Kleines Kind – größere Gefahr: Die Körpergröße in der Jugend ist mit dem Risiko für Schlaganfälle als Erwachsener assoziiert

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

14. März 2018

Sind Kinder kleiner als der Durchschnitt, haben sie Jahrzehnte später womöglich mehr ischämische Schlaganfälle. Speziell bei Männern, die in jungen Jahren eine geringere Körpergröße hatten als Gleichaltrige, bestanden Assoziationen mit intrazerebralen Blutungen. Das berichten Dr. Line Klingen Gjærde und ihre Kollegen auf Basis einer prospektiven Kohortenstudie [1]. Gjærde forscht am Novo Nordisk Foundation Center for Basic Metabolic Research und an der Faculty of Health and Medical Sciences, Universität Kopenhagen, Dänemark.

Inverse Assoziation zwischen Körpergröße und Schlaganfall- bzw. Blutungsrisiken

Gjærde und ihre Kollegen werteten Daten einer Kohorte mit 311.009 Probanden (49% weiblich) aus. Die Teilnehmer wurden zwischen 1930 und 1989 geboren. Sie besuchten unterschiedliche Schulen in Kopenhagen und wurden im Alter von 7, 10 und 13 Jahren schulärztlich untersucht. Ärzte erfassten auch die Körpergröße. Da seit 1968 alle Bürger Dänemarks im Zuge von Reformen des Gesundheitssystems eindeutige Identifikationsnummern bekamen, konnte die Forscherin weitere Informationen zu intrazerebralen Blutungen oder ischämischen Schlaganfällen gewinnen. Die Daten kamen sowohl vom Danish National Hospital Register als auch vom Danish Cause of Death Register.

Das Follow-up schwankte zwischen 25 und 83 Jahren, im Mittel waren es 31,1 Jahre. Während dieser Spanne kam es bei 5.313 Frauen und bei 7.645 Männern erstmalig zu ischämischen Schlaganfällen oder zu intrazerebralen Blutungen. Wenig überraschend erhöhte sich die Inzidenzrate mit zunehmendem Alter. „Darüber hinaus fanden wir bei beiden Geschlechtern lineare, inverse Assoziationen zwischen der Größe im Kindesalter und dem Risiko ischämischer Schlaganfälle“, schreibt Gjærde.

 
Wir fanden bei beiden Geschlechtern lineare, inverse Assoziationen zwischen der Größe im Kindesalter und dem Risiko ischämischer Schlaganfälle. Dr. Line Klingen Gjærde
 

Bei Frauen, die im Alter von 7 Jahren 5,2 cm größer als der Durchschnitt waren, fand sie für ischämische Schlaganfälle eine Hazard Ratio (HR) von 0,89. Für Männer errechnete sie ähnliche Werte. Bei ihnen standen 5,1 cm mehr im Alter von 7 Jahren später mit einer HR von 0,90 für Schlaganfälle in Verbindung. Nur bei Männern, aber nicht bei Frauen war dieser Größenunterschied auch mit signifikant weniger intrazerebralen Blutungen assoziiert (HR 0,89).

Möglicher Risikomarker – Hinweis auf pathologische Mechanismen

„Unsere Studie legt nahe, dass geringe Körpergrößen bei Kindern ein möglicher Marker für Schlaganfall-Risiken sind“, fasst Co-Autorin Dr. Jennifer L. Baker zusammen. Sie forscht ebenfalls am Novo Nordisk Foundation Center for Basic Metabolic Research und an der Faculty of Health and Medical Sciences, Universität Kopenhagen. Baker ergänzt: „Diese Personengruppe sollte in späteren Jahren besonders darauf achten sollten, lebensbedrohliche Risikofaktoren für Schlaganfälle zu vermeiden oder zu behandeln, um individuelle Risiken zu verringern.“

Gjærde sieht auch einen Gewinn aus wissenschaftlicher Sicht, um Krankheitsmechanismen besser zu verstehen: „Die Körpergröße wird nicht nur genetisch bestimmt, sondern ist ein Indikator für die Wachstumsbedingungen während der Kindheit.“ Sie vermutet, Haupteffekte könnten schon vor dem 7. Lebensjahr eine Rolle spielen, also weit vor Eintritt in die Pubertät.

 
Unsere Studie legt nahe, dass geringe Körpergrößen bei Kindern ein möglicher Marker für Schlaganfall-Risiken sind. Dr. Jennifer L. Baker
 

Aus älteren Untersuchungen sei bekannt, dass der sozioökonomische Status von Müttern mit der Exposition gegenüber Risikofaktoren in Verbindung stehe, so die Erstautorin weiter. Dazu gehören neben einer schlechten Ernährung auch Infektionen. Ein höherer sozioökonomischer Status ist wiederum positiv mit der Körpergröße assoziiert. Angesichts dieser komplexen Thematik halten Gjærde und Baker weitere Untersuchungen für sinnvoll.

Stärken und Schwächen der Studie

Die Erstautorin nennt als Stärken ihrer Arbeit vor allem die große Kohorte, die Untersuchungen im Kindesalter und die lange Nachbeobachtungszeit. Daten aus dem Danish National Hospital Register und dem Danish Cause of Death Register seien außerdem methodisch hochwertig. Hinsichtlich der Ergebnisse verweist Gjærde auf mehrere kleinere Studien aus Finnland und aus Großbritannien, die ähnliche Assoziationen aufgezeigt hatten.  

Dem stehen mehrere Einschränkungen gegenüber. Aufgrund fehlender Daten konnte Gjærde nicht herausfinden, ob Assoziationen zwischen der Größe im Erwachsenenalter und Schlaganfällen beziehungsweise intrazerebralen Blutungen bestehen. Welchen Effekt medizinische Leistungen haben, bleibt ebenfalls unklar.

„Obwohl die Körpergröße ein Parameter für den sozioökonomischen Status und damit für einen besseren Zugang zum Gesundheitssystem ist, reicht diese Erklärung in einem Land wie Dänemark mit steuerlich bezahlter medizinischer Versorgung nicht aus“, lautet ihr Fazit.

 

REFERENZEN:

1. Gjærde LK, et al: Stroke (online) 15. Februar 2018

 

Kommentar

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