Lennox-Gastaut-Syndrom: Cannabidiol senkt Anfallsfrequenz bei Kindern mit therapierefraktärer Epilepsie

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

6. Februar 2018

Prof. Dr. Ulrich Brandl

Eine Behandlung mit Cannabidiol kann in Kombination mit anderen Antiepileptika die Anfallsfrequenz von Patienten mit Lennox-Gastaut-Syndrom (LGS) reduzieren, die zuvor nicht auf eine Behandlung angesprochen haben. Zu diesem Ergebnis kommt eine randomisierte Phase-3-Studie aus den USA [1].

Bei etwa 1 bis 4% der Epilepsien im Kindesalter handelt es sich um LGS. Die seltene Erkrankung ist durch verschiedene epileptische Anfallstypen – tonische Anfälle, atypische Absencen und Sturzanfälle (atonische Anfälle) – charakterisiert und schwierig zu behandeln. „Praktisch alle Patienten mit LGS sind therapierefraktär, es gibt fast keine Patienten, die über einen längeren Zeitraum anfallsfrei werden“, erklärt Prof. Dr. Ulrich Brandl, Direktor der Klinik für Neuropädiatrie am Universitätsklinikum Jena, im Gespräch mit Medscape. „Der Bedarf an neuen Therapieoptionen ist hoch.“

Cannabidiol ist ein Wirkstoff aus der Hanfpflanze. Es hat kaum psychoaktive Effekte, „der wichtigste bisher bekannte pharmakologische Effekt von Cannabidiol ist der antikonvulsive, es ist praktisch ein Antiepileptikum“, erklärt Brandl.

Kein Ansprechen auf 6 verschiedene Antiepileptika

Dr. Elizabeth Thiele vom Pediatric Epilepsy Program am Massachusetts General Hospital in Boston und ihre Kollegen haben den Effekt von Cannabidiol bei 171 LGS-Patienten aus den USA, den Niederlanden und Polen untersucht. Die Teilnehmer an der Studie waren zwischen 2 und 55 Jahre alt. Alle waren hochgradig therapierefraktär. Sie hatten vor Studienbeginn im Schnitt auf 6 verschiedene Antiepileptika nicht angesprochen, nahmen 3 verschiedene Antiepileptika ein und hatten im Mittel fast 74 atonische Anfälle in einem 28-Tage-Zeitraum.

 
Der wichtigste bisher bekannte pharmakologische Effekt von Cannabidiol ist der antikonvulsive, es ist praktisch ein Antiepileptikum. Prof. Dr. Ulrich Brandl
 

Die Patienten erhielten 14 Wochen lang zusätzlich zu ihrer normalen Therapie randomisiert entweder täglich eine Dosis des Cannabidiol-Präparats oder ein Placebo. Über den Studienzeitraum führten die Teilnehmer bzw. deren Angehörige genau Tagebuch über Zahl und Art der Anfälle, Medikamente und Nebenwirkungen.

Bei Studienende hatte sich die Zahl der atonischen Anfälle in der Cannabidiol-Gruppe um 43,9% reduziert – von 71,4 auf 31,4 Anfälle pro Monat. Auch in der Placebogruppe reduzierten sich die Anfallshäufigkeit, allerdings nur um 21,8% – von 74,7 auf 56,2 Anfälle pro Monat.

Auch bei den anderen Anfallstypen kam es in der Cannabidiol-Gruppe zu einer Verringerung. Die Gesamtzahl an Anfällen sank um 41,2%, von im Mittel 144,6 auf 83,8 Anfälle pro Monat. In der Placebo-Gruppe sank die Gesamtzahl an Anfällen um 13,7%, von 176,7 auf 128,7 Anfälle pro Monat.

Cannabidiol – ein weiteres Antiepileptikum

Es gibt bereits einige Medikamente, die bei Patienten mit LGS die Anfallshäufigkeit reduzieren. „Einige Patienten sprechen auf alte Antiepileptika wie Valproinsäure an, andere bessern sich mit Clobazam, einem Benzodiazepin. Außerdem gibt es 2 Antikonvulsiva, die speziell für LGS im Handel sind, Felbamat und Rufinamid“, berichtet Brandl.

