Erst Influenza, dann Infarkt: Warum gerade KHK-Gefährdete eine Grippe-Impfung dringend benötigen

Anke Brodmerkel

Interessenkonflikte

5. Februar 2018

Eine Infektion mit Influenzaviren geht mit einem rund 6-fach erhöhten Risiko für einen akuten Herzinfarkt einher. Das ist das Ergebnis einer kanadischen Studie, die Forscher um Dr. Jeffrey C. Kwong vom Institute for Clinical Evaluative Sciences in Toronto jetzt im New England Journal of Medicine (NEJM) vorgestellt haben [1]. Ihre Untersuchung zeige, wie wichtig es sei, gerade Personen mit einem hohen kardiovaskulären Risiko gegen Grippe zu impfen, betonen die Forscher.

Ergebnisse auch auf Deutschland übertragbar

Prof. Dr. Andreas M. Zeiher

„Wir wissen schon seit längerem, dass infolge von Pneumonien verstärkt Herzinfarkte auftreten“, bestätigt der Kardiologe Prof. Dr. Andreas M. Zeiher, Direktor der Medizinischen Klinik III am Universitätsklinikum Frankfurt am Main und der kommende Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK), im Gespräch mit Medscape.

Neu an der aktuellen Studie sei, dass man tatsächlich die Infektion mit Influenzaviren – und in geringerem Ausmaß auch mit anderen Erregern, die Lungenentzündungen hervorrufen – als Auslöser von Infarkten nachgewiesen habe. „Dieser Zusammenhang ist mit der kanadischen Untersuchung jetzt wirklich eindeutig belegt und wunderbar dokumentiert“, lobt der Mediziner.

 
Dieser Zusammenhang ist mit der kanadischen Untersuchung jetzt wirklich eindeutig belegt und wunderbar dokumentiert. Prof. Dr. Andreas M. Zeiher
 

Das kanadische Gesundheitssystem erlaube dank einer flächendeckenden Datenlage derartige Studien, die hierzulande so gar nicht möglich seien. „Ich gehe aber fest davon aus, dass die Ergebnisse von Kwong und seinen Kollegen auch für Deutschland gelten“, sagt Zeiher.

Jeder Proband diente als seine eigene Kontrolle

Kwong und seine Kollegen schlossen in ihre Untersuchung all jene staatlich versicherten Bewohner Ontarios ein, die zwischen dem 1. Mai 2009 und dem 31. Mai 2014 positiv auf Viren getestet worden waren, die Atemwegserkrankungen hervorrufen. Zudem mussten die Probanden 35 Jahre oder älter sein sowie zwischen dem 1. Mai 2008 und dem 31. Mai 2015 aufgrund eines akuten Herzinfarkts in einem Krankenhaus gewesen sein.

Für ihre Studie wählten die Forscher das SCCS-Design (Self Controlled Case Series), bei der jeder Proband als seine eigene Kontrolle genutzt wird, um so mögliche Störfaktoren, die das Ergebnis verzerren, weitgehend auszuschließen. Im konkreten Fall bedeutete das, dass die Forscher das Risiko, dass ein Proband innerhalb der ersten Woche nach einem positiven Virentest (dem Risikointervall) einen Herzinfarkt erlitt, mit dem Risiko verglichen, dass ein Herzinfarkt entweder in den 52 Wochen vor dem Test oder den 51 Wochen danach (dem Kontrollintervall) auftrat.

Ein erhöhtes Infarktrisiko nur in den ersten 7 Tagen

Das Team um Kwong identifizierte 364 Probanden, die ihre Einschlusskriterien erfüllten. 20 Teilnehmer erlitten den Herzinfarkt im einwöchigen Risikointervall, 344 im 103-wöchigen Kontrollintervall, was in dieser Zeitspanne eine Infarktrate von 3,3 Fällen pro Woche bedeutete. Somit ermittelten die Forscher ein um den Faktor 6,05 erhöhtes Risiko, infolge einer viralen Atemwegserkrankung einen akuten Myokardinfarkt zu erleiden. Nach 8 oder mehr Tagen konnten sie dagegen kein erhöhtes Risiko mehr ausmachen.

