Ungesunde Rhythmusstörung – Häufige Nachtschichten fördern das Entstehen eines Typ-2-Diabetes

Anke Brodmerkel

Interessenkonflikte

20. Februar 2018

Schichtarbeit mit häufigen Nachtschichten fördert das Entstehen eines Typ-2-Diabetes, und zwar unabhängig vom genetischen Risiko für die Erkrankung. Das ist das Ergebnis einer Studie, die Wissenschaftler um Dr. Céline Vetter von der Abteilung Integrative Physiologie der Universität von Colorado in Boulder vorgenommen haben. Wie das Team im Fachblatt Diabetes Care berichtet, steigt das Risiko mit der Anzahl der Nachtschichten pro Monat [1]. Nur bei Menschen, die ausschließlich nachts arbeiten, ließ sich kein erhöhtes Risiko nachweisen.  

Dass Schichtarbeit einen Typ-2-Diabetes begünstigen kann, ist nicht neu. Zahlreiche Studien haben diesen Zusammenhang bereits aufgezeigt. Schichtarbeiter schlafen häufig schlecht, essen zu unüblichen Zeiten und bewegen sich seltener als andere, weswegen sie oft übergewichtig sind und allein dadurch ihr Diabetesrisiko erhöhen.

Die Studie von Vetter und ihren Kollegen beschäftigte sich nun allerdings erstmals auch mit der Frage, ob und inwieweit Schichtarbeit sich auf den Zusammenhang zwischen dem genetischen Risiko für Typ-2-Diabetes und dem tatsächlichen Entstehen der Krankheit auswirkt – wobei die Forscher den Body-Mass-Index (BMI) der Probanden als einen möglichen Confounder berücksichtigten.

In die Studie flossen die Daten von mehr als 270.000 Probanden ein

Für ihre Untersuchung nutzen die Wissenschaftler die Daten der öffentlich zugänglichen UK Biobank, die Gen- und Gesundheitsdaten von etwa einer halben Million freiwilliger Probanden aus Großbritannien zum Zwecke gesundheitsbezogener Forschung enthält. In ihre eigene Analyse flossen die Daten von 272.214 momentanen und 70.480 langjährigen Schichtarbeitern im Alter zwischen 38 und 71 Jahren ein, von denen 6.770 bzw. 1.191 an Typ-2-Diabetes erkrankt waren.

Von 180.704 momentanen und 44.141 langjährigen Schichtarbeitern lagen zudem die gewünschten genetischen Daten vor. Unter diesen Probanden waren 4.002 bzw. 726 an Typ-2-Diabetes erkrankt. Anhand 110 genetischer Abweichungen, die bewiesenermaßen mit einem erhöhten Diabetesrisiko einhergehen, nahmen die Forscher um Vetter eine Risikobewertung ihrer Probanden vor.

Nur bei denen, die ausschließlich nachts arbeiten, ist das Diabetesrisiko unverändert

Wie ihre Berechnungen zeigten, hatten alle momentanen Nachtschicht-Arbeiter verglichen mit Menschen, die nur tagsüber arbeiten, ein erhöhtes Diabetesrisiko. Dabei berücksichtigten die Forscher neben dem Gewicht ihrer Probanden eine Vielzahl möglicher Störfaktoren, unter anderem das Alter, die körperliche Aktivität, Alkohol- und Zigarettenkonsum, die gewöhnliche Schlafdauer, den Blutdruck und die Blutfettwerte.

  • Bei Menschen mit seltenen Nachtschichten war das Risiko um 15% erhöht.

  • Probanden, die häufig nachts arbeiten mussten, hatten ein um 44% erhöhtes Risiko.

  • Bei Probanden, die ausschließlich nachts arbeiteten, war das Risiko hingegen kaum verändert.

Zudem zeigten die Analysen von Vetter und ihren Kollegen, dass das Diabetesrisiko bei langjähriger Schichtarbeit von der Zahl der monatlichen Nachtschichten abhängt. Bei weniger als 3 Nachtschichten im Monat war es um 24% erhöht, bei mehr als 8 hingegen um 36%.

Der Zusammenhang zwischen einer genetischen Prädisposition und dem tatsächlichen Entstehen eines Typ-2-Diabetes wurde durch die Schichtarbeit hingegen nicht beeinflusst. Die Forscher betonen allerdings, dass dieses Ergebnis durch weitere Studien bestätigt werden müsse.

Mit einem häufigen Wechsel zwischen Tag- und Nachtschichten steigt auch das Risiko

„Schichtarbeit, insbesondere solche mit Nachtschichten, stört soziale und biologische Rhythmen ebenso wie den Schlaf und steht daher schon seit längerem in Verdacht, das Risiko metabolischer Erkrankungen einschließlich Typ-2-Diabetes zu erhöhen“, wird Vetter in einer Pressemitteilung der Universität von Colorado zitiert.

Ihre Studie sei eine der ersten, die einen dosisabhängigen Zusammenhang zeige: Je öfter die Menschen nachts arbeiteten, desto größer sei die Wahrscheinlichkeit, die Krankheit zu entwickeln.

 
Schichtarbeit … stört soziale und biologische Rhythmen ebenso wie den Schlaf und steht daher schon seit längerem in Verdacht, das Risiko metabolischer Erkrankungen einschließlich Typ-2-Diabetes zu erhöhen. Dr. Céline Vetter
 

Dass Menschen, die ausschließlich nachts arbeiten, offenbar kein erhöhtes Diabetesrisiko aufweisen, könnte den Forschern zufolge zum einen daran liegen, dass sie die Nachtarbeit generell besser tolerieren. Unter diesen Probanden fanden Vetter und ihr Team den Chronotyp der „Eule“ nämlich mehr als doppelt so oft wie unter den Teilnehmern insgesamt.

Wissenschaftler, die sich mit den biologischen Rhythmen des Menschen beschäftigen, unterscheiden in der Regel zwischen 2 Chronotypen: den bevorzugten Frühaufstehern, „Lerchen“ genannt, und denjenigen, die eher am Abend fit sind, den „Eulen“.

Vetter betont aber auch, dass sich manche Menschen an ausschließliche Nachtarbeit vermutlich gewöhnen könnten. Zumindest kämen sie offenbar besser klar als diejenigen, die oft zwischen Tag- und Nachtschichten wechseln müssten: Der häufige Wechsel könne zu einer chronischen Schieflage der Hell-Dunkel- und Schlaf-Wach-Rhythmen führen und es den Menschen erschweren, regelmäßig zu essen und sich körperlich zu bewegen, sagt die Wissenschaftlerin.

Schichtarbeiter sollten auf ihr Gewicht sowie ausreichend Schlaf und Bewegung achten

Frühere Untersuchungen eines der Mitautoren der Studie, Prof. Dr. Frank Scheer, Direktor des Medical Chronobiology Program und außerordentlicher Medizinprofessor an der Harvard Medical School, hatten bereits gezeigt, dass eine verringerte Schlaftiefe und eine Störung der inneren Uhr – die mit Schichtarbeit in der Regel einhergehen – die Glukosetoleranz und die Insulinsensitivität beeinträchtigen können.

Die US-Forscher empfehlen daher allen Menschen, die um Nachtschichten nicht herumkommen, auf ihr Gewicht, eine gesunde Ernährung sowie auf ausreichend Schlaf und Bewegung zu achten.

 

REFERENZEN:

1. Vetter C, et al: Diabetes Care (online) 12. Februar 2018

 

Kommentar

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