Grippewelle erreicht neues Maximum – Experten kritisieren fehlende Schnelltests und Impfeffektivität

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

27. Februar 2018

Prof. Dr. Tobias Welte

In der 7. Kalenderwoche (KW) 2018 erreichte die Zahl akuter Atemwegserkrankungen einen Höchststand. Viele Kliniken haben ihre Kapazitätsgrenzen überschritten. Das liege nicht nur an schweren Verlaufsformen, sondern auch an fehlenden Diagnosen im ambulanten Bereich, kritisiert Prof. Dr. Tobias Welte, Direktor der Klinik für Pneumologie an der Medizinischen Hochschule Hannover.

Laut Angaben der Arbeitsgemeinschaft Influenza am Robert Koch-Institut wurden Influenzaviren in 24.332 Proben aus Arztpraxen nachgewiesen (KW 7). Zuvor waren es:

  • 4.730 positive Proben in KW 3,

  • 9.970 in KW 4,

  • 16.122 in KW 5 und

  • 17.727 positive Proben in KW 6.

Besonders hoch war die die Aktivität in KW 7 im Osten (8.086 Nachweise) und im Süden (8.777) Deutschlands, während die Regionen Norden/Westen (2.988) und Mitte/Westen (4.476) etwas weniger betroffen waren.

In dieser Grippe-Saison sind bislang mehr als 20.000 Menschen nachweislich an Influenza erkrankt, und 136 Menschen starben nachweislich an der Infektion.

Weiterhin hohes Patientenaufkommen

„Wir sind in einer Influenza-Hochphase, und in der nächsten Woche rechnen wir weiter mit einem hohen Influenza-Aufkommen“, sagt Welte zu Medscape. „Wir haben aktuell etwa die Hälfte aller nicht chirurgischen Betten mit Influenza-Patienten belegt – das ist aber nicht ungewöhnlich.“ Da Impfungen erst nach etwa 4 Wochen einen Effekt zeigten, sei es dafür jetzt zu spät, ergänzt der Experte.

 
Wir rechnen in der nächsten Woche weiter mit einem hohen Influenza-Aufkommen. Prof. Dr. Tobias Welte
 

Weltes Wunsch an Hausärzte bzw. Allgemeinmediziner: „Eigentlich würden wir uns eine Diagnostik über Schnelltests wünschen“, so Welte. „Das ist in Deutschland leider sehr gering verbreitet, so dass manche Patienten mit im weitesten Sinne Erkältungssymptomen in die Klinik kommen.“

Selbst bei Influenza hält er stationäre Aufenthalte nicht generell für erforderlich. Seien Patienten in einem guten Zustand und drohe kein Risiko durch Vorerkrankungen oder durch fehlende soziale Betreuung, könnten sie sich „zu Hause ins Bett legen“.

„Influenza verschlechtert insbesondere kardiovaskuläre Erkrankungen, Herzinsuffizienzen, koronare Herzerkrankungen, atherosklerose Erkrankungen oder pulmonale Vorerkrankungen wie Asthma oder COPD“, sagt Welte. Aufgrund zirkulierender Influenza-B-Viren sei die Zahl der Herzmuskelentzündungen in der aktuellen Situation besonders hoch.

Dramatischer Anstieg bei Notfallpatienten

Die Grippewelle bringt nicht nur Kliniken in Hannover an die Grenze ihrer Kapazitäten. Wie Udo Götsch vom Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt berichtet, hätten internistische Abteilungen zeitweise keine neuen Patienten mehr aufgenommen.

Ähnliche Nachrichten kommen aus Bayern. Die Kreiskrankenhäuser in Neumarkt beziehungsweise Parsberg und das Krankenhaus Oberviechtach verhängten ebenfalls Stopps. Planbare chirurgische Eingriffe wurden abgesagt.

 
Eigentlich würden wir uns eine Diagnostik über Schnelltests wünschen. Prof. Dr. Tobias Welte
 

Solche Hiobsbotschaften kamen am 19. Februar 2018 auch aus Bonn. „Mit Bekanntwerden der zahlreichen hochfiebrigen grippalen Infekte auf mehreren Stationen im Haupthaus haben wir sofort ein interdisziplinär besetztes Management-Team einberufen, uns beraten und dann in Rücksprache mit dem Gesundheitsamt Bonn einen sofortigen Aufnahmestopp verhängt“, berichtet Prof. Dr. Markus Banger, ärztlicher Direktor der LVR-Kliniken.

