Notfallversorgung: Rund 700 Ambulanzen mit Portalpraxen sollen es richten

Christian Beneker

Interessenkonflikte

9. Mai 2018

Die Notfallversorgung an den Krankenhäusern wankt: Zu viele Patienten mit Lappalien kommen in die Notaufnahmen, und den Ärzten und Pflegenden bleibt zu wenig Zeit für die wirklichen Notfälle. Ein bekanntes Problem. Das Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) schlägt nun in einem Gutachten vor, die Notfallversorgung auf rund 700 Krankenhäuser in Deutschland zu konzentrieren, dort flächendeckend Portalpraxen einzurichten und die Patienten konsequenter zu steuern [1].

Die Portalpraxen und die Notaufnahmen der Krankenhäuser sollten abgestimmte Öffnungszeiten haben und einen „gemeinsamen Tresen“, von wo die Patienten in die passende Versorgungsschiene gelenkt werden. Für die Patienten mit leichten Erkrankungen stehen in den Portalpraxen dazu Hausärzte bereit, so der Vorschlag.

Wie viele Portalpraxen sind nötig? 2 Szenarien untersucht

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat die Studie in Auftrag gegeben. Die KBV wollte wissen, wie viele Portalpraxen für die Notfallversorgung nötig sind.

Das Gutachten vergleicht 2 Szenarien, um zu einer Lösung zu kommen. Eines fragt: Was wäre, wenn die Krankenhäuser mit einer Notfallambulanz und einer Portalpraxis in Deutschland gleichmäßig im Land verteilt wären und innerhalb von 30 Minuten von jedem Ort des Landes ein solches Haus zu erreichen wären?

 
Diese Zahlen verdeutlichen, dass wir nicht an jeder Klinik eine Portalpraxis brauchen. Das wäre vollkommen unwirtschaftlich. Dr. Andreas Gassen
 

Nach der RWI-Rechnung käme man auf bundesweit 337 Krankenhäuser. Sie könnten theoretisch den Bedarf an Notfallversorgung im ganzen Land gleichmäßig befriedigen. Aber die Krankenhäuser liegen natürlich nicht gleichmäßig verteilt auf der grünen Wiese.

Darum hat das RWI ein zweites Szenario geprüft. Darin geht es von den realen Standorten der Krankenhäuser aus, an die Portalpraxen angegliedert und die innerhalb von höchstens 30 Minuten erreicht werden könnten. Die durchschnittliche Anfahrtszeit betrüge sogar nur 17 Minuten.

Um dieses Szenario zu realisieren, bräuchte es genau 736 entsprechend ausgestattete Krankenhäuser, so das RWI. Mit anderen Worten: Von den tatsächlich 1.456 Krankenhäusern, die an der Notfallversorgung der Deutschen teilnehmen, wären 657 Standorte „nicht nötig, weil mehr als ein Standort im 30-Minuten-Umfeld vorhanden“ wäre, so das RWI.

Telefonischer Erstkontakt gefordert

Damit nicht genug. Zukünftig sollten die Patienten mit akuten Gesundheitsproblemen nicht einfach nach einer halben Stunde Autofahrt in einer Notfallambulanz auftauchen, sondern zuerst telefonieren. „Vor Inanspruchnahme einer notfallmedizinischen Leistung ist ein telefonischer Erstkontakt zu fordern“, um eine Telefon-Triagierung vorzunehmen, heißt es in dem RWI Bericht.

 
Selbst wenn ausreichend Finanzmittel vorhanden wären, könnte man nicht an jeder Klinik eine Portalpraxis einrichten. Für so viele Standorte gibt es nicht genügend medizinisches Fachpersonal. Dr. Stefan Hofmeister
 

So könnten die Patienten auch besser in die nächste Notfallambulanz mit einer Portalpraxis oder in eine KV-Notdienstpraxis gelenkt werden.

Zustimmung von der KBV

Dr. Andreas Gassen

Die KBV reagierte zustimmend auf die Studie des RWI. „Diese Zahlen verdeutlichen, dass wir nicht an jeder Klinik eine Portalpraxis brauchen. Das wäre vollkommen unwirtschaftlich“, sagte Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV, laut einer Pressemitteilung.

Er verwies im Übrigen darauf, dass bereits an fast 650 Krankenhäusern mit Notaufnahmen auch Portalpraxen existierten. Derartige Praxen an jeder Notaufnahme zu installieren wäre indessen schon deshalb unmöglich, weil dazu die Ärzte fehlten, ergänzt KBV Vize Dr. Stefan Hofmeister. „Selbst wenn ausreichend Finanzmittel vorhanden wären, könnte man nicht an jeder Klinik eine Portalpraxis einrichten. Für so viele Standorte gibt es nicht genügend medizinisches Fachpersonal – das gilt für Ärzte genauso wie für medizinische Fachangestellte“, sagte er.

Die telefonische Triagierung solle laut Hofmeister künftig über die Bereitschaftsdienst-Rufnummer 116 117 stattfinden. „Wir wollen dem Patienten mit dieser Nummer einen kompetenten Ansprechpartner zur Seite stellen, der sofort für sie da ist und für eine bedarfsgerechte Behandlung sorgt“, sagt Hofmeister. Aber die Patienten sollten auch selbst lernen, sich mit ihrem Anliegen an die richtige Adresse zu wenden.

 
Wir brauchen darum eine vernünftige Kooperation zwischen den KV-Praxen an den Krankenhäusern und den Notaufnahmen. Joachim Odenbach
 

Reaktion der DKG: Vernünftige Kooperation zwischen KV-Praxen an Krankenhäusern und Notaufnahmen gefordert

Anders die Deutsche Krankenhausgesellschaft. Nach DKG-Zahlen gehören etwa ein Drittel aller „Notfall“-Patienten gar nicht in die Notaufnahmen der Krankenhäuser. „Wir brauchen darum eine vernünftige Kooperation zwischen den KV-Praxen an den Krankenhäusern und den Notaufnahmen“, sagt Joachim Odenbach, Sprecher der DKG zu Medscape.

Die Logik, eine theoretisch notwendige Menge von Notaufnahmen plus Portalpraxen zu errechnen, sei aber unrealistisch, meint Odenbach. Auch wenn eine telefonische Triagierung hilfreich sein könne: „Das individuelle Gefühl, ein Notfall zu sein, das bekommt man bei den Patienten nicht einfach so weg. Die Menschen werden immer dahin gehen, wo ihnen geholfen wird.“

Zwar setzt Odenbach auf „gute Kooperation mit den KVen in der Notaufnahme.“ Aber: „Es darf in den Krankenhäusern keine Fremdbestimmung geben!“ Im Zweifel müssten die Krankenhäuser sogar ganz die ambulante Notfallversorgung übernehmen, wenn einfach keine Niedergelassenen für diese Aufgabe mehr da seien.

 

Kommentar

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