Nur Aufhören hilft wirklich – schon eine Zigarette am Tag schädigt das kardiovaskuläre System massiv

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

6. Februar 2018

Raucher haben – auch wenn sie sich nur eine einzige Zigarette am Tag genehmigen – ein viel höheres kardiovaskuläres Risiko als bislang erwartet. Das Risiko ist etwa halb so hoch wie das eines starken Rauchers, der rund 20 Zigaretten pro Tag konsumiert. Dies ist das Ergebnis einer Metaanalyse von 141 Kohortenstudien zum Zusammenhang von Zigarettenkonsum und dem Risiko für koronare Herzerkrankung (KHK) und Schlaganfall [1].

Nur Aufhören hilft dem Herzen wirklich

„Wir haben gezeigt, dass ein großer Anteil des Risikos für KHK und Schlaganfälle schon durch das Rauchen nur weniger Zigaretten am Tag entsteht“, schreiben die Autoren um Prof. Dr. Allan Hackshaw vom UCL Cancer Institute am University College London, UK, im British Medical Journal (BMJ).

Diese Erkenntnis, so die Autoren weiter, habe weitreichende Konsequenzen für viele Raucher und Gesundheitsexperten, die glaubten, der Konsum weniger Zigaretten verursache keinen oder nur sehr wenig Schaden. Nur ein Rauchstopp, nicht jedoch die Reduzierung der Zigarettenmenge, könne das Herz-Kreislauf-Risiko von Rauchern substanziell senken, warnen sie.

Prof. Dr. Uwe Nixdorff

Gleicher Ansicht ist Prof. Dr. Uwe Nixdorff, Internist, Kardiologe und Sportmediziner am European Prevention Center in Düsseldorf. „Rauchen wirkt direkt auf die Arterien – schon eine einzige Zigarette kann die Arterien, einschließlich der Koronararterien, schädigen“, warnt er im Gespräch mit Medscape. „Die Effekte auf das Herz-Kreislauf-System entstehen schnell; nicht binnen Jahren, sondern in Wochen oder sogar Tagen.“

 
Die Effekte auf das Herz-Kreislauf-System entstehen schnell; nicht binnen Jahren, sondern in Wochen oder sogar Tagen. Prof. Dr. Uwe Nixdorff
 

Zudem wirke Nikotin direkt auf das Gerinnungssystem, sodass schnell ein Thrombus entstehen könne. Es sei daher leicht nachvollziehbar, dass schon niedrige Dosen großen Schaden anrichten. „In Raucher-Entwöhnungskonzepten lautete daher meine Empfehlung immer schon: Von heute auf morgen radikal aufhören“, sagt Nixdorff.

Erhöhtes Risiko für KHK und Schlaganfall

Kleinere Studien hatten bereits gezeigt, dass sich auch gelegentliches Rauchen sowie Passivrauch massiv auf die Herzgesundheit auswirken kann. Um diesen Zusammenhang zu präzisieren, haben Hackshaw und seine Kollegen 55 Publikationen mit insgesamt 141 Studien, die von 1946 bis 2015 durchgeführt worden waren, zu den Auswirkungen von starkem Rauchen (20 Zigaretten pro Tag) und geringfügigem Rauchen (1 bis 5 Zigaretten pro Tag) auf das Herz-Kreislauf-System untersucht.

In den KHK-Studien wurden rund 5,6 Millionen Probanden, in den Schlaganfall-Studien rund 7,3 Millionen Probanden untersucht. Die Erkenntnis der Autoren: Diejenigen, die gewohnheitsmäßig 1 bis 5 Zigaretten pro Tag rauchen, haben ein um rund 50% erhöhtes Risiko einer KHK und ein um rund 30% erhöhtes Schlaganfallrisiko.

Der Vergleich von Viel-Rauchern und Wenig-Rauchern ergab, dass das Krankheitsrisiko nicht linear zum Zigarettenkonsum steigt. Männliche Teilnehmer, die nur 1 bis 5 Zigaretten am Tag rauchten, hatten trotzdem 46% des erhöhten KHK-Risikos eines Vielrauchers, der 20 Zigaretten pro Tag raucht. Bei Frauen lag dieser Prozentsatz bei 31%. Bei Raucherinnen wurden aber generell höhere kardiovaskuläre Risiken als bei männlichen Rauchern festgestellt.

