Kardio-Check für Olympia-Teilnehmer? Italienische Studie findet bei einem von 25 Athleten Herzanomalien

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

7. Februar 2018

Ski-Langläufer, Biathleten, Eisschnellläufer und andere Hochleistungssportler, die ab dem 10. Februar im südkoreanischen Pyeongchang um olympische Medaillen kämpfen, sind nicht immun gegen einen plötzlichen Herztod. Das betont erneut der italienische Sportmediziner Dr. Antonio Pelliccia vom Institut für Sportmedizin und Wissenschaft in Rom [1].

„Unerwarteterweise haben wir bei einer größeren Untergruppe aller untersuchten Athleten (3,9 Prozent) Hinweise auf kardiovaskuläre Anomalien festgestellt ... – bei einem kleinen, jedoch nicht zu vernachlässigenden Anteil davon ernste pathologische Erkrankungen wie hypertrophe und arrhythmogene Kardiomyopathien, komplexe ventrikuläre Tachyarrhythmien, Wolf-Parkinson-White (WPW) oder Long-QT-Syndrome – alles Erkrankungen, die ein erhöhtes Risiko für einen plötzlichen Herztod beim Sport bedeuten“, erklären die italienischen Wissenschaftler im European Heart Journal.

„Unsere Erkenntnis impliziert, dass Spitzensportler – trotz ihrer außerordentlichen Leistungsfähigkeit – auch wenn sie keine klinischen Symptome zeigen, nicht immun sind gegen möglicherweise tödliche kardiovaskuläre Ereignisse“, so die Autoren.

Regelmäßig evaluiert das Institut im Rom die Erkenntnisse aus dem kardiovaskulären Screening, das für alle olympischen Sportler verpflichtend ist. Das italienische Olympische Komitee hat dieses Screening schon in den 1980er-Jahren implementiert. „Diese Untersuchung zeigt deutlich, dass selbst der höchste Grad sportlicher Leistungsfähigkeit, den Sportler für eine Teilnahme an olympischen Spielen erreicht haben müssen, nicht automatisch bedeutet, dass keine ernsthaften kardialen Erkrankungen vorliegen“, bemerken Pelliccia und seine Kollegen.

 
Unerwarteterweise haben wir bei einer größeren Untergruppe aller untersuchten Athleten (3,9 Prozent) Hinweise auf kardiovaskuläre Anomalien festgestellt. Dr. Antonio Pelliccia und Kollegen
 

Olympische Sportler setzen sich möglicherweise im Wettkampf einem hohen Risiko aus, warnen sie – aufgrund einer Herzkrankheit, die nicht diagnostiziert wurde, oder einem angeborenen, nicht erkannten Herzfehler, der unter den extremen Belastungen Rhythmusstörungen ausgelöst. Durch das Screening-Programm können die meisten dieser Erkrankungen erkannt werden, fügen die Autoren an.

Schon 2005 plädierte die European Society of Cardiology (ESC) für ein EKG für alle Wettkampfsportler. Im Jahr 2009 hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) in einem Positionspapier auf die Notwendigkeit eines regelmäßigen auf Spitzensportler zugeschnittenen gesundheitlichen Screenings inklusive eines EKGs hingewiesen. Auf internationaler Ebene seien der Empfehlung des IOC lediglich die Fédération Internationale de Football Association (FIFA) und di Union Cyclist International (UCI) nachgekommen, bemerken die italienischen Autoren.

Verbände entscheiden über Sporttauglichkeitsuntersuchung beim DOSB

In Deutschland existiert seit 1970 eine medizinische Untersuchung – inklusive Belastungs-EKG, Echokardiografie und Blutuntersuchung – für nationale Kader-Athleten in den olympischen Sportarten. Die Untersuchung ist jedoch nicht für alle Hochleistungssportler verpflichtend, wohl aber für Olympiateilnehmer.

Prof. Dr. Jürgen Scharhag

„Rund 3.500 der etwa 6.000 Kader-Athleten durchlaufen die Untersuchung an den 26 Zentren des DOSB jährlich“, sagt Prof. Dr. Jürgen Scharhag vom Zentrum für Prävention und Sportmedizin an der TU München, im Gespräch mit Medscape. Kosten des Screenings: 250 bis 300 Euro, die der Athlet bzw. der jeweilige Verband zahlt.

 
Diese Untersuchung zeigt deutlich, dass selbst der höchste Grad sportlicher Leistungsfähigkeit … nicht automatisch bedeutet, dass keine ernsthaften kardialen Erkrankungen vorliegen. Dr. Antonio Pelliccia und Kollegen
 

Im Jahr 2012 hat Tim Meyer, Mannschaftsarzt der deutschen Nationalelf und Ärztlicher Direktor des Instituts für Sport- und Präventivmedizin der Universität des Saarlandes, unter der Schirmherrschaft der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) ein Sudden Cardiac Death-Register ins Leben gerufen (wie Medscape berichtete). Die Experten der Sportmedizin Saarbrücken beziffern die Häufigkeit plötzlicher Herztodesfälle bei jungen Sportlern auf der Basis internationaler Daten auf 0,5 bis 3 pro 100.000/Jahr.

„Unter dem Strich ist der plötzliche Herztod bei Leistungssportlern ein sehr seltenes Ereignis“, sagt Scharhag. Trotzdem plädiert der Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Sportmedizin für eine verpflichtende Sporttauglichkeits-Untersuchung mit Belastungs-EKG, wie sie der Deutsche Fußballbund (DFB) für Bundesliga-Spieler vorschreibt. „Insbesondere für Leistungssportler, egal welche Sportart sie ausüben, ist ein solches Screening empfehlenswert, und es wäre sinnvoll, dies vorzuschreiben“, sagt Scharhag.

