Aktionsbündnis Patientensicherheit sieht „starken Handlungsbedarf“ bei Digitalisierung und Gesundheits-Apps

Heike Dierbach

Interessenkonflikte

16. Mai 2018

Berlin – Die EC-Karte kann man inzwischen weltweit nutzen. Und die Gesundheitskarte? „Mit der kann man kaum etwas anfangen“, sagt Hedwig François-Kettner, Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit (APS).

Dabei könnten mehr verfügbare Daten Leben retten: „Wie oft habe ich es in der Rettungsstelle erlebt, dass wertvolle Zeit verstrichen ist, weil wir keine Informationen über bewusstlose Patienten hatten.“ Warum nicht auf der Karte speichern, wenn jemand beispielsweise Bluter ist? Die Chancen digitaler Anwendungen in der Medizin, aber auch die Fallstricke, waren Schwerpunkt auf der Jahrestagung des APS in Berlin [1].

Apps sollten nicht zu viele Daten abfragen

Das APS sieht bei der Digitalisierung in Deutschland „starken Handlungsbedarf“. Notwendig sei etwa ein Innovationsbudget für digitale Anwendungen und (die jetzt erfolgte) Lockerung des Fernbehandlungsverbots. „Wir hoffen auf eine konzertierte Aktion der Politik und der verschiedenen Ministerien, die an einem Strang ziehen müssen“, sagt François-Kettner.

 
Wir hoffen auf eine konzertierte Aktion der Politik und der verschiedenen Ministerien, die an einem Strang ziehen müssen. Hedwig François-Kettner
 

Es müsse aber klar sein, dass der Patient Eigentümer seiner Daten bleibe. Dies sei allerdings bei vielen kommerziellen Apps nicht gegeben. Das APS hat daher eine Checkliste für die Nutzung von Gesundheits-Apps herausgegeben, mit der Bürger die Sicherheit von Angeboten überprüfen kann.

So sollten beispielsweise nur Apps mit Impressum genutzt werden. Das Programm sollte nur die Daten einfordern, die für die Funktionalität erforderlich sind. Es sollte zudem eine Möglichkeit geben, gespeicherte Daten wieder zu löschen. Empfehlenswert sind Apps mit Siegel wie etwa vom TÜV Rheinland.

Aber ist es realistisch, dass der Patient derart kompetent im Umgang mit digitalen Gesundheitsanwendungen wird – wo es generell mit der Gesundheitskompetenz in Deutschland nicht weit her ist (wie Medscape berichtete)? „Man muss wenigstens den Versuch unternehmen, die Kompetenz in diesem Bereich zu steigern“, so Hardy Müller, Geschäftsführer des APS.

 
Man muss versuchen, die Kompetenz in diesem Bereich zu steigern. Hardy Müller
 

Aber auch Ärzte haben bei der digitalen Sicherheit Nachholbedarf. Für sie hat das APS eine Broschüre mit Handlungsempfehlungen erarbeitet. Darin werden häufige IT-Risiken für die Patientensicherheit mit Beispielen erläutert. Etwa der Bildschirm, der von Patienten seitlich nicht einzusehen sein sollte, aber oft einzusehen ist: Ein Patient entdeckte dort zufällig den Namen seines Kollegen samt Diagnose.

Oder unsichere Cloud-Dienste, die bei einer Klinik dazu führten, dass sich OP-Diktate in Internetforen wiederfanden. In einer anderen Klinik wurde der automatische Alarm bei der Überwachung eines Patienten nicht ausgelöst, als bei ihm ein Notfall auftrat. Auch die Alarmierung über das entsprechende Mobiltelefon funktionierte nicht – der Patient starb unbemerkt.

Blutdruck-Tagebuch nie mehr vergessen

Bei richtiger Anwendung kann die Digitalisierung aber auch Menschenleben retten. Die Berliner Charité stellte hierzu auf der Jahrestagung ein Pilotprojekt vor, mit dem ab Sommer Patienten nach einer Nierentransplantation – vor allem im ländlichen Raum – besser versorgt werden sollen.

 
Die Patienten fragen digitale Anwendungen regelrecht nach. Prof. Dr. Klemens Budde
 

„Bisher ist es oft so, dass der Patient zur Nachkontrolle in die Klinik kommt und von einem neuen Medikament berichtet, das ihm der niedergelassene Nephrologe verschrieben hat. Das war so eine grüne Tablette, die fing mit C an“, berichtete Prof. Dr. Klemens Budde, leitender Oberarzt der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Nephrologie und Internistische Intensivmedizin, on einem typischen Fall. Das Blutdruck-Tagebuch habe er zwar geführt, aber heute zu Hause vergessen.

Die entstehenden Informationslücken können fatale Folgen haben: So gehen Schätzungen heute davon aus, dass zwischen 16 und 36% der transplantierten Nieren aufgrund mangelnder Therapietreue verloren gehen. Deshalb hat die Charité gemeinsam mit Partnern ein System entwickelt, das möglichst viele Informationen sichert und verfügbar macht. Patient, Arzt und weitere Behandler können sich dort einloggen – auch mobil – und Werte eintragen oder abrufen.

 Das System informiert den Arzt dann automatisch, wenn Verordnungen nicht miteinander kompatibel sind. Oder den Patienten, wenn sein Blutdruck einen kritischen Wert übersteigt und er besser seinen Arzt anrufen sollte. „Das Gute ist, dass das System in beide Richtungen funktioniert“, sagt Budde. Zudem bietet es den Ärzten eine sichere Kommunikation per Videotelefon: „Wir können dann direkt mit den Kollegen auf dem Land zusammenarbeiten.“

Wer welche Daten einsehen darf, bestimmt der Patient. Budde hofft, mit der Anwendung einen Prototyp für eine sichere umfassende digitale Betreuung in Deutschland etablieren zu können – getreu dem Motto: „If you can make it here, you can make it everywhere.“

AOK, Techniker Krankenkasse, SAP und verschiedene Pharmaunternehmen beteiligen sich bereits an dem Projekt. Auch bei den Patienten erlebt Budde eine große Offenheit für digitale Innovationen: „Die Patienten fragen digitale Anwendungen regelrecht nach.“

 

Kommentar

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