Vom gestürzten Kind zum Zappelphilipp: Nach Hirntrauma sind Kinder fast 4-mal so anfällig für ADHS

Anke Brodmerkel

Interessenkonflikte

26. März 2018

Eine traumatische Gehirnverletzung im Kindesalter erhöht das Risiko, noch Jahre später eine sekundäre ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) zu entwickeln. Das ist das Ergebnis einer prospektiven Studie mit 187 Kindern, über die Wissenschaftler um Dr. Megan Narad vom Cincinnati Children’s Hospital Medical Center im Fachblatt JAMA Pediatrics berichten [1]. Kämen zu der erlittenen Verletzung noch familiäre Probleme hinzu, steige das ADHS-Risiko weiter, schreiben die Autoren.

Ätiologisch spielen Hirnverletzungen bei ADHS nur eine untergeordnete Rolle

„Das ist eine sehr interessante und qualitativ hochwertige Studie“, kommentiert die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), Prof. Dr. Ingeborg Krägeloh-Mann, im Gespräch mit Medscape. Man habe bereits gewusst, dass Kinder, die ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten hätten, etwa doppelt so oft an ADHS erkrankt seien wie andere Kinder.

„Bislang war aber unklar, ob die ADHS nicht vielleicht schon vor dem Unfall da war und diesen womöglich sogar begünstigt hat – oder ob die Störung tatsächlich eine Folge der Verletzung sein kann“, sagt Krägeloh-Mann. Die Ergebnisse der US-Studie deuteten darauf hin, dass letzteres bei einem erheblichen Teil der Kinder zutreffe, betont die Ärztliche Leiterin der Abteilung III (Neuropädiatrie, Entwicklungsneurologie, Sozialpädiatrie) der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin Tübingen.

„Grundsätzlich handelt es sich um eine seriöse Studie“, sagt auch Prof. Dr. Dr. Tobias Banaschewski, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters und stellvertretender Direktor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim gegenüber Medscape. Allerdings sei das Ergebnis, dass Kinder nach traumatischen Hirnschädigungen Aufmerksamkeits-Beeinträchtigungen und Impulskontroll-Störungen zeigen könnten, nicht wirklich neu. „Für die Gesamtheit der Kinder, die die Diagnose ADHS erhalten, spielten traumatische Hirnschädigungen ätiologisch zudem nur eine untergeordnete Rolle“, sagt Banaschewski.

 
Bislang war unklar, ob die ADHS nicht vielleicht schon vor dem Unfall da war und diesen womöglich sogar begünstigt hat. Prof. Dr. Ingeborg Krägeloh-Mann
 

Störungen werden oft erst in der zweiten Dekade des Lebens sichtbar

Insbesondere wegen der langen Beobachtungszeit von bis zu 10 Jahren nach dem erlittenen Unfall liefere die jetzt veröffentlichte Studie trotzdem Antworten auf wichtige Fragen, ist die DGKJ-Präsidentin Krägeloh-Mann überzeugt. Die meisten der bisherigen Untersuchungen zum Thema ADHS seien nicht länger als höchstens 2 Jahre gelaufen, so die Neuropädiaterin.

„Die neuronalen Netzwerke, die für Exekutivfunktionen – also für die Kompetenz, Entscheidungen zu fällen – erforderlich sind, reifen allerdings erst über viele Jahre hinweg aus.“ Störungen dieser Funktionen, die sich oft als ein Aufmerksamkeits- oder Konzentrationsproblem bemerkbar machten, würden daher häufig erst in der zweiten Dekade des Lebens ersichtlich.

„Insofern ist diese Studie, die gezeigt hat, dass die Unterschiede hinsichtlich der Häufigkeit von ADHS zwischen Kindern mit einer Gehirn- und einer orthopädischen Verletzung mit den Jahren immer größer werden, für uns Neuropädiater sehr spannend“, sagt Krägeloh-Mann.

Narad und ihr Team rekrutierten für ihre Studie in 3 Kinderkliniken und in einem Allgemeinkrankenhaus im US-Bundesstaat Ohio insgesamt 187 Kinder im Alter von 3 bis 7 Jahren, die zwischen Januar 2003 und Juni 2008 wegen einer Verletzung eine Nacht im Krankenhaus verbracht hatten.

