Überraschende Nebenwirkung: Zusammenhang zwischen DPP-4-Hemmern und chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

22. Mai 2018

Orale Antidiabetika aus der Klasse der Di-Peptidyl-Peptidase-4(DPP-4)-Inhibitoren sind offenbar mit einem erhöhten Risiko für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) wie Colitis ulcerosa assoziiert. „Verglichen mit der Einnahme anderer Antidiabetika waren DPP-4-Inhibitoren mit einem Anstieg des Risikos für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen um 75% verbunden“, berichten die Autoren um Devin Abrahami von der Abteilung für Statistik, Epidemiologie und Arbeitsmedizin der McGill Universität in Montreal, Kanada, aufgrund einer Beobachtungsstudie [1].

„Der gezeigte Zusammenhang zwischen DPP-4-Inhibitoren und chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen ist überraschend“, sagt Prof. Dr. Stephan Martin, Chefarzt für Diabetologie und Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums in Düsseldorf, auf Nachfrage von Medscape. In Tierexperimenten habe es sogar Hinweise gegeben, dass DPP-4-Inhibitoren bei bestimmten Autoimmun-Erkrankungen schützend wirken könnten. „Wichtig ist aber, dass es sich offenbar um ein sehr seltenes Ereignis handelt, das absolute Risiko ist gering“, ergänzt Martin.

Der gezeigte Zusammenhang zwischen DPP-4-Inhibitoren und chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen ist überraschend.

Prof. Dr. Stephan Martin

Erhöhtes Erkrankungsrisiko unter DPP-4-Hemmern

Abrahami und sein Kollegen untersuchten eine Kohorte von 141.170 Patienten mit Typ-2-Diabetes aus einer britischen Datenbank der hausärztlichen Versorgung. Die Patienten hatten zwischen Januar 2007 und Dezember 2016 mit der Einnahme oraler Antidiabetika begonnen. Zu den verwendeten Substanzen zählten Metformin, Meglitinid, Glitazone, Acarbose, DPP-4-Inhibitoren, GLP-1-Rezeptoragonisten und SGLT2-Hemmer. Sie wurden bis Juni 2017 nachbeobachtet, median waren es 3,6 Jahre.

Im Laufe der Nachbeobachtung erkrankten insgesamt 208 Patienten an einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung, dies entspricht einer Inzidenzrate von 37,7 pro 100.000 Personenjahre. Von den mehr als 140.000 eingeschlossenen Patienten hatten knapp 22% im Studienzeitraum mindestens ein Rezept für DPP-4-Inhibitoren erhalten. Die Behandlungsdauer lag bei durchschnittlich 1,6 Jahren.

Die Einnahme von DPP-4-Inhibitoren war – im Vergleich zu den anderen oralen Antidiabetika – mit einem erhöhten Risiko für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen assoziiert: 53,4 vs 34,5 pro 100.000 Personenjahre (Hazard Ratio: 1,75).

Risiko abhängig von der Behandlungsdauer

Je länger die Patienten die DPP-4-Inhibitoren einnahmen, desto mehr nahm auch das Risiko für eine CED zu. Nach 3 bis 4 Jahren Behandlungsdauer erreichte es ein Maximum und hatte sich mit einer Hazard Ratio von 2,9 fast verdreifacht. Danach fiel das zusätzliche Risiko wieder ab.

In weiteren Analysen ergab sich hinsichtlich des CED-Risikos kein Unterschied zwischen verschiedenen DPP-4-Inhibitoren. Doch in nach der Art der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung stratifizierten Analysen zeigte sich: Während die Einnahme von DPP-4-Inhibitoren mit mehr als einer Verdoppelung des Risikos für Colitis ulcerosa einherging, gab es keine statistisch signifikante Assoziation mit Morbus Crohn.

Bei ständigen Magen-Darm-Beschwerden hellhörig werden

„Auch wenn diese Ergebnisse noch repliziert werden müssen, sollten sich Ärzte dieser möglichen Assoziation bewusst sein“, schreiben die Autoren. Martin stimmt dieser Einschätzung zu, betont aber noch einmal, dass es sich um ein „extrem geringes absolutes Risiko“ handelt. Die Number-Needed-to-Harm (NNH) betrug laut Abrahami und seinen Kollegen über eine Nachbeobachtungszeit von 2 Jahren 2.291 Patienten. Nach 4 Jahren waren es 1.177 Patienten.

Auch wenn diese Ergebnisse noch repliziert werden müssen, sollten sich Ärzte dieser möglichen Assoziation bewusst sein.

Devin Abrahami und Kollegen

„Auch wenn das absolute Risiko gering ist, sollten Ärzte … Patienten mit hohem Risiko – diejenigen mit Autoimmunerkrankungen in der Familie oder diejenigen, die bereits selbst an einer Autoimmunerkrankung leiden – vielleicht nicht mit DPP-4-Inhibitoren behandeln“, raten die Autoren um Abrahami.

Eine weitere Konsequenz dieser Studie sei, „bei Patienten mit persistierenden Magen-Darm-Beschwerden an die Möglichkeit einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung zu denken“, ergänzt Martin. Man sollte es bei der Entscheidung für ein Therapeutikum im Hinterkopf haben, resümiert er.

Einschneidende Konsequenzen für die Praxis sieht der Düsseldorfer Diabetologe allerdings nicht. „DPP-4-Inhibitoren befinden sich derzeit eher auf dem absteigenden Ast“, erklärt er. „Während mit SGLT2-Inhibitoren und GLP1-Agonisten sehr gute Erfolge auf kardiovaskuläre Endpunkte erzielt wurden, gibt es keine entsprechenden Ergebnisse für DPP-4-Inhibitoren.“

 

Kommentar

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