Internisten-Kongress nimmt Senioren ins Visier: Von reversiblen Demenzen bis zum erfolgreichen Altern mit Protein und Sport

Sonja Böhm

Interessenkonflikte

13. April 2018

Prof. Dr. Cornel Sieber

Mannheim – Der 124. Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), der am 14. März 2018 in Mannheim beginnt, findet diesmal unter Leitung eines Geriaters statt. Da wundert es nicht, dass Altersmedizin und Themen rund um das gesunde Altern einen Schwerpunkt der diesjährigen Tagung bilden. Einige Highlights stellte der DGIM-Vorsitzende und Kongresspräsident Prof. Dr. Cornel Sieber, Chefarzt am Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg und Direktor am Institut für Biomedizin des Alterns, Universität Erlangen-Nürnberg, gemeinsam mit Kollegen bei einer Vorab-Pressekonferenz in Mannheim vor [1].

Prof. Dr. Martin Wehling

2 Botschaften für die niedergelassenen Kollegen waren den Teilnehmern dabei besonders wichtig:

  • Prof. Dr. Martin Wehling, Direktor des Instituts für Klinische Pharmakologie der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg, warnte vor Medikamenten, die bei alten Menschen die Kognition beeinträchtigen und zu Verwirrtheit führen können. „Es gibt gute Schätzungen, dass an einem Drittel der sogenannten Altersdemenzformen Arzneimittel als ursächlich oder verschlimmernd beteiligt sind“, sagte er. Die gute Nachricht: Im Prinzip sind diese Demenzformen damit reversibel.

  • Prof. Dr. Jürgen M. Bauer, Universität Heidelberg, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie, verwies auf die Gefahr von Mangelernährung und einem Muskelabbau mit zunehmendem Alter. Dieser sei oft nicht so offensichtlich – auch ein Patient mit einem BMI über 30 kg/m² kann zu wenig Muskulatur haben. Bauer gab Ernährungstipps; er betonte, wie wichtig vor allem eine ausreichende Proteinzufuhr ist: „Im Alter darf es sogar etwas mehr Protein als in jüngeren Jahren sein!“

Prof. Dr. Jürgen M. Bauer

In den USA gibt es die Diagnose „medikamentöse Demenz“

Wie Wehling erläuterte, können sich auf den altersabhängigen kognitiven Abbau akute Ereignisse „aufpfropfen“ – und dies ist relativ häufig. Es ist wichtig, solche äußere Einflüsse, die sich beeinflussen lassen, zu identifizieren. Neben Flüssigkeitsmangel oder Infektionen, die etwa zu Elektrolytverschiebungen führen können, sowie Operationen und Unfällen, seien hier „Arzneimittel ein ganz wesentlicher Faktor“, betonte der Pharmakologe.

Mögliche Folgen sind neben Verwirrtheit auch ein Delir, bei dem die Patienten Wahnvorstellungen haben, Stürze, etwa mit Oberschenkelhalsfrakturen, nach denen sich viele alte Patienten nie mehr vollständig erholen, und eine „medikamentöse Demenz“ – eine Diagnose, die es nicht bei uns, aber in den USA gibt. Sie beschreibt eine mindestens 6-monatige kognitive Einbuße unter einer Arzneimittel-Therapie.

 
Es gibt gute Schätzungen, dass an einem Drittel der sogenannten Altersdemenzformen Arzneimittel als ursächlich oder verschlimmernd beteiligt sind. Prof. Dr. Martin Wehling
 

„Primär verdächtig“ seien alle Arzneimittel, die die Blut-Hirn-Schranke überwinden und von denen bekannt ist, dass sie im Hirn Wirkungen haben. Zum Beispiel Psychopharmaka („Benzodiazepine sind die vermutlich schlimmste Substanzgruppe“), aber auch Opiate, Antiepileptika, Parkinsonmittel, aber auch Alkohol oder eine zu starke Blutdruck- oder Blutglukose-Senkung seien als mögliche Auslöser für Verwirrtheit bei alten Patienten in Betracht zu ziehen. Wehling erinnerte auch daran, dass sich die Nierenleistung bis zum 80. Lebensjahr in etwa halbiert.

Wie sich das Problem lösen lässt? Wehling machte Werbung für ein Bewertungssystem von Arzneimitteln, das er selbst gemeinsam mit Kollegen entwickelt hat: FORTA (Fit fOR The Aged) – ein „klinisches Werkzeug, um die medikamentöse Therapie von älteren Patienten zu prüfen und zu optimieren“. Darin werden über 270 Wirkstoffe bzw. Substanzklassen, die häufig bei Älteren eingesetzt werden, entsprechend 29 Diagnosen/Indikationen, nach ihrer Eignung für ältere Patienten klassifiziert: A = besonders geeignet, B = geeignet, C = eingeschränkt geeignet, D = ungeeignet.

 
Im Alter darf es sogar etwas mehr Protein als in jüngeren Jahren sein. Prof. Dr. Jürgen M. Bauer
 

Wie Sieber und Wehling betonten, ist die FORTA-Klassifikation inzwischen auch in einer Studie validiert worden. Bei Anwendung der Liste und entsprechender Auswahl der Medikamente sei es gelungen, den Studienendpunkt, nämlich Arzneimittel-Nebenwirkungen, gegen eine Kontrollgruppe signifikant zu reduzieren, berichtete Wehling – „und dies mit einer NNT von nur 5!“ FORTA kann unentgeltlich als App heruntergeladen werden.

