TailorX-Studie: Bei Frauen mit Hormonrezeptor-positivem Brustkrebs ist die adjuvante Chemotherapie meist nicht nötig

Dr. Susanne Heinzl

Interessenkonflikte

6. Juni 2018

Chicago – Es betrifft rund die Hälfte der Frauen mit einem Mammakarzinom, nämlich diejenigen, deren Tumor Hormonrezeptor-positiv, HER2-negativ und ohne Befall der axillären Lymphknoten ist: „Unsere Studie zeigt, dass in 70 Prozent der Fälle bei diesen Frauen eine Chemotherapie nicht notwendig ist. Wobei die Entscheidung für oder gegen die Chemo auf dem Risikoscore des 21-Gen-Expressionstests basiert.“

Prof. Dr. Joseph A. Sparano

Diese für sehr viele Patientinnen erfreuliche Nachricht hatte Prof. Dr. Joseph A. Sparano, Albert Einstein Cancer Center und Montefiore Health System, New York, USA, auf einer Pressekonferenz bei der Jahrestagung 2018 der ASCO (American Society of Clinical Oncology) in Chicago präsentiert [1]. Sparano stellte dort die Daten der Phase-3-Studie TailorX (Trial assigning individualized options for treatment) in der Plenarsitzung des Kongresses vor. Parallel wurden sie im New England Journal of Medicine publiziert [2].

Zeit reif für Deeskalationsstrategien

Diese bislang größte Studie bei Frauen mit Brustkrebs hat randomisiert untersucht, wie sinnvoll eine Chemotherapie für Patientinnen ist, die laut 21-Gen-Expressionstest einen mittleren Risikoscore (RS) von 11 bis 25 haben. Tatsächlich erwies sich für diese Frauen, dass sie nicht von einer zusätzlichen Chemotherapie zur adjuvanten endokrinen Therapie profitieren. Allerdings mit einer Ausnahme: Laut exploratorischer Analysen könnten Frauen im Alter unter 50 Jahren mit einem RS zwischen 16 und 25 von einer zusätzlichen Chemo profitieren.

Prof. Dr. Lisa A. Carey

„Das Hormonrezeptor-positive, HER2-negative und LK-negative Mammakarzinom ist reif für Deeskalationsstrategien, um den Einsatz der Chemotherapie rational zu reduzieren“, kommentierte Diskutantin Prof. Dr. Lisa A. Carey, University of North Carolina Lineberger Comprehensive Cancer Center, Chapel Hill. „TailorX bestätigt das exzellente Ergebnis auch ohne Chemotherapie bei sehr niedrigem RS. Dies unterstützt die Entscheidung, die Chemo bei Erkrankungen ohne Lymphknotenbefall mit einem RS bis zu 25 wegzulassen.“

 
Das Hormonrezeptor-positive, HER2-negative und LK-negative Mammakarzinom ist reif für Deeskalationsstrategien, um Chemotherapien rational zu reduzieren. Prof. Dr. Lisa A. Carey
 

TailorX habe Patienten mit klinisch niedrigem Risiko eingeschlossen, betonte Carey. Unklar sei allerdings, was mit Patienten im Stadium 2 und 3 sei. Sie bedauerte, dass es für Frauen mit HER2+ oder mit 3-fach negativen Tumoren bislang keine entsprechenden Tests gibt.

Übertherapie häufig

Vor knapp 30 Jahren haben Studien gezeigt, dass die adjuvante Chemotherapie das Rezidivrisiko bei Hormonrezeptor-positivem (HR+), Lymphknoten-negativen (LK-) Mammakarzinom senkt. Aufgrund dieser Daten empfahl im Jahr 2001 ein Consensus-Panel der National Institutes of Health (NIH) in USA für die Mehrzahl der Frauen mit lokalem Brustkrebs unabhängig vom Lymphknoten-, Menopausen- und Rezeptor-Status eine adjuvante Chemotherapie. Doch war auch klar, dass nicht alle Frauen von einer solchen Therapie profitieren. Das Ziel war daher, den Einsatz der Chemotherapie besser an das jeweilige Risiko der Patientin anzupassen.

Mit dem 21-Gen-Expressionstest (Oncotype DX®) gibt es seit mehr als 10 Jahren ein Tool, um bei Frauen mit einem HR+, HER2-negativem und LK-negativem Mammakarzinom, das Risiko eines Fernrezidivs in den 10 Jahren nach Diagnose und damit auch der wahrscheinliche Nutzen einer Chemotherapie abgeschätzt werden kann. Der Test liefert einen Recurrence-Score (RS), der zwischen 0 und 100 liegt.

