Die E-Zigarette als Einstiegsdroge? Deutsche Studie: Jugendliche greifen danach eher zum Tabak-Glimmstängel

Susanne Rytina

Interessenkonflikte

11. April 2018

Ist die E-Zigarette eine Einstiegsdroge in den Tabak- und Nikotinkonsum? Besonders für Kinder und Jugendliche sind die bunten Produkte verlockend, die in der Öffentlichkeit als weniger schädlich als echter Tabak angesehen werden. Eine Studie im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hat sich nun dieser Frage erstmals in Deutschland genähert. Die Ergebnisse sind im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht [1].

Prof. Dr. Reiner Hanewinkel, Geschäftsführer des Instituts für Therapie- und Gesundheitsforschung (IFT-Nord) in Kiel, Mitautor der Studie, betont in einer Pressemitteilung der BZgA: „Die Studienergebnisse zeigen eindeutig: Jugendliche Nie-Raucher experimentieren häufiger mit konventionellen Zigaretten, wenn sie zuvor E-Zigaretten konsumiert hatten.“ Dies traf auf 22% der Befragten zu, die bereits eine E-Zigarette probiert hatten.

Zu Beginn der Studie hatten rund 14,3% (313 Personen) der 2.186 befragten Zehntklässler aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein schon mal an einer E-Zigarette geschmaucht, noch nie aber an einem echten Tabak-Glimmstängel.Nach 6 Monaten wurden sie erneut befragt. Dabei stellte sich heraus, dass insgesamt 12,3% (268 Schüler) inzwischen eine echte Zigarette ausprobiert hatten oder gelegentlich rauchten. Dabei hatten diejenigen mit E-Zigaretten-Erfahrung ein 2,2-fach höheres relatives Risiko, mit Tabakzigaretten zu experimentieren.

Die E-Zigarette als Einstiegsdroge?

Doch ist damit die sogenannte Gateway-Hypothese belegt, die besagt, dass bestimmte Einstiegsdrogen der Türöffner für härtere Sachen sind? So diskutieren Experten, ob die E-Zigarette das Suchtverhalten und den Umstieg auf die Tabakzigarette fördert. Immerhin gibt es nicht nur nikotinfreie Liquids, sondern auch nikotinhaltige in unterschiedlichen Stärken.

Befürchtet wird, dass der Umstieg auf eine herkömmliche Zigarette und die Sucht damit unterstützt wird. Auch könne der E-Zigaretten-Konsum durch habituelles und rituelles Verhalten – etwa wie die Zigarette in der Hand gehalten oder daran gezogen wird – den späteren Umstieg auf Tabak begünstigen. Als problematisch wird außerdem gesehen, dass E-Zigaretten über die gleichen Vertriebskanäle verkauft werden: in Tabakläden, Kiosken und Tankstellen. So könnten Jugendliche leichter zum Kauf von echtem Tabak verführt werden.

RKI: Studienergebnisse vorsichtig interpretieren

Anne Starker

Die Gesundheitswissenschaftlerin Anne Starker vom Robert Koch-Institut (RKI) sieht die Studie als Vorreiter: „In Deutschland wurde bisher noch nicht versucht, die Gateway-Hypothese zu untersuchen. Deshalb ist es zu begrüßen, dass diese Studie den Anfang macht. Ich würde die Ergebnisse jedoch vorsichtig interpretieren“, sagte sie gegenüber Medscape.

Der Untersuchungszeitraum von einem halben Jahr sei viel zu kurz, um zu wissen, ob aus dem Probieren langfristig wirklich regelmäßiges Tabakrauchen werde, betont Starker. Interessant wäre es daher, nach einem längeren Zeitraum noch einmal zu schauen, wie viele Jugendliche tatsächlich Raucher geworden seien. Um repräsentative Daten zu erhalten, müsste die Umfrage außerdem auf weitere Bundesländer ausgedehnt werden.

Weniger als 10 Prozent der Jugendlichen rauchen

Das Tabakrauchen hat insgesamt unter Jugendlichen erfreulicherweise deutlich abgenommen, darauf weisen auch Hanewinkel und seine Mitautoren hin. Während im Jahr 2001 noch 27,5% der 12- bis 17-Jährigen in Deutschland zumindest gelegentlich konventionelle Zigaretten rauchten, waren es 2015 nur noch 7,8%. Auf diesen Erfolg weist auch Dr. Heidrun Thaiss, Leiterin der BZgA hin: „Die Jugendlichen sind dem Rauchen gegenüber zunehmend kritisch eingestellt. Diesen Präventionserfolg wollen wir weiterhin stabilisieren. Es gilt ganz klar zu verhindern, dass junge Menschen durch den Konsum von E-Zigaretten und E-Shishas zum Tabakrauchen angeregt werden“, so Thaiss.

E-Zigaretten und E-Sishas liegen im Trend: 12,1% der 12- bis 17-Jährigen haben schon einmal E-Zigaretten und 13,5% E-Sishas ausprobiert. 2016 hat der Gesetzgeber darauf reagiert und den Kauf von E-Zigaretten erst ab 18 Jahren erlaubt. Die BZgA-Studie wurde noch im Schuljahr 2015/2016 durchgeführt, als auch Minderjährige noch legalen Zugang hatten.

 
Die Jugendlichen sind dem Rauchen gegenüber zunehmend kritisch eingestellt. Dr. Heidrun Thaiss
 

Die Ergebnisse der Erhebung sind vergleichbar mit denen internationaler Studien. So hat eine kürzlich durchgeführte Metaanalyse von 7 US-Kohortenstudien ein um das 3,62-fache erhöhtes adjustiertes Risiko für Jugendliche und junge Erwachsene berichtet. In der aktuellen deutschen Kohorte mit einem relativen Risiko von 2,2 entspricht dies einem adjustierten Chancenverhältnis von 2,8, erläutern die Autoren der deutschen Studie.

