Gute Nachricht für Frauen mit Brustkrebs: Chemo und Bestrahlung erhöhen nicht die Gefahr, an einem Herzleiden zu sterben

Anke Brodmerkel

Interessenkonflikte

19. April 2018

Das Risiko von Frauen mit einem Mammakarzinom infolge einer Chemo- oder Strahlentherapie an einem Herzleiden zu sterben, ist nicht größer als das entsprechende Risiko der Durchschnittsbevölkerung. Dies ist das Ergebnis einer Kohortenstudie mit fast 350.000 Brustkrebs-Patientinnen aus den USA.

Prof. Dr. Hermann Brenner

Wissenschaftler um den Epidemiologen Prof. Dr. Hermann Brenner vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg haben die Analyse im European Heart Journal publiziert [1]. Auch Antikörper-Therapien bei HER2-positiven Patientinnen sind der Untersuchung zufolge offenbar nicht mit einem erhöhten Sterberisiko aufgrund einer Herzerkrankung verbunden.

DKFZ-Forscher analysierten Daten aus US-amerikanischem Krebsregister

„Wir waren von diesem Ergebnis zunächst selbst überrascht“, wird der Erstautor der Studie, Janick Weberpals, Doktorand am DKFZ, in einer Pressemitteilung des DKFZ zitiert. Mehrere klinische Studien hatten in der Vergangenheit darauf hingedeutet, dass Chemo- und Strahlentherapien mit einem erhöhten Risiko einhergehen, infolge der Behandlung an einem Herzleiden zu erkranken. Man nahm sogar an, dass für einige Patientinnen die Gefahr, nach einer überstandenen Therapie langfristig an deren Nebenwirkungen zu sterben, größer sein könnte als das Risiko, der Brustkrebserkrankung selbst zu erliegen.

„Doch wir gehen davon aus, dass unsere Untersuchung ein realistischeres Bild von der tatsächlichen Situation der Behandlung zeichnet, als es bei klinischen Studien der Fall ist“, sagt Weberpals. Für klinische Studien würden Probandengruppen nach speziellen Kriterien zusammengestellt, lautet die Begründung. Die Auswertung der Krebsregister, die die DKFZ-Forscher vorgenommen haben, berücksichtigten dagegen alle darin erfassten Brustkrebs-Patientinnen.

Unklar bleibt, inwieweit das Herz durch die Krebstherapien leidet

Dr. Lorenz Lehmann

„Es handelt sich hier um eine wichtige Studie, die eine Trendwende einläuten könnte, wenn es darum geht, die kardiologische Mitbegleitung bei Patienten mit Chemo- und Strahlentherapien zu bewerten – die bei Patientinnen mit Brustkrebs schon verhältnismäßig weit verbreitet ist“, kommentiert Dr. Lorenz Lehmann, Leiter der Kardio-Onkologischen Sektion am Universitätsklinikum Heidelberg, im Gespräch mit Medscape.

 
Es handelt sich hier um eine wichtige Studie, die eine Trendwende einläuten könnte, wenn es darum geht, die kardiologische Mitbegleitung bei Patienten mit Chemo- und Strahlentherapien zu bewerten. Dr. Lorenz Lehmann
 

Bislang gebe es zu diesem Thema nur recht wenige, ältere Daten, die noch auf eine erhöhte kardiale Sterblichkeit hinwiesen. „Brenner und seinem Team ist es gelungen, den Zusammenhang an einem großen und aktuellen Kollektiv zu beleuchten“, sagt Lehmann. Die Studie unterstreiche damit auch die große Bedeutung von Krebsregistern.

Allerdings müssten zunächst natürlich noch prospektive Daten die Ergebnisse der retrospektiven Analyse bestätigen, betont der Kardiologe. Zudem sei unklar, inwieweit sich die gleichen Resultate auch in einem europäischen Kollektiv finden lassen würden. Als eine Einschränkung der Studienergebnisse betrachtet Lehmann zudem die Tatsache, dass die DKFZ-Forscher nur eine Aussage zur Mortalität treffen können.

„Die Untersuchung gibt auf diese Weise wenig Aufschluss darüber, inwieweit das Herz der Brustkrebs-Patientinnen durch eine Chemo- oder Strahlentherapie trotzdem geschädigt wurde und zu Einschränkungen der Leistungsfähigkeit im Alltag führte“, sagt der Mediziner.