Mit den meisten dieser Medikamente erreiche man eine Reduktion der Anfallsfrequenz um 30 bis 50%. Cannabidiol unterscheide sich somit von der Wirksamkeit her nicht wesentlich von anderen Medikamenten, die bei LGS eingesetzt werden.

Auch was die Nebenwirkungen anbelangt, halten sich die Unterschiede zwischen Cannabidiol und anderen modernen Antiepileptika in Grenzen. Therapiebedingte Nebenwirkungen traten in der Cannabidiol-Gruppe bei 62% der Patienten auf. In der Placebogruppe klagten 34% der Patienten über unerwünschte Effekte der Therapie.

Die häufigsten Nebenwirkungen waren Diarrhoe, Müdigkeit, Fieber, verminderter Appetit und Erbrechen. Bei 4 Patienten in der Cannabidiol-Gruppe kam es zu Erhöhungen der Leberenzyme, die aber keinen bleibenden Schaden verursachten.

Ein Großteil der Nebenwirkungen war vorübergehend. Es gab aber auch Therapieabbrüche aufgrund von Nebenwirkungen – 14% in der Cannabidiol-Gruppe (unter anderem die Patienten mit erhöhten Leberenzymen) und 1% in der Placebogruppe.

„Cannabidiol hat etliche Nebenwirkungen, die denen anderer Antiepileptika ähneln, z. B. Müdigkeit“, kommentiert Brandl. Eine Besonderheit der Substanz scheint nur in der Wirkung auf das Gastrointestinalsystem zu liegen.

Überraschend häufig Diarrhoe

„Fast 20 Prozent der Patienten entwickelten Diarrhoe, das kennen wir von anderen Antiepileptika nicht“, so Brandl. „Die Autoren machen keine Angaben zum Schweregrad der Diarrhoe, da jedoch die Zahl der Therapieabbrüche bei deutlich unter 20 Prozent liegt, ist anzunehmen, dass sie die Patienten im Alltag nicht zu sehr beeinträchtigt haben.“ Zudem hätten 78% der Patienten in der Cannabidiol-Gruppe angegeben, dass die Nebenwirkungen mild bis mäßig gewesen seien.

„Wir haben kaum ein Medikament, das von der Nebenwirkungshäufigkeit her wesentlich anders wäre“, so Brandl. „Doch je mehr Therapieoptionen zur Verfügung stehen, desto besser sind die Chancen, für den einzelnen Patienten eine gut verträgliche Therapie zu finden.“

Wechselwirkungen noch zu klären

Die Autoren um Thiele berichten, dass Patienten, deren Epilepsietherapie das Medikament Clobazam enthielt, häufiger unter Müdigkeit litten als Patienten mit anderen Arzneimittel-Kombinationen. Dies galt sowohl für die Cannabidiol-Gruppe (22 vs. 9%) als auch die Placebo-Gruppe (16 vs. 2%).

 
Cannabidiol ist kein Wundermittel, das die Behandlung dieser Erkrankung revolutionieren wird, aber eine ernstzunehmende weitere Therapieoption. Prof. Dr. Ulrich Brandl
 

„Cannabidiol zeigt Wechselwirkungen mit einigen Antiepileptika. Es erhöht z. B. den Blutspiegel von Clobazam“, erklärt Brandl. Der Clobazam-Blutspiegel wurde in der Studie zwar nicht gemessen, „aber die vermehrte Schläfrigkeit der Patienten ist ein gutes Indiz dafür, dass eine Spiegelsteigerung stattgefunden hat“.

Es müsse deshalb noch geklärt werden, wieviel Prozent des positiven Effekts von Cannabidiol auf Wechselwirkungen zurückgehen. „Dafür wären allerdings Studien mit größeren Fallzahlen notwendig. Bei einer so seltenen Krankheit wie LGS wird das wahrscheinlich erst der Gebrauch der Medikamente in der Praxis zeigen“, so Brandl.

Das Fazit des Neuropädiaters: „Cannabidiol ist kein Wundermittel, das die Behandlung dieser Erkrankung revolutionieren wird, aber eine ernstzunehmende weitere Therapieoption.“

 

REFERENZEN:

1. Thiele E, et al: Lancet (online) 24. Januar 2018

 

Kommentar

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