Nach der STIKO-Empfehlung für Vierfach-Impfstoff gegen Influenza: DEGAM fordert G-BA und Krankenkassen zur Eile auf

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

1. Februar 2018

Vierfach ist besser als dreifach: In ihrer Impfempfehlung vom 11. Januar 2018 rät die STIKO zur Impfung mit quadrivalenten Influenza-Vazinen (QIV) als Standard [1]. Trivalente Impfstoffe (TIV, die es mit und ohne Wirkverstärkung gibt) enthalten A/H3N2 und A/N1N1 und eine der 2 saisonalen B-Viruslinien (Victoria oder Yamagata). QIV enthält zusätzlich Antigene des Virus der B-Linie, der nicht in TIV enthalten ist. QIV deckt die zirkulierenden Viren besser ab und erhöht die Wirksamkeit, begründet die STIKO ihre Empfehlung.

Auf Basis der Modellierung von 10 Influenzasaisons (2003 bis 2014) ergibt sich für die TIV eine Number Needed to Vaccinate (NNV) von 13 zur Verhinderung eines Influenza-bedingten Arztbesuchs. Durch den Wechsel von TIV zu QIV könnten – bleibt die Zahl der Geimpften konstant – mehr Grippefälle verhindert werden. Die NNV könnte so auf 10 bis 11 gesenkt werden. Durch den Wechsel ließen sich pro Saison mindestens 185.000 Arztkonsultationen und mindestens 1.000 Klinikaufenthalte verhindern, hat die STIKO berechnet.

„Die STIKO geht davon aus, dass die Umstellung von TIV zu QIV trotz einer leicht erhöhten Rate von lokalen UAWs bei QIV nicht zu sinkenden Impfquoten in Deutschland führen wird. Aufgrund der öffentlichen Diskussion über die unterschiedlichen Influenza-Impfstoffe und ihre begrenzte Wirksamkeit könnte eine Umstellung auf QIV als Impfstoff mit einem breiteren Wirksamkeitsspektrum sogar zu einer besseren Akzeptanz der Influenza-Impfung führen“, so die STIKO in ihrer Empfehlung.

Jetzt hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) 3 Monate Zeit zu entscheiden, ob die QIV-Impfung Pflichtleistung der gesetzlichen Kassen wird. Unmittelbar nach der Impfempfehlung der STIKO hatte das Gremium bereits zugesichert, „zügig“ entscheiden zu wollen, ob die QIV-Impfung in die Schutzimpfungsrichtlinie übernommen wird. Das allerdings könnte bis Mitte des Jahres dauern.

Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) raten bis dahin davon ab, Grippeimpfstoff für die nächste Saison zu bestellen. Halten sich die Ärzte daran, dürfte sich die Umstellung auf QIV im nächsten Herbst nicht machen lassen. Denn die Impfstoffhersteller müssen bis Ende März die Zahl die Mindestzahl an QIV-Abnehmern wissen. Im Februar gibt die WHO die Virusstämme für die neuen Impfstoffe bekannt und der Produktions- und Prüfprozess dauert 5 bis 6 Monate.

Die DEGAM fordert den G-BA und die Krankenkassen zur Eile auf

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) fordert deshalb sowohl den G-BA als auch die Krankenkassen zur Eile auf. „Wir erwarten, dass G-BA und Krankenkassen jetzt unverzüglich klarstellen, für welche Impfstoffe die Kostenübernahme in der nächsten Grippe-Impfsaison gesichert wird. Das muss schnellstmöglich erfolgen, damit die Hersteller entsprechend disponieren und die Ärzte die voraussichtlich benötigten Impfstoffe vorbestellen können, ohne hinterher Lieferengpässe oder Regresse befürchten zu müssen“, betont Dr. Philipp Leson, Sprecher der DEGAM.

 
Wir erwarten, dass G-BA und Krankenkassen jetzt unverzüglich klarstellen, für welche Impfstoffe die Kostenübernahme in der nächsten Grippe-Impfsaison gesichert wird. Dr. Philipp Leson
 

„Wir appellieren hier an das Verantwortungsbewusstsein dieser Entscheidungsträger, denn es darf nicht passieren, dass Hausärztinnen und Hausärzte und auch die Apotheken im nächsten Herbst und Winter die Nachfrage nach Impfungen nicht bedienen können oder hohe finanzielle Risiken eingehen. Darüber hinaus ganz dringlich ist die Erklärung der Kassen/KVen, wer unter welchen Bedingungen jetzt noch vierfach (nach)geimpft werden darf oder soll“, so Leson weiter.

Und für den NAV-Virchow-Bund stellt dessen Sprecher Klaus Greppmeir klar, dass sich der berufspolitische Verband dazu nicht äußern werde: „Wir überlassen das den jeweiligen Fachverbänden, entsprechende Empfehlungen für ihre jeweilige Fachgruppe zu geben.“

Was Geriater jetzt Hausärzten bei älteren Patienten raten

Die Arbeitsgruppe Impfen der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) rät Hausärzten, sich speziell mit den Impf-Anforderungen älterer Patienten auseinanderzusetzen. „Hausärzte stehen häufig vor der Frage, welcher Impfstoff der hilfreichste ist. Das Alter und die Multimorbidität des Patienten spielen dabei eine große Rolle“, sagt Dr. Anja Kwetkat, Chefärztin der Klinik für Geriatrie am Uniklinikum Jena und Leiterin der AG Impfen.

