EMA: 9 neue Medikamente, darunter Antikörper zur Migräneprophylaxe und synthetische DNA gegen Polyneuropathie

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

1. Juni 2018

Der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) empfiehlt 9 neue Medikamente zur Zulassung, darunter den ersten humanen monoklonalen Antikörper zur Migräneprophylaxe und 2 Arzneimittel zur Behandlung seltener Erkrankungen [1].

Migräneprophylaxe mit Antikörper

Der humane monoklonale Antikörper Aimovig™ (Erenumab, Novartis Europharm Limited ) gehört zu einer neuen Klasse von Medikamenten, die die Aktivität des Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) blockieren. Das Neuropeptid CGRP wirkt stark vasodilatativ und spielt eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Migräneanfällen.

Wirksamkeit und Sicherheit von Erenumab wurden in 2 Studien mit 667 Patienten mit chronischer Migräne und 955 Patienten mit episodischer Migräne untersucht. Nach 3 Behandlungsmonaten hatten Patienten mit chronischer Migräne im Schnitt 2,5 Migränetage weniger im Monat als Patienten in der Placebogruppe. Bei den Patienten mit episodischer Migräne betrug die Reduktion gegenüber Placebo entweder 1,3 oder 1,8 Migränetage, abhängig von der eingenommenen Dosis.

Die häufigsten Nebenwirkungen waren Hautreaktionen an der Injektionsstelle, Verstopfung, Muskelspasmen und Pruritus. Erenumab sollte dem CHMP zufolge nur bei Patienten eingesetzt werden, die mindestens an 4 Tagen im Monat Migräne haben. Es handelt sich um eine Injektionslösung, die einmal im Monat verabreicht wird. Nach angemessener Schulung können die Patienten das Arzneimittel selbst spritzen.

Synthetische DNA gegen Polyneuropathie

Das erste Medikament zur Behandlung einer seltenen Erkrankung, welches der CHMP bei seinem Meeting im Mai zur Zulassung empfohlen hat, ist Tegsedi™ (Inotersen, Ionis USA Ltd). Es dient der Behandlung von Polyneuropathien im Stadium 1 und 2 bei Patienten mit familiärer Transthyretin-Amyloidose. Bei dieser Erkrankung führen amyloidogene Mutationen dazu, dass das Blutprotein Transthyretin brüchig wird und sich im Gewebe ablagert. Jährlich erkranken in Europa pro 10 Millionen Einwohner 3 Menschen an familiärer Transthyretin-Amyloidose.

Die Behandlungsmöglichkeiten sind begrenzt und bestehen aus Lebertransplantation, einer Therapie mit Tafamidis (nur bei Polyneuropathie im Stadium 1) oder dem Off-Label-Einsatz nicht-steroidaler Antirheumatika. All diese Optionen haben bei Patienten mit Polyneuropathie im Stadium 2 oder 3 große Einschränkungen. Der Zulassungsantrag zu Inotersen wurde von der EMA deshalb in einem beschleunigten Verfahren bearbeitet.

Inotersen ist ein Antisense-Oligonukleotid, eine kurzes Stück synthetischer DNA, welches sich an die DNA in den Transthyretin-produzierenden Zellen heftet. Es wird erwartet, dass sich dadurch die Transthyretinproduktion und damit auch die Amyloidbildung reduziert.

Die Wirkung von Inotersen wurde in einer Studie mit Patienten untersucht, die an familiärer Transthyretin-Amyloidose und dadurch bedingter Polyneuropathie im Stadium 1 oder 2 litten. Die Studie habe klinisch relevante Effekte auf die neurologischen Manifestationen der Erkrankung und auf die Lebensqualität der Patienten gezeigt, berichtet der CHMP. Ob das Arzneimittel auch bei Polyneuropathie im Stadium 3 einen Effekt hat, wurde bislang nicht gezeigt.

Komplikationen des Leptinmangels behandeln

Eine weitere seltene Erkrankung, für die es auf Empfehlung des CHMP künftig eine neue Therapieoption geben wird, ist der Leptinmangel. Mit Myalepta® (Metreleptin, Aegerion Pharmaceuticals B.V.) sollen Komplikationen der Leptindefizienz bei Patienten mit generalisierter oder partieller Lipodystrophie behandelt werden.

Metreleptin ist ein rekombinantes humanes Leptinanalogon, welches die physiologischen Effekte von Leptin imitiert. Es reduziert bei Patienten mit Lipodystrophie die Akkumulation von Fett in Leber und Muskel und senkt den HBA1c-Level sowie die Triglyzeride. Die häufigsten Nebenwirkungen sind Hypoglykämien, Gewichtsverlust, Hautreaktionen an der Injektionsstelle und die Bildung neutralisierender Antikörper.