 
Meine Botschaft an die Ärzte: Niemals aufgeben, einen Patienten zum Rauchstopp zu motivieren! Prof. Dr. Uwe Nixdorff
 

Tab 1: Relative Risiken (RR) für kardiovaskuläre Erkrankungen

 

RR bei 1 bis 5 Zigaretten

RR bei 20 Zigaretten

KHK Männer

1,48

2,04

KHK Frauen

1,57

2,84

Schlaganfall Männer

1,25

1,64

Schlaganfall Frauen

1,31

2,16

„Das Ergebnis der Studie zeigt, dass ein großer Anteil des Risikos für KHK und Schlaganfall vom Rauchen nur weniger Zigaretten stammt“, schreiben die Autoren. „Das hat wichtige Konsequenzen für Raucher, die glauben, dass leichtes Rauchen nur wenig oder gar keinen Schaden anrichtet.“

Erwartet hatten sie einen Risikoanteil von 5% bei den Wenig-Rauchern. „Obwohl sich eine Reduzierung der Zigarettenmenge insbesondere auf das Krebsrisiko eindeutig positiv auswirkt, sinkt das kardiovaskuläre Risiko nicht so erheblich, wie es viele Raucher vielleicht erwarten“, schreiben sie.

Die Studie biete somit ein starkes Argument für den Rauchstopp, auch für Ärzte. „Meine Botschaft an die Ärzte: Niemals aufgeben, einen Patienten zum Rauchstopp zu motivieren!“, sagt Nixdorff. Jeder noch so kleine Hinweis im Arzt-Patienten-Gespräch könne helfen. Raucherentwöhnung sei von allen Maßnahmen zur Lebensstiländerung zudem die effektivste. „Daher ist der Aufwand der Kollegen, einen Patienten aufzuklären, gerechtfertigt.“

 
Nur Aufhören schützt. Dr. Kenneth Johnson
 

E-Zigarette begrenzt Herzschäden kaum

In einem Editorial zur Studie nennt Prof. Dr. Kenneth Johnson, University of Ottawa, Kanada, die Resultate von Hackshaw und seinen Kollegen „überzeugend“ [2]. „Nur Aufhören schützt – und das sollte in allen Präventionsmaßnahmen und -gesetzen so herausgestellt werden“, fordert auch er.

Auch vor den Gefahren des Passivrauchens warnt Johnson eindringlich. Das sei „im Wesentlichen eine andere Form des leichten Rauchens, die ein substanzielles kardiovaskuläres Risiko mit sich bringt“.

Der E-Zigarette attestiert er ebensolche Risiken. Sie solle nicht als „Schadensbegrenzer“ beworben werden, weil durch sie weniger Zigaretten geraucht werden. „Weniger Rauchen bringt wahrscheinlich keine bedeutsamen gesundheitlichen Vorteile. Und das gleichzeitige Rauchen von Zigaretten und E-Zigaretten könnte das Risiko sogar noch vergrößern“, argumentiert Johnson.

Zudem fungierten E-Zigaretten als „Einstiegsdroge“ für junge Raucher, die dann vielleicht später ebenfalls regelmäßig zur Tabak-Zigarette griffen, ergänzt er.

„Ich sehe die E-Zigarette nicht als Ausweg“, sagt auch Nixdorff. Welchen kardiovaskulären Schaden die elektrische Variante mit Nassdampf mittel- und langfristig verursache, sei bislang aufgrund fehlender Studien unklar. „Ich vertrete aber die Meinung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, die nicht für die E-Zigarette als Alternative plädiert – zumal die Leute ja beim Rauchen bleiben und ab und an doch wieder zur Zigarette greifen. „Vielmehr sollen sich Raucher von ihrer ungesunden Lebensweise komplett verabschieden.“

 

REFERENZEN:

1. Hackshaw A, et al: BMJ (online) 24. Januar 2018

2. Johnson KJ: BMJ (online) 24. Januar 2018

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....