Aktuell sind 3 Impfstoffe verfügbar: ein Dreifach-Impfstoff, ein wirkverstärkter Dreifach-Impfstoff und der Vierfach-Impfstoff. Dass die STIKO nun den Vierfach-Impfstoff empfiehlt, ist auch das Verdienst der DGG: „Nachdem auch wir vermehrt und deutlich auf die Wirksamkeit hingewiesen haben, hat die STIKO nun auch eindeutig Stellung bezogen. Das ist ein wichtiger Erfolg“, so Kwetkat.

In ihren Geriatrie-spezifischen Ergänzungen zur STIKO-Empfehlung weist die DGG darauf hin, dass die QIV-Empfehlung noch nicht für die aktuelle Grippesaison gilt. In der aktuellen Saison jetzt rät die DGG, vor allem ältere und fragile Patienten mit dem wirkverstärkten Dreifach-Impfstoff zu schützen.

Der Saisonbericht des RKI zeigt, dass die 60-Jährigen und Älteren vor allem mit dem A/H3N2-Stamm infiziert sind. Besonders gefährdete Senioren könnten deshalb möglicherweise von stärker immunogenen Impfstoffen profitieren, „auch wenn diese derzeit nur trivalent verfügbar sind, also nur jeweils einen der Influenza-B-Stämme umfassen“. Die stärkere Immunantwort sorgt dabei für einen besseren Schutz, da diese insgesamt stärker ausfällt und die Antikörper breiter wirken, so die DGG.

Die Bürger sollten so schnell wie möglich Sicherheit darüber haben, ob die Vierfach-Impfung gegen Grippe von allen Kassen übernommen wird, betonte die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Ingrid Fischbach (CDU), gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ). Zugleich forderte sie den zuständigen Gemeinsamen Bundesausschuss auf, zeitnah über die geänderte Impfempfehlung zu entscheiden.

 
Darüber hinaus ganz dringlich ist die Erklärung der Kassen/KVen, wer unter welchen Bedingungen jetzt noch vierfach (nach)geimpft werden darf oder soll. Dr. Philipp Leson
 

In der NOZ warnt auch Gesundheitswissenschaftler Prof. Dr. Gerd Glaeske davor, „die Entscheidung zwischen Vierfach -und Dreifachimpfstoff einzelnen Kassen zu überlassen“. Bei Neuimpfungen sollten die gesetzlichen Krankenkassen ab sofort und generell die Kosten für den Vierfachimpfstoff übernehmen, sagte er.

Teilweise werden die Kosten für Risikogruppen schon jetzt übernommen

Wie die Barmer Krankenkasse mitgeteilt hat, übernimmt sie für Risikogruppen mit medizinischer Indikation ab sofort die Kosten für den Vierfach-Impfstoff gegen Grippe. Darunter fallen laut Barmer Menschen mit einem schwachen Immunsystem, chronisch kranke, ältere Patienten und Schwangere. Der bisher von der STIKO empfohlene Dreifach-Impfstoff habe sich bei der aktuellen Grippewelle als relativ wirkungslos erwiesen. Damit profitierten Barmer-Versicherten ab sofort von dieser Leistung, obwohl es noch bis zu 3 Monate dauern könne, bis der neue Impfstoff Kassenleistung werde, teilt die Kasse mit. „Eine Grippeschutz-Impfung ist auch jetzt noch sinnvoll“, sagt Prof. Dr. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer.

In der Vergangenheit habe der G-BA die Empfehlungen der STIKO überwiegend eins zu eins in die Schutzimpfungsrichtlinie übernommen. Deshalb bestehe heute keinerlei Anlass für Erklärungen, Berichte oder Spekulationen, in denen über eine Nichtumsetzung der STIKO-Empfehlung in der Schutzimpfungsrichtlinie des G-BA und einer daraus folgenden angeblich schlechteren Behandlung von GKV-Versicherten gemutmaßt werde, stellt der GKV-Spitzenverband fest.

Bei welchen Patienten können Ärzte schon jetzt den Vierfach-Impfstoff verschreiben und einsetzen? Einige KVen liefern dazu Handlungsanweisungen. Die KV Hessen teilt mit, dass hessische Krankenkassen und hessische Apothekerverbände einen Abrechnungspreis für alle zugelassenen Impfstoffe – also auch den tetravalenten – vereinbart haben. „Das bedeutet, dass Sie die freie Entscheidung bei der Auswahl des Impfstoffes haben und diese über Sprechstundenbedarf beziehen können“, schreibt die KV dazu.

Der tetravalente Impfstoff, so die KV Saarland, könne bei bestimmten Risikogruppen sinnvoll sein. Etwa bei Erwachsenen mit Zusatzerkrankungen, die durch eine Influenza-Infektion einen schweren Krankheitsverlauf zu befürchten haben. Ein Bezug komme deshalb in einzelnen, medizinisch begründeten Ausnahmefällen infrage.

Und laut KV Baden-Württemberg ist aufgrund einer Vereinbarung zwischen der KV und allen Kassen die Verordnung des Vierfach-Impfstoffs bei Hochrisikopatienten möglich. Die KV schreibt dazu: „Ob es sich im speziellen Fall um einen Hochrisikopatienten handelt, unterliegt der individuellen Einschätzung des Arztes. Mögliche Parameter sind besonders schwer verlaufende oder multiple Grunderkrankungen, die einen besonders schweren Verlauf einer Influenza-Infektion befürchten lassen.“ Die KV betont nachdrücklich, dass die Gründe für eine QIV-Impfung detailliert in der Patientenakte zu dokumentieren sind.

 

REFERENZEN:

1. Mitteilung der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut: Epidem Bull 2/2018

 

Kommentar

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