 
Für die Gesamtheit der Kinder, die die Diagnose ADHS erhalten, spielten traumatische Hirnschädigungen ätiologisch zudem nur eine untergeordnete Rolle. Prof. Dr. Dr. Tobias Banaschewski
 

Knapp 60% von ihnen waren Jungen. 81 Kinder hatten eine traumatische Gehirnverletzung erlitten. Die anderen 106 Kinder hatten sich eine orthopädische Verletzung zugezogen und dienten als Vergleichsgruppe. Kinder, die schon vor dem Unfall Symptome von ADHS gezeigt hatten oder die nur ein leichtes Schädel-Hirn-Traumata aufwiesen, wurden von der Untersuchung ausgeschlossen, um die Ergebnisse nicht zu verzerren.

Alle Daten der Studie stammen aus Fragebögen, die die Eltern ausgefüllt haben

Die Eltern aller Kinder wurden mithilfe der Child Behavior Checklist (CBCL) insgesamt 6-mal zum Verhalten und zu den Symptomen ihrer Kinder befragt: direkt im Anschluss an die Verletzung, 6, 12 und 18 Monate danach sowie im Mittel 3,4 und 6,8 Jahre später.

Primärer Endpunkt der Studie war das Vorliegen einer sekundären ADHS. Diese galt als vorhanden, wenn laut Angaben der Eltern eine entsprechende ärztliche Diagnose vorlag, wenn die Kinder anders als zu Beginn der Studie Medikamente gegen ADHS einnahmen oder wenn sie auf der DSM-orientierten ADHS-Skala (DSM steht für Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) T-Werte von mehr als 65 aufwiesen.

Ein weiteres Ziel der Forscher um Narad war es zu ermitteln, inwieweit andere Faktoren, insbesondere die Familiensituation, das ADHS-Risiko von Kindern mit erlittenen Verletzungen beeinflussen. Um die familiären Gegebenheiten näher zu bestimmen, nutzten die Wissenschaftler ein Messverfahren namens Family Assessment Device (FAD), das ebenfalls auf Fragebögen basiert, die von den Eltern ausgefüllt werden. Bei dieser Methode lassen sich Werte von 1 bis 4 erzielen, wobei höhere Werte auf vermehrte familiäre Probleme hindeuten.

 
Für mich ist die wichtigste Schlussfolgerung aus dieser Studie, dass wir Kinder mit schweren Schädel-Hirn-Traumata länger als bisher nachbeobachten müssen. Prof. Dr. Ingeborg Krägeloh-Mann
 

Etwa jedes 4. Kind der Studie erkrankte in der Folgezeit nach dem Unfall an ADHS

Wie die Forscher berichten, entwickelten 48 der 187 Kinder (25,7%) im Beobachtungszeitraum ADHS. Dabei wiesen die Probanden mit einer schweren traumatischen Hirnverletzung ein 3,62-mal so hohes Risiko auf wie die Teilnehmer der Vergleichsgruppe. Innerhalb der Kindergruppe, die ein Schädel-Hirn-Traumata erlitten hatte, stieg das ADHS-Risiko bei familiären Problemen bis um das 4,24-Fache.

Auf die Häufigkeit orthopädischer Verletzungen wirkte sich die Familiensituation hingegen kaum aus. Darüber hinaus zeigte sich, dass das ADHS-Risiko der Kinder mit steigendem Grad der mütterlichen Bildung sank.

Es sei nun notwendig, die Effektivität von Interventionen, inklusive Medikamenten und kognitivem Training, bei Kindern zu evaluieren, die nach einem erlittenen Schädel-Hirn-Trauma Aufmerksamkeitsprobleme entwickelten, schreiben Narad und ihre Kollegen. Zudem müsse man Strategien finden, um Familien mit Problemen besser als bislang zu identifizieren, sowie Programme entwickeln, die all jene Familien stärkten, in denen ein Kind eine Hirnverletzung erlitten habe.

Die DGKJ-Expertin Krägeloh-Mann ist ähnlicher Ansicht. „Für mich ist die wichtigste Schlussfolgerung aus dieser Studie, dass wir Kinder mit schweren Schädel-Hirn-Traumata länger als bisher nachbeobachten müssen“, sagt sie. „Ziel muss es sein, aus der Verletzung resultierende Aufmerksamkeitsprobleme frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.“

 

REFERENZEN:

1. Narad M, et al: JAMA Pediatr (online) 19. März 2018

 

Kommentar

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