Biosimilars, Generika und erneute Überprüfungen

Weitere Zulassungsempfehlungen gab es für das Schizophrenie-Medikament Rxulti® (Brexpiprazol, Otsuka Pharmaceutical Europe Ltd) und 4 Biosimilars: Halimatoz, Hefiya und Hyrimoz (alle Sandoz GmbH) sind Adalimumab-Biosimilars zur Behandlung bestimmter Entzündungs- und Autoimmunerkrankungen. Das Biosimilar Trazimera (Trastuzumab, Pfizer Europe MA EEIG) dient der Behandlung von Mamma- und Magenkarzinomen.

Eine positive Empfehlung erhielt auch das Generikum Nityr™ (Nitisinon, Cycle Pharmaceuticals Ltd) zur Behandlung der hereditären Tyrosinämie vom Typ 1.

Einen negativen Bescheid gab es dagegen für Exondys™ (Eteplirsen, AVI Biopharma International Ltd). Mit dem Medikament soll die Duchenne-Muskeldystrophie behandelt werden. Der Antragsteller hat bereits eine Überprüfung der Empfehlung beantragt.

Der Antrag auf eine erneute Überprüfung der negativen Empfehlung zu Alsitek (Masitinib) vom April wurde dagegen vom Antragsteller zurückgezogen.

Indikationserweiterungen

Außerdem empfiehlt der CHMP Indikationserweiterungen für 3 Medikamente: Briviact® (Brivaracetam, UCB Pharma S.A.), Translarna™ (Ataluren, PTC Therapeutics International Limited) und Xeljanz® (Tofacitinib, Pfizer Limited).

Brivaracetam kann nun auch schon bei Kindern ab 4 Jahren zur adjuvanten Behandlung epileptischer Anfälle eingesetzt werden, zuvor erst ab dem 16. Lebensjahr. Das bei Duchenne-Muskeldystrophie eingesetzte Ataluren konnte bisher bei gehfähigen Patienten ab einem Alter von 5 Jahren, künftig schon ab 2 Jahren verwendet werden. Tofacitinib, bisher für rheumatoide Arthritis und Psoriasis-Arthritis indiziert, kann nach Empfehlung des CHMP nun auch bei Colitis ulcerosa eingesetzt werden.

Schmerzmittel auf dem Prüfstand

Der Ausschuss berichtet, dass er mit einer Überprüfung von Schmerzmitteln begonnen hat, die den Wirkstoff Metamizol enthalten. Derzeit existieren zwischen den einzelnen EU-Mitgliedsstaaten beträchtliche Unterschiede hinsichtlich der empfohlenen täglichen Höchstdosis und auch hinsichtlich der Kontraindikation bei schwangeren und stillenden Frauen.

Nach Abschluss der Überprüfung des zur Behandlung von Uterusmyomen eingesetzten Arzneimittels Esmya® (Ulipristalacetat, Gedeon Richter Plc) durch den PRAC bestätigt der CHMP die empfohlenen Maßnahmen, um das Risiko schwerer Leberschäden zu minimieren. Nach dem finalen Beschluss durch die Europäische Kommission werden Ärzte in der EU postalisch über die neuen Verschreibungsbedingungen für Ulipristalacetat informiert werden.

Einschränkungen für Krebsmittel

Auch die Prüfverfahren zu den beiden Krebsmedikamenten Keytruda® (Pembrolizumab, Merck/MSD) und Tecentriq® (Atezolizumab, Roche) sind abgeschlossen. Der CHMP empfiehlt den Einsatz von Pembrolizumab und Atezolizumab als Erstlinientherapeutika bei Urothelkarzinomen zu beschränken. Neue Daten deuten darauf hin, dass diese Medikamente bei einigen Patienten mit niedrigen PD-L1-Werten nicht so gut wirken wie eine Chemotherapie.

In 2 noch laufenden klinischen Studien war das Überleben reduziert, wenn Patienten mit niedrigen PD-L1-Werten in der Erstlinie mit einer der beiden Substanzen behandelt worden waren. Pembrolizumab und Atezolizumab sollen der Empfehlung zufolge nur bei Patienten mit hohen PD-L1-Werten in der Erstlinientherapie eingesetzt werden.

Zurückgezogen wurde nach Angaben des CHMP der Zulassungsantrag zu Restaysis (Ciclosporin, Allergan Pharmaceuticals International Limited), ein Medikament, welches zur Behandlung trockener Augen eingesetzt werden sollte.

 

Kommentar

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