Als die TailorX-Studie geplant wurde, gab es 2 prospektive Studien zum Test. Die B14-Studie mit Tamoxifen wies seinen prognostischen Wert nach: Frauen mit einem niedrigem RS unter 18, die adjuvant Tamoxifen über 5 Jahre erhielten, hatten demnach ein sehr niedriges Rezidivrisiko, nach 10 Jahren waren noch 93,2% frei von Fernmetastasen. Die B20-Studie prüften den prädiktiven Nutzen des Tests: Bei einem hohem RS von 31 oder höher war demnach das Risiko und der Nutzen der Chemotherapie hoch und diese damit sinnvoll.

Was tun bei mittlerem RS?

Doch unklar blieb, ob Frauen mit einem RS im mittleren Bereich, die in der Mehrzahl sind, eine Chemotherapie nutzt. Dies hat nun die prospektive TailorX-Studie untersucht. Zwischen April 2006 und Oktober 2010 wurden über 10.253 Frauen mit HR+, HER2-negativ und LK-negativem Mammakarzinom im Alter bis 75 Jahre in die Studie aufgenommen. Von den 9.719 auswertbaren Patientinnen hatten 6.711 (69%) einen mittleren RS von 11 bis 25, 1.619 Frauen (17%) einen RS höchstens10 und 1.389 (14%) einen RS mindestens 26.

Patienten mit RS 11 bis 25 erhielten in der Studie randomisiert entweder nur adjuvant eine endokrine Therapie (n = 3.399, Arm B) oder eine endokrine Therapie plus Chemotherapie (n = 3.312, Arm C). Geprüft wurde auf Nichtunterlegenheit der beiden Therapieregime in ihrem Effekt auf das invasive krankheitsfreie Überleben (IDFS). Frauen mit RS 0 bis 10 (n = 1.629) erhielten nur eine endokrine Therapie (Arm A), solche mit RS 26 bis 100 (n = 1.389) eine endokrine Therapie plus Chemotherapie (Arm D).

Die Patientinnen im randomisierten Teil der Studie (RS 11-25) waren im Median 55 Jahre alt, 33% waren nicht älter als 50 Jahre. 74% waren nach klinischen Kriterien der Niedrigrisiko- und 26% der Hochrisiko-Gruppe zuzuordnen. Häufigste Chemotherapie waren Docetaxel/Cyclophosphamid (56%) und Anthracyclin-haltige Regime (36%). Postmenopausale Frauen erhielten meist einen Aromatasehemmer (91%), prämenopausale Frauen wurden mit Tamoxifen oder Tamoxifen gefolgt von Aromatasehemmer behandelt. 13% wurden ovariell supprimiert.

Der primäre Endpunkt wurde in der ITT-Population nach 836 IDFS-Ereignissen und im Median 7,5 Jahren analysiert. Das Ergebnis: Die endokrine Therapie war nicht schlechter als die Kombination mit Chemo, wenn es darum ging ein invasives Wiederauftreten des Krebses zu verhindern (Hazard Ratio: 1,08; p = 0,26). „Der primäre Endpunkt wurde damit erreicht“, so Sparano.

Beide Therapien waren auch in der Wirkung auf ein Fernrezidiv (HR: 1,10; p = 0,48), auf das rezidivfreie Intervall (HR: 1,11; p = 0,33) und auf das Gesamtüberleben (HR: 0,99; p = 0,89) ähnlich wirksam. Die 9-Jahres-Ereignisraten in den randomisierten Armen B vs C waren ähnlich für:

  • Krankheitsfreies Überleben 83,3% vs 84,3%

  • Freiheit von Fernmetastasen 94,5% vs 95,0%

  • Gesamtüberleben 93,9% vs 93,8%

In Arm A (RS bis 10) waren 97% der Frauen nach 9 Jahren ohne Fernmetastasen, in Arm D (RS ab 26) war es bei 13% zu einem Rezidiv gekommen.

Zuvor nicht geplante exploratische Analysen in den randomisierten Gruppen ergaben einen Zusammenhang zwischen dem Alter und dem RS: Demnach hatten jüngere Frauen bis zu einem Alter von 50 Jahren und einem RS von 16 bis 25 doch einen gewissen Nutzen von der Chemotherapie.

Als Konsequenz der Studienergebnisse empfiehlt Sparano einen Verzicht auf die Chemotherapie

  • bei allen Frauen, die älter als 50 Jahre sind mit einem HR+, HER2-negativen, LK-negativen Mammakarzinom und einem RS zwischen 0 und 25

  • und bei allen Frauen bis zu einem Alter von 50 Jahren mit HR+, HER2-negativen, LK-negativen Mammakarzinom und einem RS zwischen 0 und 15.

 

Kommentar

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