Lebensretter AED: Eine US-Studie bestätigt den großen Nutzen öffentlich zugänglicher Defibrillatoren

Anke Brodmerkel

Interessenkonflikte

6. März 2018

Patienten, die in der Öffentlichkeit einen Herzstillstand erleiden, haben eine mehr als doppelt so hohe Überlebenschance, wenn Umstehende ihnen mit einem automatisierten externen Defibrillator (AED) einen Elektroschock versetzen, bevor der Notarzt an der Unglücksstelle eintrifft. Das berichtet ein US-Team um Dr. Myron Weisfeldt von der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore, Maryland, im Fachblatt Circulation [1]. Der Nutzen des AED-Einsatzes durch Umstehende sei umso größer, je mehr Zeit verstreiche, bis der Rettungswagen da sei, schreiben die Forscher.

Fast jeder 5. Patient wird von Laien per AED behandelt

Prof. Dr. Andreas Zeiher

„Die aktuelle Studie liefert fast exakt die gleichen Ergebnisse wie eine vergangenes Jahr im New England Journal of Medicine publizierte Untersuchung aus Dänemark“, sagt der Kardiologe Prof. Dr. Andreas Zeiher, Direktor der Medizinischen Klinik III am Universitätsklinikum Frankfurt am Main, im Gespräch mit Medscape. Daher könne man davon ausgehen, dass die Resultate auch auf Deutschland übertragbar seien.

Erfreut zeigt sich Zeiher von der Beobachtung, dass in den USA inzwischen fast jeder 5. Patient mit einem OHCA (Out-of-Hospital Cardiac Arrest) von umstehenden Laien per AED behandelt wird. „Noch vor 10 Jahren waren es höchstens halb so viele Menschen, die diese oft lebensrettende Maßnahme erhalten haben“, sagt der Kardiologe. Die positive Entwicklung zeige, dass sich die intensive Öffentlichkeitsarbeit bezüglich der AED gelohnt habe.

Daten von fast 50.000 Patienten ausgewertet

Das Team um den Erstautor der US-Studie, Ross Pollack aus der Arbeitsgruppe von Weisfeldt, wertete die Daten von 49.555 Patienten aus 9 Großstadtregionen der USA und Kanadas aus, die zwischen 2011 und 2015 einen OHCA erlitten hatten. 4.115 (8,3%) dieser Herzstillstände ereigneten sich in der Öffentlichkeit. In 2.500 (60,8%) der Fälle war ein Elektroschock sinnvoll. 18,8% dieser Patienten, insgesamt also 470, bekamen den Stromstoß von einem Umstehenden per AED verabreicht. Die anderen 81,2% (2.030) erhielten ihn erst, als das Rettungspersonal eintraf.

Primärer Endpunkt der Studie von Pollack und seinen Kollegen war die Entlassung aus dem Krankenhaus mit keinen oder nur geringen neurologischen Beeinträchtigungen (mRS ≤ 2). Sekundärer Endpunkt war das Überleben der Patienten.

AED-Einsatz durch Passanten erhöht Überlebenswahrscheinlichkeit

Wie die Forscher herausfanden, hatten Patienten, die den Elektroschock von einem Umstehenden erhalten hatten, mit 66,5% eine größere Überlebenswahrscheinlichkeit als diejenigen, die den Stromstoß erst vom Rettungspersonal verabreicht bekamen (43%). Auch die Wahrscheinlichkeit, keine neurologischen Schäden oder nur geringe zurückzubehalten, war größer (57,1% vs 32,7%). Ohne den Einsatz des AED seien folglich mehr Patienten gestorben oder hätten nur mit deutlich eingeschränkter Hirnfunktion überlebt (zusammen rund 70%), betonen Pollack und sein Team.

Die Wissenschaftler ermittelten, dass die Nutzung eines AED durch Umstehende die Überlebenswahrscheinlichkeit der Patienten – unter Berücksichtigung bestimmter Störfaktoren – um den Faktor 2,62 gegenüber denjenigen erhöhte, die erst durch den eintreffenden Rettungsdienst geschockt wurden. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Patienten neurologisch weitgehend unversehrt blieben, erhöhte sich um den Faktor 2,73. Darüber hinaus stieg der Nutzen des AED-Einsatzes fast linear mit der Zeit bis zum Eintreffen des Rettungspersonal an.

Trotzdem stets als erstes den Notarzt alarmieren

„Wir schätzen, dass in den USA jedes Jahr rund 1.700 Menschenleben durch die Verwendung von AED durch Umstehende gerettet werden“, wird der Seniorautor der Studie Weisfeldt in einer Pressemitteilung der American Heart Association (AHA) zitiert. Bedauerlicherweise kämen aber noch immer zu wenige Amerikaner auf die Idee, im gegebenen Fall nach einem AED zu suchen. Und trotz aller Bemühungen der AHA seien noch immer zu viele Menschen unsicher in der Bedienung der – sich eigentlich selbst erklärenden – Geräte.

 
Wir schätzen, dass in den USA jedes Jahr rund 1.700 Menschenleben durch die Verwendung von AED durch Umstehende gerettet werden. Dr. Myron Weisfeldt
 

Nach Angaben der AHA ist der Einsatz der Defibrillatoren allerdings nur die dritte der notwendigen Maßnahmen, wenn ein Patient in der Öffentlichkeit einen Herzstillstand erleidet: Zunächst sei es erforderlich, den Notarzt zu alarmieren und dann mit einer Herz-Lungen-Wiederbelebung zu beginnen. Als eine Schwäche der vorliegenden Studie bezeichnet die AHA daher auch den Umstand, dass die Forscher nicht die Effektivität einer Kombination aller 3 Maßnahmen untersucht habe.

Weitere AED sollten installiert werden

Eine wichtige Schlussfolgerung, die der Frankfurter Kardiologe Zeiher aus der Studie zieht, ist die Forderung, an viel besuchten Plätzen weitere AED zu installieren. „Die Untersuchung von Pollack und seinem Team zeigt, dass sich die Geräte vor allem dort hervorragend bewähren, wo die Rettungskräfte nicht gut hinkommen“, sagt er. Während Flughäfen und Bahnhöfe hierzulande bereits recht gut mit AED versorgt seien, fehlten sie vielfach noch in Industrieregionen. Auch dort, wo vermehrt ältere Menschen zusammenkämen, sei es sinnvoll, öffentlich zugängliche Defibrillatoren anzubringen.

 
Die Untersuchung zeigt, dass sich die Geräte vor allem dort hervorragend bewähren, wo die Rettungskräfte nicht gut hinkommen. Prof. Dr. Andreas Zeiher
 

„Die Geräte sind inzwischen so leicht zu bedienen, dass man mit ihnen eigentlich gar nichts falsch machen kann“, sagt Zeiher. „Sie erkennen selbstständig, ob ein Patient defibrillierbar ist oder nicht, und setzen den Schock nur bei denjenigen Patienten ab, bei denen er tatsächlich sinnvoll ist.“ Die Rate falsch positiver Schockabgaben liege bei den modernen AED nur noch bei 1 bis 2%.

In Deutschland erleiden Zeiher zufolge jährlich rund 100.000 Menschen einen plötzlichen Herzstillstand. Bei etwa jedem 10. erfolgt dieser in der Öffentlichkeit, sodass Umstehende in der Lage sind einzugreifen. Da rund 60% der Fälle defibrillierbar sind, wäre der Einsatz eines AED somit jedes Jahr bei etwa 6.000 Patienten sinnvoll.

 

REFERENZEN:

1. Pollack R, et al: Circulation 2018;137:00–00

 

Kommentar

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