„Das zeigt, dass die generelle Inflammationsreaktion des Körpers infolge der Infektion, die ja eine sehr kurze Inkubationszeit von 0,5 bis maximal 2 Tagen hat, ganz offensichtlich die Ursache für den auftretenden Infarkt ist“, sagt der deutsche Kardiologe Zeiher. „Die Zahl und die Aktivität der weißen Blutkörperchen und der Blutplättchen steigen, wodurch die Gerinnungsneigung des Blutes zunimmt und insbesondere in vorgeschädigten Herzkranzgefäßen Blutgerinnsel entstehen können.“ Zudem kurbele das bei der Influenza auftretende Fieber die Herzleistung und den Sauerstoffverbrauch des Körpers an, was einen Infarkt ebenfalls begünstige.

 
Das zeigt, dass die generelle Inflammationsreaktion des Körpers infolge der Infektion … ganz offensichtlich die Ursache für den auftretenden Infarkt ist. Prof. Dr. Andreas M. Zeiher
 

„Wenn die Symptome dann nach wenigen Tagen abklingen, sinkt der kanadischen Untersuchung zufolge auch das Risiko für den Myokardinfarkt wieder“, so Zeiher. Somit widerlege die Studie auch die Annahme, dass die Viren sich womöglich irgendwo in den Gefäßen verirrten und auf diese Weise den Infarkt verursachten.

Grippe-Impfung schützt insbesondere ältere Menschen vor dem Infarkt

Besonders groß war die Gefahr, einen Infarkt zu erleiden, wenn sich die Probanden der Studie von Kwong und seinem Team eine Infektion mit Influenza-B-Viren zugezogen hatten. Bei diesen Teilnehmern ermittelten die Forscher ein um den Faktor 10,11 erhöhtes Risiko. Bei Infektionen mit Influenza-A-Viren, Respiratorischen Syncytial-(RS-) oder anderen Viren, die Atemwegserkrankungen hervorrufen, war das Risiko 5,17-mal, 3,52-mal beziehungsweise 2,77-mal so hoch.

„Zudem konnten die Forscher um Kwong noch einmal zeigen, dass das Risiko insbesondere bei den Über-65-Jährigen steigt, nämlich um das 7-fache, und dass Frauen genau so häufig betroffen sind wie Männer“, sagt Zeiher. Interessant sei zudem zu sehen, dass geimpfte Personen, die trotz der Impfung an Influenza erkrankt seien, ein ebenso hohes Risiko aufwiesen wie nicht geimpfte Menschen.

Allerdings müsse man diese Beobachtung mit Vorsicht interpretieren, betont Zeiher: „Sie bedeutet keinesfalls, dass man auf die Impfung verzichten sollte, ganz im Gegenteil.“ Man wisse, dass 40 bis 60% der geimpften Menschen zumindest keine Influenza-Pneumonie entwickeln würden. „Und diese Personen haben dann auch ein niedrigeres Infarktrisiko.“ Insofern würde er die Grippe-Impfung vor allem bei älteren Menschen propagieren, sagt Zeiher.

 
Kardiovaskuläre Ereignisse, die durch eine Grippe ausgelöst werden, lassen sich möglicherweise durch eine Impfung verhindern. Dr. Jeffrey C. Kwong und Kollegen
 

„Es ist wichtig, den Zusammenhang zwischen der Influenza und einem akuten Herzinfarkt zu bestätigen, da kardiovaskuläre Ereignisse, die durch eine Grippe ausgelöst werden, sich möglicherweise durch eine Impfung verhindern lassen“, schreiben auch Kwong und seine Kollegen. Eine bessere Evidenz, dass Influenza kardiovaskuläre Ereignisse auslöse, könne somit zu einer Änderung der gegenwärtigen Impfpraktiken führen und die momentan suboptimale Durchimpfungsrate bei Patienten mit einem hohen Infarktrisiko verbessern.

 

REFERENZEN:

1. Kwong J, et al: NEJM 2018;378:345-53

 

Kommentar

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