„Rosinen-Picken“ schwer gemacht: Jeder 4. Patient fühlt sich nicht genügend informiert, um den richtigen Arzt zu finden

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

8. Mai 2018

Wie gut ist mein Hausarzt im Vergleich zu anderen? Ist der Orthopäde der richtige für die Erkrankung? Wird in der Praxis auf Hygiene geachtet, sind alle nötigen Geräte vorhanden? Bislang findet man als Patient vor dem Gang in die Arztpraxis kaum Antworten auf solche Fragen. Viele Daten sind schon vorhanden – insofern wären Arztsuchportale mit solchen Informationen umsetzbar. Doch es fehle der politische Wille zu mehr Transparenz und ein Gesamtkonzept. Das ist das Fazit, das die Autoren einer Studie der Weissen Liste und der Bertelsmann Stiftung auf Grundlage einer bevölkerungsrepräsentativen Umfrage von Kantar Emnid, einer Ländervergleichsstudie des IGES-Instituts sowie eines ergänzenden Rechtsgutachtens ziehen.

Rund jeder 4. Deutsche (27%) fürchtet, aufgrund fehlender Information nicht den richtigen Arzt zu finden. Über die Hälfte der Bürger wünschen sich mehr wichtige und neutrale Informationen. „Die bisherige Arztwahl in Deutschland basiert im weitesten Sinne auf dem Prinzip ‚trial and error‘. Die Mehrheit der Patienten weiß nicht, welche Expertise, Erfahrung und Ausstattung sie hinter der Praxistür erwartet“, kommentiert Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, die Studienergebnisse. „Dabei liegen viele Informationen bereits vor. Andere Länder zeigen, wie sie zum Nutzen der Patienten öffentlich präsentiert werden können. Deutschland bleibt hier deutlich hinter seinen Möglichkeiten zurück“, so Mohn weiter.

Was Patienten wissen wollen

Wichtig sind den Befragten Informationen über:

  • Fachkenntnis und Erfahrungen mit der Behandlung der eigenen Krankheit (90%)

  • Hygiene in der Praxis (90%)

  • Zusatz-Leistungen wie z.B. Hautscreenings, Vorsorgeuntersuchungen (80%)

  • Behandlungsergebnisse des Arztes bei bestimmten Erkrankungen (80%)

  • Zufriedenheit anderer Patienten (75%)

  • Ausstattung der Praxis z.B. Röntgen-und Ultraschallgeräte (74%)

In allen Belangen jedoch fühlen sich die Befragten nicht ausreichend informiert. Am größten ist die Diskrepanz aber im Bereich der Praxis-Hygiene – 90% der Befragten klagen über fehlende Informationen. „Das hat uns selbst überrascht, wir hätten diese hohe Zahl so nicht erwartet, für den Bereich Krankenhaus ja, aber nicht bei niedergelassenen Ärzten“, sagt Dr. Stefan Etgeton auf Nachfrage von Medscape.

 
Die bisherige Arztwahl in Deutschland basiert im weitesten Sinne auf dem Prinzip ‚trial and error‘. Brigitte Mohn
 

Nicht gut genug informiert fühlen sich Patienten auch über die apparative Ausstattung ihres Arztes. „Die Frage an die Patienten, wie wichtig ihnen die apparative Ausstattung ihres Arztes ist, ist für die Patienten offenbar eine Art Gradmesser wie ‚modern‘ der Arzt bzw. die Praxis ist. Eine Rolle für die Befragten spielt sicher auch, dass ein Patient, ist die Ausstattung einer Praxis gut, an einem Ort mehrere Untersuchungen erledigen kann, das sind ganz praktische Überlegungen“, erklärt Etgeton.

Ginge es nach den Befragten, wäre das Internet ein passender Ort, diesen Informationsmissstand zu beheben. Allerdings sollten Arztsuchportale neutral und werbefrei sein, das heben 86% der Befragten hervor. Es mag auf den ersten Blick überraschen, dass das Thema „wieviel Zeit nimmt sich der Arzt“ nicht auftaucht. Doch in der Umfrage wurde nicht explizit danach gefragt. Indirekt schlage sich der Aspekt aber beim Punkt „Zufriedenheit anderer Patienten“ nieder, so Etgeton.

