Anämie im Alter ist weder „normal“, noch harmlos – erstmals wissenschaftlich fundierte Referenzwerte für Ältere

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

3. Mai 2018

Nach langjährigen Kontroversen gibt es für geriatrische Patienten erstmals wissenschaftlich fundierte Hämoglobin-Grenzwerte. Liegt der Spiegel unter 12 g/dl bei Frauen oder unter 13 g/dl bei Männern, ist von einer Eisenmangel-Anämie auszugehen, berichtet die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG) auf Basis einer Patientenkohorte. Sie hat ein Positionspapier mit 3 Konsensus-Statements veröffentlicht [1]:

  • Anämie im Alter ist weit verbreitet, aber kein physiologisch normaler Vorgang.

  • Referenzwerte für Hämoglobin sind unabhängig vom Alter.

  • Anämie im Alter ist mit funktionellen und kognitiven Beeinträchtigungen assoziiert. Deshalb wird zu weitergehender Diagnostik und Therapie geraten.

WHO-Eckdaten bestätigt

Grundlage dieser Empfehlungen ist eine Querschnittsstudie mit 30.611 Patienten über 60 Jahren. Im Jahr 2015 hat eine bundesweit tätige Laborgemeinschaft Daten aus Blutbildern erfasst. Ärzte fanden 4.641 hämatologisch gesunde Patienten.

Bei ihnen bewegten sich alle erythrozytären Parameter im Bereich der Referenzwerte der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO). Auch der Hämoglobinwert entsprach bekannten Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO. Demnach liegen die Grenzen bei 12 g/dl für Frauen und 13 g/dl für Männer.

 
Basierend auf diesen Daten kann jetzt der Diskussion um die Etablierung altersspezifischer Referenzwerte … bei deutschen Patienten über 60 Jahren endlich ein Ende gesetzt werden. Dr. Gabriele Röhrig
 

„Basierend auf diesen Daten kann jetzt der Diskussion um die Etablierung altersspezifischer Referenzwerte für Hämoglobin und erythrozytäre Parameter bei deutschen Patienten über 60 Jahren endlich ein Ende gesetzt werden“, kommentiert Dr. Gabriele Röhrig. Sie ist Leiterin der DGG-Arbeitsgruppe Anämie. Zuvor war aus wissenschaftlicher Sicht unklar, ob periphere Blutwerte auch für ältere Menschen gelten, was sich auf historische Gründe zurückführen lässt.

1969 hatte die WHO junge Männer und schwangere Frauen untersucht, um herauszufinden, welche Hämoglobin-Werte als normal zu betrachten sind. Ältere Menschen wurden nicht eingeschlossen und jahrzehntelange Diskussionen folgten.

Eine Hypothese war, dass falsche Normwerte vermeintlich hohe Anämie-Prävalenzen im Alter erklären. Dies sei Röhrig zufolge endgültig widerlegt worden. „Wir dürfen nicht denken, dass niedrigere Hämoglobinwerte und damit weniger rote Blutkörperchen im Blut geriatrischer Patienten normal sind, nur weil die Menschen alt sind“, ergänzt die Expertin.

Behandlungsbedarf abklären

Sie bewertet die Anämie als „Risikofaktor für multifunktionelle Einschränkungen im Alter“. Bei den Patienten könne es zu Einschränkungen physischer und psychischer Funktionen kommen. Assoziationen mit der Morbidität und Mortalität im Alter seien ebenfalls bekannt.

 
Wir dürfen nicht denken, dass niedrigere Hämoglobinwerte und damit weniger rote Blutkörperchen im Blut geriatrischer Patienten normal sind, nur weil die Menschen alt sind. Dr. Gabriele Röhrig
 

„Gerade vor dem Hintergrund der großen klinischen Relevanz der Anämie im Alter gewinnt die Ermittlung von Normwerten für das Blutbild älterer Menschen an Bedeutung“, so Röhrig. Ärzte können anhand des Blutbildes klären, ob weiterer Handlungsbedarf besteht. Sie sollten der DGG zufolge auf alle Fälle handeln, da Anämie als Risikofaktor für multifunktionelle Einschränkungen gilt und bei multimorbiden Patienten die weitere klinische Entwicklung negativ beeinflusst.

Röhrig sieht über die aktuellen Ergebnisse hinaus weiteren Handlungsbedarf. Die aktuell bestätigten Hämoglobin-Referenzwerte gelten nur für Deutschland. Die Expertin will nicht ausschließen, dass es in anderen Regionen der Welt zu Abweichungen kommt. Außerdem planen Forscher, anhand der Patientenkohorte weitere Referenzwerte für geriatrische Patienten zu ermitteln. Im Fokus stehen Ferritin, Transferrin und das C-reaktive Protein (CRP). Resultate sollen noch in diesem Jahr veröffentlicht werden.

 

Kommentar

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