Italienische Olympia-Teilnehmer müssen zum Kardio-Check-up

In Italien ist das kardiovaskuläre Screening für jeden, der im organisierten Sport teilnimmt, Pflicht, was auch seit 1982 im Gesetz verankert ist. Nach der Einführung reduzierte sich die jährliche Rate des plötzlichen Herztods beim Sport von 3,6 auf 0,4/100.000 Personenjahre.

Für die aktuelle Analyse haben Pelliccia und seine Kollegen die Untersuchungsdaten von 2.352 Olympia-Sportlern (Durchschnittsalter 25 Jahre; 64% männlich; im Schnitt 6 Jahre Training) untersucht (von den Sommerspielen in Athen 2004 bis zu den letzten Winterspielen in Sochi 2014). Alle waren Weltklasseathleten, berichten die Sportmediziner.

 
Viele Kardiologen können die Adaptionen des Herzens eines Sportlers nicht richtig einordnen. Prof. Dr. Jürgen Scharhag
 

Die große Mehrheit zeigte wie erwartet keine (84,2%) oder nur geringe (11,9%) kardiovaskuläre Auffälligkeiten ohne klinische Relevanz. Bei 92 Sportlern jedoch (3,9%) stellten die Ärzte Anomalitäten fest. Zumindest einige davon gehen mit einem erhöhten Risiko für einen plötzlichen Herztod während des Wettkampfs einher – die meisten davon konnten durch das Screening-Programm erkannt werden, bemerken die Autoren.

In der Tat bestehe bei arrhythmogenen und hypertrophen Kardiomyopathien sowie bei einer koronaren Herzerkrankung (KHK), bei komplexen Rhythmusstörungen, einer akuten Myokarditis und hochgradigen Klappenerkrankungen ein erhöhtes Risiko für den plötzlichen Herztod, sagt Scharhag.

EKG richtig interpretieren

In einer Analyse paralympischer Sportler wurden bei einem noch größeren Teil der Athleten (12%) kardiovaskuläre Auffälligkeiten, bei 9% sogar strukturelle Anomalien festgestellt. Jedoch müsse man berücksichtigen, dass die paralympischen Sportler älter waren und mehr kardiovaskuläre Risikofaktoren aufwiesen als die untersuchten Olympia-Teilnehmer.

Beide Inzidenzraten kardiovaskulärer Anomalien seien jedoch höher als erwartet, zumal die untersuchten Athleten seit vielen Jahren Wettkämpfe auf nationaler Ebene betreiben und bereits in den Jahren zuvor untersucht wurden, bemerken die Autoren. Das stelle die tatsächliche Effektivität des EKG-Screenings in Frage.

Möglicherweise seien die EKGs der Sportler nicht richtig interpretiert worden, denn eine retrospektive Analyse der Athleten mit Kardiomyopathien und Kanalopathien ergab, dass die meisten dieser Erkrankungen bereits bei Untersuchungen in den Vorjahren präsent waren, jedoch nicht diagnostiziert wurden. „Diese Beobachtung unterstreicht, dass klinische Kardiologen in der Interpretation des EKGs eines Athleten besser geschult werden müssen“, schreiben Pelliccia und seine Kollegen.

 
Manchmal läuft es in der Praxis aktuell so, dass ein Athlet, der die Sporttauglichkeit von einem Arzt nicht bescheinigt bekommt, einfach zum nächsten Arzt geht. Prof. Dr. Jürgen Scharhag
 

Zudem fände das Positionspapier des IOC, das ein auf Top-Sportler zugeschnittenes Screening-Programm empfehle, weiterhin von vielen nationalen und internationalen Verbänden sowie medizinischen Fachgesellschaften wenig Beachtung, monieren sie.

Auch Sportmediziner Scharhag plädiert für eine bessere Qualifikation der Ärzte, die die Sporttauglichkeitsuntersuchungen durchführen. „Viele Kardiologen können die Adaptionen des Herzens eines Sportlers nicht richtig einordnen“, bemerkt er. Das sei bei der Interpretation eines Kardio-MRTs, das auch einige Experten zur Evaluation für Leistungssportler in Erwägung ziehen, noch schwieriger.

Daher plant die Arbeitsgruppe Sportkardiologie der DGK gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP) die Einführung der Zusatzqualifikation „Sportkardiologe“. „Die Sporttauglichkeits-Untersuchungen sollten von Ärzten durchgeführt werden, die über Erfahrung mit Leistungssportlern verfügen“, fordert Scharhag.

Aufgrund der sportmedizinischen Expertise der Untersucher dort sollten Kader-Athleten ihr Screening auch idealerweise in einem der 26 DOSB-Zentren durchführen lassen, rät er. „Die Experten dort erkennen Athleten mit erhöhtem kardialem Risiko.“

Eine Empfehlung an Athleten auszusprechen, bei denen Auffälligkeiten festgestellt wurden, sei jedoch nicht immer einfach. Diskutiert werde aktuell die Einrichtung eines unabhängigen Expertengremiums, das bei unklaren Fällen gemeinsam über eine Empfehlung an den Sportler entscheide. „Manchmal läuft es in der Praxis aktuell so, dass ein Athlet, der die Sporttauglichkeit von einem Arzt nicht bescheinigt bekommt, einfach zum nächsten Arzt geht“, bemerkt Scharhag.

 

REFERENZEN:

1. Pelliccia A, et al: Eur Heart J 2017;38:2092-2094

 

Kommentar

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