Pillen statt Skalpell: Blinddarm-Entzündung bei Kindern lässt sich überwiegend mit Antibiotika therapieren

Heike Dierbach

Interessenkonflikte

16. April 2018

Berlin – Bei einem Kind ist der Blinddarm akut entzündet? Dann muss sofort operiert werden! Dies ist bislang verbreitete Meinung und Praxis. Doch neue Studien zeigen: In vielen Fällen reicht eine Behandlung mit Antibiotika aus.

„Nur in bestimmten Fällen, etwa wenn die Therapie nicht anschlägt oder wenn sich ein Fremdkörper im Appendix befindet, ist eine Operation notwendig“, sagte Prof. Dr. Bernd Tillig, Direktor der Klinik für Kinder- und Neugeborenen-Chirurgie und Kinderurologie im Vivantes Klinikum Neukölln in Berlin und stellvertretender Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie e. V. (DGKCH) [1]. „Voraussetzung für die Entscheidung ist aber immer eine genaue Untersuchung mit Ultraschall durch erfahrene Spezialisten.“

Über diese und weitere Neuerungen informieren Experten beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH), der in der kommenden Woche in Berlin stattfindet [1].

OP lässt sich in 60 bis 80 Prozent der Fälle vermeiden

Anstoß für ein Umdenken in der Blinddarm-Behandlung war 2015 eine Pilotstudie der Karolinska Universität in Stockholm mit 50 Kindern mit akuter Appendizitis. 24 wurden zunächst nur mit Antibiotika behandeln, 22 von ihnen mit Erfolg. Nur ein Kind davon entwickelte 9 Monate später eine erneute Entzündung, so dass der Blinddarm doch noch entfernt werden musste.

„Damit wurde das Paradigma erschüttert, dass ein akut entzündeter Blinddarm unverzüglich und dringend entfernt werden muss“, sagte Tillig. Weitere internationale Studien folgten (wie Medscape berichtete ). Ein Review stellte 2017 fest: Eine Antibiotika-Behandlung kann in 62 bis 81% der Fälle eine OP verhindern (Beobachtungszeit bis ein Jahr danach).

Tillig setzt mittlerweile in seiner Klinik regelhaft zunächst auf Antibiotika, sofern die Voraussetzungen vorliegen. Selbst, wenn der Blinddarm später doch noch entfernt wird, sei das ein Gewinn: „Dann machen Sie die OP an einem ansonsten gesunden Kind anstatt an einem akut kranken, das vielleicht noch Fieber hat.“ Allerdings sei das Vorgehen nicht für alle Kliniken umsetzbar: „Sie brauchen eine hohe Expertise für den Ultraschall.“

Und zuweilen bedarf es auch Überzeugungskraft gegenüber den Eltern. Denn bisher ist die neue Methode in der Öffentlichkeit noch wenig bekannt und viele Eltern haben Angst vor einem Blinddarm-Durchbruch. Auch in der Pilotstudie wurden in der Folgezeit 6 Kinder doch noch operiert, wegen erneuter Beschwerden im Bauchraum oder auf Wunsch der Eltern. Keines davon zeigte histologisch einen Appendizitis-Befund.

 
Nur in bestimmten Fällen, etwa wenn die Therapie nicht anschlägt oder wenn sich ein Fremdkörper im Appendix befindet, ist eine Operation notwendig. Prof. Dr. Bernd Tillig
 

Zu wenig Nachwuchs im OP

Weiteres Thema des Kongresses ist der Mangel an Nachwuchs für die Chirurgie. Bis 2020 erreichen rund 11.000 Chirurgen das Rentenalter – das ist die Hälfte aller Niedergelassenen und fast jeder Dritte in der Klinik. Doch von jungen Ärzten entscheiden sich zu wenige für diese Disziplin. Dabei liebäugeln zu Beginn ihres Studiums 40 bis 60% der Studierenden mit der Chirurgie. „Die Ernüchterung kommt im Praktischen Jahr. Die Rahmenbedingungen schrecken viele ab“, sagt Prof. Dr. Jörg Fuchs, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinderchirurgie und Kinderurologie am Universitätsklinikum Tübingen und Präsident der DGCH.

Dazu gehören lange Dienste, zu wenig Personal und zu geringe Möglichkeiten, auch wissenschaftlich zu arbeiten. Manche Kliniken bieten jungen Ärzten immer nur befristete Verträge an. Zudem erschwerten neue Arbeitszeitregelungen es Assistenzärzten, den OP-Katalog für ihre Weiterbildung zu erfüllen, „Nach einem Nachtdienst dürfen sie ja am nächsten Tag nicht mehr operieren“, kritisierte Fuchs.

Er fordert daher ein flexibleres Arbeitszeit-Gesetz, mehr finanzielle Unterstützung durch die Kliniken für Qualifikationskurse und mehr Freiräume für Forschung. Und auch die Chirurgen selbst seien gefragt, das Fachgebiet für den Nachwuchs attraktiv zu gestalten: „Die Jungen sollten im Praktischen Jahr in Entscheidungsprozesse einbezogen werden und nicht nur Hakenhalter sein.“

Die hohe Arbeitsbelastung allerdings lässt sich schwer reduzieren, so lange es zu wenige Chirurgen gibt – das räumte auch Fuchs ein: „Es wäre schon viel gewonnen, wenn man Ärzte von administrativen Tätigkeiten entlasten würde.“ Nach einer Studie des RWI-Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung im Auftrag der Initiative Gesundheitswirtschaft Rhein-Main (GWRM) erfordere diese einen Aufwand von täglich 3 Stunden.

Digitalisierung wird die Chirurgie verändern

Die Digitalisierung habe hier bisher nicht die erhoffte Entlastung gebracht, sagte Prof. Dr. Albrecht Stier, Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Helios Klinikum Erfurt und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV). Das liege beispielsweise daran, dass die Software für elektronische Patientenakten nicht klinikübergreifend kompatibel sei.

Grundsätzlich werde die Digitalisierung aber die Chirurgie sehr verändern, erwartet er. Zum einen bei der Diagnosestellung: „Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass es von jedem von uns eine digitale Dublette gibt, in der alle Daten zum Gesundheitszustand und zu Behandlungen gespeichert sind.“ Je mehr Daten man habe, desto individueller könne eine Therapie zugeschnitten werden.

Zum anderen bringe die Telemedizin eine völlig neue Art von Patientenkontakten: „Künftig kann ich auch dann reagieren, wenn ich den Patienten gar nicht persönlich sehe.“ In Tumorboards werden Spezialisten aus anderen Kliniken zugeschaltet. „Deshalb müssen wir uns auch vom Bild des chirurgischen Alleskönners verabschieden.“

 

REFERENZEN:

1. 135. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH), 17. bis 20. April 2018, Berlin, Vorab-Pressekonferenz am 11. April 2018

 

Kommentar

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