Schutz persönlicher Daten steht Informationsfreiheit nicht im Weg

In Deutschland werden Daten über die Ausstattung, das Leistungsspektrum und die Erfahrungen der Ärzte von den KVen erhoben. Bislang sind diese Daten aber nicht öffentlich zugänglich. Im Gegensatz zu anderen Ländern: England und die USA beispielsweise gehen offener mit ihren Daten um. Patienten können sich dort ohne Zugangsbeschränkungen darüber informieren, welche Leistungen ein Arzt wie oft und in welcher Qualität anbietet. Dazu werden Abrechnungsdaten von einer staatlichen Institution ausgewertet. Außerdem werden Patienten regelmäßig seriös zu ihren Erfahrungen mit dem Arzt oder der Praxis befragt. Ein Aspekt, den die Macher der Studie auch gerne in Deutschland verwirklicht sähen: „Wir wünschen uns regelmäßige flächendeckende Patientenbefragungen“, sagt Etgeton.

Häufig wird gegen den offeneren Umgang mit Versorgungsdaten der Datenschutz ins Feld geführt. Die Bertelsmann Stiftung hat ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, um prüfen zu lassen, ob der Datenschutz einer transparenteren Patienteninformation oder der Nutzung der Daten in der Versorgungsforschung im Wege steht. Das Gutachten kommt zu dem Schluss, dass die Privatsphäre bei anonymer Nutzung der Daten nicht gefährdet würde. Mit Blick auf die Ärzte müsse das Informationsinteresse der Öffentlichkeit aber gleichrangig mit deren Schutzbedürfnissen gewürdigt werden. Kommen zusätzliche Belange wie der Gesundheitsschutz und das Patientenwohl hinzu, könne die Offenlegung der Daten sogar geboten sein.

Ein Gesamtkonzept für besser informierte Patienten

„Patienten haben eine sehr genaue Vorstellung davon, welche Informationen ihnen fehlen, um mehr Sicherheit bei der Arztwahl zu erhalten. Aber in Deutschland werden ihnen diese bisher vorenthalten", sagt Roland Rischer, Geschäftsführer der Weissen Liste. Die Studienergebnisse zeigten, dass Deutschland im internationalen Vergleich zurückbleibe. Auch Marcel Weigand von der Weissen Liste hebt hervor, dass andere Länder den ambulanten Bereich transparenter machen: „Dänemark oder die USA veröffentlichen im Internet Daten, die Patienten bei der Arztsuche helfen können – diese Daten liegen in Deutschland bislang unter Verschluss.“

Nach Rischer sind jetzt die Gesundheitspolitiker gefordert: „Sie sollten den gesetzlichen Rahmen so verändern, dass Patienten in Deutschland alle benötigten Informationen haben, um den richtigen Arzt zu finden. Nach dem Vorbild anderer Länder sollten sie eine neutrale Datenannahmestelle errichten und die Kassenärztlichen Vereinigungen dazu verpflichten, ihre Daten bereitzustellen.“ Er fügt hinzu: „Darüber hinaus sollten Patientenerfahrungen, die Arztpraxen erheben, veröffentlicht werden. Dann hätten Arztsuchportale eine gute Basis, um dem ausgeprägten Wunsch der Patienten nach mehr Informationen über Qualität und Ausstattung von Ärzten nachzukommen.“

 
Patienten haben eine sehr genaue Vorstellung davon, welche Informationen ihnen fehlen, um mehr Sicherheit bei der Arztwahl zu erhalten. Aber in Deutschland werden ihnen diese bisher vorenthalten. Roland Rischer
 

Das Wissen darüber, dass es Qualitätsunterschiede in der Gesundheitsversorgung gebe, ist mittlerweile auch in Deutschland weit verbreitet, so Weigand. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung gehe dabei nicht von geringen, sondern eher starken bis sehr starken Unterschieden aus. Das belegten z.B. repräsentative Umfragen von TNS Emnid im Auftrag der Weissen Liste. Doch die Qualitätsunterschiede zu beurteilen ist für Patienten bei niedergelassenen Ärzten schwierig.

Während Krankenhäuser seit mehr als 10 Jahren gesetzlich verpflichtet sind, regelmäßig über ihre Strukturen, Leistungsangebote und Behandlungsergebnisse zu berichten, gibt es für die ambulante Versorgung in Deutschland bislang keine vergleichbaren gesetzlichen Grundlagen. Was die Transparenz der Versorgungsqualität angeht, hinkt der ambulante Bereich nicht nur dem stationären deutlich hinterher.

Auch im internationalen Vergleich ist die Offenlegung von Daten der ambulanten Versorgung in Deutschland nach wie vor unterentwickelt. Nun plant die Weisse Liste, bis Mitte des Jahres einen Prototypen vorzustellen, der aufzeigt, wie eine ideale Arztsuche auf Basis der Studienerkenntnisse aussehen könnte. Geplant ist, die Suchfunktion so zu gestalten, als seien die Daten der KVen bereits öffentlich zugänglich.

 

Kommentar

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