand eines Scores zwischen 0 und 6 wurde beurteilt, wie stark sich die Patienten an die ACS-Leitlinien hielten, in denen die US-amerikanische Krebsgesellschaft festgelegt hat, wie ein gesunder Lebensstil für Krebspatienten aussehen sollte. In der aktuellen Analyse entsprach ein Score von 0 einem ungesunden Lebensstil und ein Score von 6, dass der Patient alle empfohlenen Maßnahmen befolgte. Die Untersucher konzentrierten sich in erster Linie auf folgende Punkte:

  • Einhaltung eines gesunden Körpergewichts,

  • regelmäßige körperliche Aktivität,

  • Ernährung reich an Ballaststoffen, Gemüse, Früchten und arm an rotem und verarbeitetem Fleisch,

  • Alkoholkonsum: empfohlen ist ein geringer bis moderater Konsum.

Gesunder Lebensstil – besseres Überleben

Nach einer medianen Beobachtungszeit von über 7 Jahren waren bei den 992 Patienten 335 Rezidive und 299 Todesfälle aufgetreten. 256 Patienten (86%) starben nach dem Rezidiv.

Patienten mit einem an den ACS-Leitlinien ausgerichteten Lebensstil lebten länger: Die 91 Patienten (9%) mit einem gesunden Lebensstil (Score 5 bis 6) wiesen im Vergleich zu 261 Patienten (26%) mit niedrigem Score (0 bis 1) ein um 42% niedrigeres Sterberisiko auf. (Hazard-Ratio 0,58, p-Trend 0,01) Im Trend war auch das krankheitsfreie Überleben verlängert (HR 0,69).

 
Wenn alle Patienten mit Kolonkarzinom im Stadium III den ACS-Leitlinien folgen würden, könnten 38 Prozent der Todesfälle vermieden werden. PD Dr. Erin Van Blarigan und Kollegen
 

Auch bei gleichzeitigem Alkoholkonsum hatten die Personen mit gesundem Lebensstil ein um 51% geringeres Sterberisiko und ein um 36% niedrigeres Rezidivrisiko als Personen mit ungesundem Lebensstil. Für diesen Effekt waren alle 3 Faktoren Körpergewicht, körperliche Aktivität und Ernährung ähnlich wichtig.

„Die Adhärenz an die ACS-Leitlinien (Score 5 bis 6) war mit einer absoluten Reduktion um 9 Prozentpunkte für das Todesrisiko nach 5 Jahren assoziiert im Vergleich zu Score 0 bis 4“, so die Autoren. Sie errechneten: „Wenn alle Patienten mit Kolonkarzinom im Stadium III den ACS-Leitlinien folgen würden, könnten 38 Prozent der Todesfälle vermieden werden.“

 

Kommentar

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