Weniger Appetit, aber beim Protein darf es eher mehr sein

Dem Geriater Bauer ging es in seinen Ausführungen vor allem um die 2 „Basis-Prinzipien für ein erfolgreiches Altern“: Bewegung und Ernährung. Altern beschrieb er in erster Linie als „einen Verlust an körperlichen Reserven – und dies macht die Ernährung immer wichtiger!“ Das Dilemma: „Durch die geringer werdende körperliche Aktivität im Alter sinkt der durchschnittliche Kalorienbedarf, der Appetit nimmt ab, doch der Bedarf an Mikro-Nährstoffen, Vitaminen und Spurenelementen bleibt unverändert.“ Dies ist bei der Nahrungsmittel-Auswahl zu berücksichtigen.

Konkret bedeutet dies: Jenseits des 70. Lebensjahres sind Diäten eher kontraproduktiv. Bauer: „Eine Gewichtsabnahme ist in diesem Alter nach Möglichkeit zu vermeiden.“ Der Grund ist, dass es dabei in der Regel zu einem übermäßigen Verlust an Skelettmuskulatur kommt und so eine Sarkopenie begünstigt wird. Doch gerade eine ausreichende Muskulatur ist im Alter ein entscheidender Faktor für die Lebensqualität, sichert er doch funktionelle Fähigkeiten sowie einen unabhängigen Lebensstil und schützt vor (Bewegungs-)Schmerzen und Stürzen.

 
Das Körpergewicht zu halten, ist im höheren Alter ein medizinisches Ziel. Prof. Dr. Jürgen M. Bauer
 

Die Blickdiagnose reiche dabei oft nicht aus: Auch ein älterer Mensch mit einem Body-Mass-Index von 31 kg/m² kann zu wenig Muskelmasse haben. Am besten, so Bauer, beginnt man bereits um die 50 damit, ausreichend Muskelmasse mittels Sport aufzubauen.

Den niedergelassenen Kollegen empfahl er, die älteren Patienten so zu beraten und zu betreuen, dass sie ihr Gewicht stabil halten können. „Das Körpergewicht zu halten, ist im höheren Alter ein medizinisches Ziel.“ Muskulatur, die im Alter verloren gehe, lasse sich nur schwer wieder aufbauen.

Besonders wichtig ist es dabei nach seinen Worten, auf eine ausreichende Zufuhr von Protein im Alter zu achten. Denn der Körper hat kein Protein-Depot. „Die offizielle Empfehlung liegt für Senioren bei einer Zufuhr von 1,0 g Eiweiß pro Kg Körpergewicht und Tag.“ Bei bereits gebrechlichen Patienten oder solchen mit Sarkopenie sei sogar eine Protein-Zufuhr von 1,2 bis 1,4 g pro kg ratsam, so lange die Nierenfunktion nicht zu sehr eingeschränkt ist. Viele Faktoren können die ausreichende Eiweiß-Versorgung gefährden – Klinikaufenthalte, aber auch Depressionen gehören etwa dazu.

Bauer gab 7 praktische Tipps, die man Patienten mitgeben kann:

  1. Es sollten 3 Hauptmahlzeiten pro Tag eingenommen werden, eine davon warm (so sind die Proteinquellen besser verfügbar).

  2. Besonderes Augenmerk ist dabei auf das Frühstück zu legen, es ist oft besonders proteinarm.

  3. Mit dem Alter nimmt die Bedeutung von Salat und Gemüse für die Ernährung ab.

  4. Es muss nicht das Steak sein, Milchproteine, Molke oder Joghurt und Käse, pflanzliche Proteine aus Soja und aus anderen Hülsenfrüchten sind ebenfalls gute Eiweiß-Quellen.

  5. Als unterstützende Maßnahmen kann Vitamin D supplementiert werden, das eine besondere Bedeutung für Knochen und Muskulatur hat – und dessen Bedarf im Alter aus natürlichen Lebensmitteln kaum gedeckt werden könne, so Bauer.

  6. Bei einem hohen Risiko für einen raschen Muskelabbau kann zudem temporär zusätzlich die Gabe von Leucin in Betracht gezogen werden. Es hat unter allen Aminosäuren den stärksten anabolen Effekt.

  7. Um im Alter Muskulatur wieder aufzubauen, reicht ein täglicher Spaziergang mit dem Hund nicht aus – die Muskulatur muss dann schon unter fachkundiger Anleitung gezielt trainiert werden. Bauer sprach sich dafür aus, mehr solcher Angebote, etwa in öffentlicher oder freier Trägerschaft anzubieten, so dass sie auch für alte Menschen ohne entsprechende finanzielle Mittel verfügbar sind. Auch der soziale Aspekt solcher Senioren-Trainingsgruppen lasse sich für die Motivation der Teilnehmer gut nutzen.

Der Internisten-Kongress dauert bis zum 17. April 2018. In 280 Symposien gibt es mehr als 1.300 Vorträge, es referieren rund 1.600 Experten, kündigte Kongress-Präsident Sieber an. Die Themen decken viele Aspekte rund um internistische Erkrankungen ab. Für junge Internisten und Medizinstudenten gibt es ein neu konzipiertes Forum „Junge Internisten“ – das Programm fokussiert speziell auf Themen der Aus- und Weiterbildung. Weitere Informationen zum Kongress finden sich unter: http://dgim2018.de/.

 

REFERENZEN:

1. 124. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), 14. bis 17. März 2018, Mannheim

 

Kommentar

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