Impfmüdigkeit bleibt problematisch

Die bundesweit hohe Zahl an schweren, klinisch zu behandelnden Patienten habe 2 Gründe, erklärt Welte:

  • Einerseits hat die Impfbereitschaft deutlich nachgelassen,

  • zum anderen hat der verwendete Grippe-Impfstoff diese Grippe nur unzureichend abgedeckt.

Impfmüdigkeit zieht sich wie ein roter Faden quer durch Europa. Pernille Jorgensen vom WHO Regional Office for Europe in Kopenhagen hat zusammen mit ihren Kollegen untersucht, wie nahe verschiedene Länder der WHO-Region ihrem Ziel kommen, 75% aller Einwohner zu impfen: Nur in Schottland entschlossen sich drei Viertel der Senioren zu diesem Schritt. Andere Nationen scheiterten. In Deutschland waren es zuletzt 37%.

Besonders kritisch erscheint Jorgensen, dass im Mittel nur 40% aller Angestellten des Gesundheitssystems geschützt sind (in Deutschland: 26%).

Wirksamkeit saisonaler Impfungen umstritten

Auch die Ende 2017 verwendeten Dreifach-Vakzine ist Gegenstand medizinischer Kontroversen. Dr. Josef Kahl, Präventionsexperte des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), kommentiert: „Die Impfung wirkt nicht ausreichend gegen den aktuellen Erreger, kann also nicht alle Kinder und Jugendliche ausreichend schützen.“ Sein Verband hat zusammen mit der Ständigen Impfkommission (STIKO) einen Vierfach-Schutz gefordert. Etliche Krankenkassen übernehmen aber nur den Dreifach-Schutz – ein „fataler Fehler“, sagt Kahl. „Denn besonders verbreitet sind in diesem Winter Influenza-Viren des eher seltenen Typs B der sogenannten Yamagata-Linie.“

Anfang Februar hat das Robert Koch-Institut vorläufige Ergebnisse zur Wirksamkeit der saisonalen Influenzaimpfung im Epidemiologischen Bulletin veröffentlicht. Basis der Arbeit sind Daten von 1.391 Patienten mit grippeähnlichen Symptomen. Ihr Erkrankungsbeginn lag zwischen KW 40/2017 und 6/2018. Forscher verglichen 431 Patienten (31%), die nachweislich eine Influenza-Infektion hatten, mit 960 negativen Kontrollen: 6% der Fälle und 11% der Kontrollen waren geimpft.

 
Die Impfung wirkt nicht ausreichend gegen den aktuellen Erreger, kann also nicht alle Kinder und Jugendliche ausreichend schützen. Dr. Josef Kahl
 

Die Impfeffektivität saisonaler Vakzine gegen eine laborbestätigte Influenzaerkrankung lag über alle Impfstoffe gemittelt bei 46% (95%-Konfidenzintervall [95%-KI]: 8% bis 68%) für alle Altersgruppen. Deutliche Unterschiede geben die Forscher für verschiedene Altersgruppen an:

  • für Kinder und Jugendliche bis 14 Jahre (61%; 95%-KI: -24% bis 88%),

  • 15 bis 59 Jahre (45%; 95%-KI: -23% bis 75%) und

  • 60 Jahre und älter (36%; 95%-KI: -55% bis 74%).

Aufgrund der geringen Studienpopulation ist die Interpretierbarkeit zwar eingeschränkt. Dennoch finden Experten Hinweise, dass der häufig verwendete trivalente Impfstoff eine gewisse Wirksamkeit gegen zirkulierende Influenza-B-Viren der Yamagata-Linie zeigt. Passende Antigene sind aber nur im Vierfach-Impfstoff enthalten. Der Dreifach-Impfstoff enthält u.a. Antigene eines B/Brisbane/60/2008-like Virus.

Die nächste Saison kommt bestimmt

Während Ärzte noch Patienten der Grippesaison 2017/2018 versorgen, hat die Weltgesundheitsorganisation WHO bereits Empfehlungen für 2018/2019 veröffentlicht. Vierfach-Impfstoffe in der nördlichen Hemisphäre sollten demnach Antigene folgender Viren enthalten:

  • A/Michigan/45/2015 (H1N1)pdm09-like Virus,

  • A/Singapore/INFIMH-16-0019/2016 (H3N2)-like Virus,

  • B/Colorado/06/2017-like Virus (B/Victoria/2/87-Linie) sowie

  • B/Phuket/3073/2013-like Virus (B/Yamagata/16/88-Linie).

 

Kommentar

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