Nationaler Aktionsplan will Gesundheitskompetenz in Deutschland stärken: Mit 15 Empfehlungen

Heike Dierbach

Interessenkonflikte

21. Februar 2018

Berlin – Verbirgt sich im Koalitionsvertrag eine Ankündigung der Lebensmittel-Ampel? Die Hamburger Senatorin für Gesundheit und Verbraucherschutz Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) will sie unter anderem in der Formulierung „verständliche und vergleichbare Lebensmittelkennzeichnung“ erkannt haben. Das sagte Prüfer-Storcks anlässlich der Vorstellung des Nationalen Aktionsplans Gesundheitskompetenz [1]. Dieser empfiehlt ebenfalls eine Lebensmittel-Ampel, neben vielen weiteren Maßnahmen. Die Autoren sehen Gesundheitskompetenz dabei als Querschnittsaufgabe, die praktisch alle Akteure im Gesundheitsbereich betrifft, aber auch Schulen, Kitas und die Politik.

Initiative kam aus der Wissenschaft

Gesundheitskompetenz, englisch „health literacy“, bezeichnet die Fähigkeit des Einzelnen, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu bewerten und anzuwenden. 54% der deutschen Bevölkerung haben damit laut einer Studie von 2016 Schwierigkeiten. „Das ist eine Alarmzahl“, sagte der geschäftsführende Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), der die Schirmherrschaft für den Aktionsplan übernommen hat. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation verursacht mangelnde Gesundheitskompetenz 3 bis 5% der gesamten Gesundheitskosten. Für Deutschland wäre das ein Einsparpotenzial von 9 bis 15 Milliarden Euro pro Jahr.

Die Idee, Maßnahmen für mehr Gesundheitskompetenz in einem Plan zu bündeln, stammt von Prof. Dr. Doris Schaeffer, Direktorin des Instituts für Pflegewissenschaft an der Universität Bielefeld und Leiterin des Instituts für Gesundheits- und Bildungsforschung in Berlin. Entwickelt hat den Nationalen Aktionsplan ein wissenschaftliches Gremium aus 14 Experten, unterstützt unter anderem durch die Robert Bosch Stiftung und den AOK-Bundesverband. Der Plan ist damit keine offizielle Strategie der Bundesregierung, das Gesundheitsministerium war aber im Gremium vertreten.

YouTube-Film statt Broschüre

In 15 Empfehlungen skizzieren die Autoren, wie sich die Gesundheitskompetenz in Deutschland verbessern lässt. Dabei betonen sie die Verantwortung der Handelnden im Gesundheitssystem Informationen verständlich an Laien zu vermitteln. So sollen etwa Patienten mehr beteiligt und komplizierte Broschüren und Formulare bei den Krankenkassen überarbeitet werden. „Viele Patienten haben auch Probleme, sich im Gesundheitssystem überhaupt zu orientieren“, sagte Mitautor Dr. Sebastian Schmidt-Kaehler, Geschäftsführer der Patientenprojekte GmbH. Er fordert professionelle Patientenlotsen.

Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, betonte, Institutionen dürften nicht darauf warten, dass der Bürger von selbst nach Gesundheitsinformationen suche: „Wir müssen im Gegenteil selbst Einflugschneisen finden, um ihm wichtige Informationen nahe zu bringen.“ Eine Möglichkeit ist etwa YouTube: Die AOK präsentiert dort Filme, um auch Menschen zu erreichen, die Probleme mit schriftlichen Texten haben.

 
Viele Patienten haben auch Probleme, sich im Gesundheitssystem überhaupt zu orientieren. Dr. Sebastian Schmidt-Kaehler
 

Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery

Der Präsident der Bundesärztekammer Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery zeigte sich zufrieden, dass der Nationale Aktionsplan die zentrale Rolle des Mediziners in der Kommunikation mit dem Patienten betont. „Dafür braucht der Arzt aber ausreichend Zeit.“ Auch die Delegation bestimmter Vermittlungsinhalte an andere Gesundheitsberufe sei denkbar. „Dann muss aber deren Ausbildung so weit verbessert werden, dass wir uns fachlich darauf verlassen können.“ Montgomery plädierte für ein gemeinsames Vorgehen der verschiedenen Berufsgruppen „ohne das übliche Verteilungs-Hickhack“.

Wie wirksam sind Programme in Schulen?

Rund ein Drittel der Empfehlungen im Aktionsplan betreffen den Alltagsbereich, wissenschaftlich oft „Lebenswelten“ genannt. Kita und Schule werden hier als entscheidende Akteure genannt. Mit Projektwochen sollen schon die Kleinen gesundheitsförderliches Verhalten lernen. Zu diesem Punkt gab es allerdings deutlichen Widerspruch von der Beate Proll, Abteilungsleiterin am Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung in Hamburg und Berichterstatterin der Kultusministerkonferenz für Gesundheitsförderung und Prävention: „Projektwochen sind nun nicht gerade die bahnbrechende Methode.“

Schulen hätten vielmehr das Problem, dass viele gute Präventionsprogramme von außen auf sie „niederrauschten“, sie aber nicht erkennen könnten, welches für ihre Schüler passt. Oft ist auch nicht evaluiert, ob etwa ein Ernährungsprojekt wirklich dazu führt, dass weniger Kinder übergewichtig werden. Eine aktuelle Studie im British Medical Journal verneint einen solchen Effekt selbst bei einem zeitlich umfangreichen Programm mit Einbindung der Eltern.

Margarete Büning-Fesel, Leiterin des Bundeszentrums für Ernährung, betonte den Einfluss der Alltagsumgebung auf das Gesundheitsverhalten: „Die gesundheitsförderliche Wahl muss die leichtere Wahl werden.“ Dafür aber brauche es „mutige politische Entscheidungen“. In diesem Bereich wird der Aktionsplan am konkretesten, während im Gesundheitsbereich viele Vorschläge eher vage bleiben. Empfohlen werden verbindliche Ziele für die Reduktion von Fett, Zucker und Salz und ein Verbot von Werbung, die mit Falschinformationen arbeitet oder versucht, Kindern ungesunde Produkte zu verkaufen.

 
Die gesundheitsförderliche Wahl muss die leichtere Wahl werden. Margarete Büning-Fesel
 

Die Autoren sehen den Nationalen Aktionsplan als Aufforderung an alle Institutionen, selbst für eine Förderung der Gesundheitskompetenz aktiv zu werden. Mit einer guten Idee kann man sich an die Geschäftsstelle in Berlin wenden.

 

REFERENZEN:

1. Schaeffer D, et al: Nationaler Aktionsplan Gesundheitskompetenz. Die Gesundheitskompetenz in Deutschland stärken. 2018

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....