E-Zigarette zur Tabakentwöhnung?

Mediziner sind sich über den möglichen Schaden oder Nutzen der E-Zigaretten und E-Sishas uneinig. Auf dem Markt sind Produkte mit und ohne Nikotin. Weitere Inhaltsstoffe sind Glyzerin, Glykol und Aromastoffe.

Da im Vergleich zu Tabakzigaretten nichts verbrannt wird, hofft man in anderen Ländern – zum Beispiel Großbritannien – dass E-Zigaretten zur Tabakentwöhnung eingesetzt werden können. Im Verhältnis wird die E-Zigarette als weniger schädlich angesehen als der Dauer-Tabakkonsum.

Pneumologen warnen vor Lungenschäden

Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) hält E-Zigaretten aber für alles andere als unbedenklich: „Es lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, wie die Substanzen im Dampfer von E-Zigaretten sich langfristig auf die Lunge auswirken. Da sie jedoch das süchtig machende Nikotin enthalten, können sie den Einstieg ins Tabakrauchen bereiten“, betont Prof. Dr. Berthold Jany, Vorstandsmitglied des DGP in einer Pressemitteilung.

 
Zwar enthalten E-Zigaretten keine Verbrennungsprodukte – aber auch das beim Dampfen entstehende Aerosol enthält entzündungsfördernde, reizende und krebserregende Substanzen, die die Lunge langfristig schädigen können. DGP
 

So ergab eine US-Studie im American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine , dass Jugendliche, die regelmäßig E-Zigaretten rauchten, doppelt so häufig an Bronchitis erkrankten, wie Nichtraucher. Eine weitere aktuelle Studie (in PNAS ) untersuchte die Folgen des Konsums von nikotinhaltigen E-Zigaretten an Mäusen. Sie fand heraus, dass sich schädliche Stoffe in der Lunge, in der Blase und im Herz wiederfanden. Diese können zu DNA-Schäden, Mutationen und Tumorbildung führen.

„Zwar enthalten E-Zigaretten keine Verbrennungsprodukte – aber auch das beim Dampfen entstehende Aerosol enthält entzündungsfördernde, reizende und krebserregende Substanzen, die die Lunge langfristig schädigen können“, betonte die DGP im Vorfeld des Pneumologen-Kongress im März 2018 in einer Pressemitteilung. Zudem werde es von der aktuellen Studienlage nicht bestätigt, dass E-Zigaretten bei der Tabakentwöhnung helfen, so die DGP.

Die DGP fordert daher, E-Zigaretten genau wie Tabakprodukte als gesundheitsgefährdende Suchtmittel zu behandeln. „Ihr Verkauf und ihre Vermarktung sollten denselben Gesetzen unterliegen wie Tabakprodukte. Doch Deutschland hängt in Sachen Tabakkontrolle hinterher.“ Das geplante Werbeverbot für Tabakwaren sei in letzter Minute aus dem Koalitionsvertrag gestrichen worden.

Persönlichkeit: Wer ängstlich ist, greift eher zu E-Zigarette

Die Autoren der BZgA-Studie untersuchten auch, inwiefern Persönlichkeitsmerkmale wie „Sensation Seeking“ und „Hoffnungslosigkeit“ mit dem Zigaretten-Konsum zusammenhängen. Bei beiden Merkmalen geht man davon aus, dass damit Substanzkonsum assoziiert ist. Einfach gesagt: Draufgänger greifen eher zur Zigarette, aber auch Personen, die zur Depression neigen.

 
Junge Nie-Raucher experimentierten häufiger mit konventionellen Zigaretten, wenn sie zuvor E-Zigaretten konsumiert hatten. Prof. Dr. Reiner Hanewinkel
 

Es stellte sich heraus, dass diejenigen, die vorher noch nie geraucht hatten und niedrigere Werte der Risikobereitschaft aufwiesen – also Personen, die riskantes Verhalten vermeiden – eher durch E-Zigaretten animiert wurden, auch konventionelle Zigaretten auszuprobieren. „Junge Nie-Raucher experimentierten häufiger mit konventionellen Zigaretten, wenn sie zuvor E-Zigaretten konsumiert hatten. Der Einfluss scheint stärker zu sein für Jugendliche, die generell ein niedrigeres Risiko haben, mit dem Rauchen zu beginnen“, schlussfolgern Hanewinkel und seine Kollegen.

Das heißt: Schüler, die eigentlich aus Angst eher keinen Tabak rauchen, könnten eher zur E-Zigarette greifen, da diese als vermeintlich unschädlich in der Öffentlichkeit gesehen werden – um dann schließlich doch den Einstieg ins Tabakrauchen zu finden.

 
Ein wesentlicher Faktor, warum Jugendliche mit dem Rauchen anfangen, ist das Rauchverhalten im Freundeskreis oder in der Familie. Anne Starker
 

Gesundheitswissenschaftlerin Starker weist noch auf einen weiteren Aspekt hin: „Ein wesentlicher Faktor, warum Jugendliche mit dem Rauchen anfangen, ist das Rauchverhalten im Freundeskreis oder in der Familie, wie wir in unserer KiGGS-Studie zeigen“, so Starker. Dieser Einfluss sei jedoch in der aktuellen Studie nicht abgefragt worden und sollte bei künftigen Befragungen berücksichtigt werden.

 

REFERENZEN:

1. Morgenstern A, et al: Dt Ärztebl 2018;115(14):243-248

 

Kommentar

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