Die häufigste Todesursache war die Krebserkrankung selbst

Um das Sterberisiko der Frauen aufgrund eines Herzleidens zu ermitteln, wertete das Team um Brenner die Daten von 347.476 Patientinnen aus US-amerikanischen Krebsregistern aus. Die Frauen waren in den Jahren 2000 bis 2011 an Brustkrebs erkrankt und wurden daraufhin mit einer Strahlen- oder Chemotherapie behandelt und bis zum Jahr 2014 beobachtet.

Die Wissenschaftler verglichen die Daten dieser Patientinnen mit denen der weiblichen Durchschnittsbevölkerung in den USA und kamen dabei zu einem eindeutigen Ergebnis: Die Gefahr, langfristig an einer Herzerkrankung zu sterben, ist nach einer Brustkrebs-Behandlung demnach nicht größer als bei Frauen, die sich einer solchen Therapie bislang nicht haben unterziehen müssen.

 
Die Untersuchung gibt … wenig Aufschluss darüber, inwieweit das Herz der Brustkrebs-Patientinnen durch eine Chemo- oder Strahlentherapie trotzdem geschädigt wurde. Dr. Lorenz Lehmann
 

Sogar das Gegenteil war bei den Berechnungen der Fall: Das Sterberisiko infolge einer Herzerkrankung war bei den Brustkrebs-Patientinnen niedriger und lag im Vergleich zur weiblichen Durchschnittsbevölkerung bei 84%. Auch in einer Subgruppen-Analyse von HER2-positiven Patientinnen konnten die Forscher gegenüber den HER2-negativen Frauen keine erhöhte Mortalität aufgrund von Herzleiden ausmachen.

Die häufigste Sterbeursache war bei allen Patientinnen die Krebserkrankung selbst – gefolgt von anderen Erkrankungen, die weder onkologisch noch kardiovaskulär bedingt waren.

Engmaschige Kontrollen, um Nebenwirkungen auf das Herz frühzeitig zu erkennen

Zum Teil ließen sich die beobachteten Ergebnisse wahrscheinlich auf ein gutes Risikomanagement in den Kliniken, etwa durch spezielle kardio-onkologische Einheiten, zurückführen, heißt es in der Pressemitteilung des DKFZ. Dabei werde das individuelle Risiko einer Patientin, aufgrund der Brustkrebsbehandlung eine Herzerkrankung zu erleiden, bereits bei der Auswahl der geeigneten Therapie berücksichtigt.

Engmaschige Kontrollen im Verlauf der Behandlung ermöglichten es zudem, Nebenwirkungen auf das Herz frühzeitig zu erkennen, die onkologische Therapie entsprechend anzupassen sowie eine mögliche Herzerkrankung rasch zu behandeln.

„Das Ergebnis unserer Studie werten wir als sehr positiv für die Behandlung von Brustkrebs“, fasst Brenner zusammen. Es zeige, dass das Nutzen-Risiko-Verhältnis für die meisten Patientinnen stimme. „Insbesondere ist es aber eine sehr gute Nachricht für die große Zahl der Patientinnen, dass sie sich bei einer guten medizinischen Betreuung und nach überstandener Brustkrebserkrankung nicht mehr Sorgen bezüglich tödlicher Herzerkrankungen machen müssen als Frauen gleichen Alters ohne Brustkrebs“, so Brenner.

Die kardiologische Betreuung von Krebspatienten soll ausgeweitet werden

Eine zunehmend bessere kardio-onkologische Betreuung sei eine mögliche Erklärung für die beobachteten Ergebnisse, sagt auch der Kardiologe Lehmann, dessen kardio-onkologische Ambulanz im Jahr 2016 als erste ihrer Art in Deutschland eröffnet wurde. Dort werden Krebspatienten vor, während und nach ihrer Therapie engmaschig durch einen Kardiologen betreut, um mögliche Herzschäden frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Man arbeite derzeit intensiv daran, so Lehmann, solche Ambulanzen deutschlandweit aufzubauen.

 

REFERENZEN:

1. Weberpals J, et al: European Heart Journal (online) 9. April 2018

 

Kommentar

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