Entzündungsfördernde Lebensmittel wie Fleisch oder raffiniertes Getreide erhöhen offenbar das Risiko für Darmkrebs

Anke Brodmerkel

Interessenkonflikte

29. Januar 2018

Das Darmkrebsrisiko lässt sich durch die Ernährung maßgeblich beeinflussen. Das ist das Ergebnis einer großen Beobachtungsstudie, die ein Team um den US-Epidemiologen Dr. Fred Tabung von der Abteilung für Ernährung an der Harvard T. H. Chan School of Public Health in Boston jetzt in JAMA Oncology vorgestellt hat [1]. Der Untersuchung zufolge erhöhen entzündungsfördernde Lebensmittel, zum Beispiel Fleisch, raffiniertes Getreide und kalorienreiche Getränke, das Risiko für ein kolorektales Karzinom bei Männern um bis zu 44% und bei Frauen um bis zu 22%.

Besonders ausgeprägt war der Zusammenhang zwischen einer proinflammatorischen Ernährung und dem Darmkrebsrisiko bei übergewichtigen oder adipösen Männern, bei sehr schlanken Frauen sowie bei Frauen und Männern, die keinen Alkohol tranken. Insofern könne sich eine Ernährungsumstellung auf Lebensmittel, die antientzündlich wirkten, insbesondere bei diesen Personengruppen positiv auf das Risiko für ein kolorektales Karzinom auswirken, schreiben Tabung und seine Kollegen.

Zu den entzündungshemmenden Lebensmitteln gehören den Forschern zufolge unter anderem gelb-orangefarbene Gemüsesorten wie Karotten und Süßkartoffeln, grünes Blattgemüse, Fruchtsäfte, Kaffee, Tee und – in moderaten Mengen – Bier und Wein.

Pizza und Bier statt Fisch und Tomaten?

Dr. Krasimira Aleksandrova

„Die Studie von Tabung und seinem Team behandelt mit der Rolle der Ernährung bei der Entstehung von Darmkrebs ein sehr wichtiges Thema“, sagt Dr. Krasimira Aleksandrova vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam-Rehbrücke im Gespräch mit Medscape.

Auch am DIfE beschäftige man sich mit den Zusammenhängen zwischen dem Nahrungsmittelverzehr, entzündlichen Prozessen und dem Risiko für ein kolorektales Karzinom schon sehr lange. „Allerdings bedürfen diese Fragestellungen sorgfältiger Studien, um Scheinassoziationen auszuschließen und die Ergebnisse angemessen zu interpretieren“, gibt Aleksandrova zu bedenken.

Zudem warnt die Forscherin davor, aus der aktuellen Studie mit der verwendeten Methodik Empfehlungen für oder gegen bestimmte Nahrungsmittel abzuleiten. „Die Studie lässt keine Schlussfolgerungen zu, welche Lebensmittel man essen beziehungsweise nicht essen sollte“, sagt sie. Tatsächlich hatten die Forscher um Tabung Fisch und Tomaten, die bekanntlich viele gesundheitsfördernde Eigenschaften besitzen, als proinflammatorisch ausgemacht, während beispielsweise Pizza und Bier als antientzündlich eingestuft wurden.

Die Beobachtungszeit betrug mehr als 2,5 Millionen Personenjahre

Für ihre Untersuchung verwendeten Tabung und sein Team Daten aus 2 großen prospektiven Kohortenstudien aus den USA: der Health Professionals Follow-Up Study (1986 bis 2012) mit 46.804 männlichen Probanden und der Nurses' Health Study (1984 bis 2012) mit 74.246 weiblichen Probanden.

 
Die Studie lässt keine Schlussfolgerungen zu, welche Lebensmittel man essen beziehungsweise nicht essen sollte. Dr. Krasimira Aleksandrova
 

Insgesamt kamen die Wissenschaftler so auf eine Beobachtungszeit von mehr als 2,5 Millionen (2.571.831) Personenjahren, in denen 2.699 Fälle von Darmkrebs diagnostiziert wurden. Die Teilnehmer beider Studien waren alle 4 Jahre zu ihren Essgewohnheiten befragt worden.

Zudem legten die Forscher um Tabung 18 Lebensmittelgruppen fest, deren multivariate Assoziationen sie bei 5.230 Frauen der Nurses' Health Study mit verschiedenen Biomarkern für entzündliche Prozesse im Blut (IL-6, CRP und TNFRSF1B) errechneten und daraus den EDIP-Score (Empirical Dietary Inflammatory Pattern) bildeten. Anschließend teilten die Wissenschaftler die Probanden, gemessen an den EDIP-Scores ihrer Ernährung, in 5 gleich große Gruppen ein.

Auch dieses Vorgehen sieht Aleksandrova nicht unkritisch. „Jüngste Forschungen bezweifeln beispielsweise, dass der Biomarker CRP eine kausale Rolle bei der Entstehung von Darmkrebs spielt“, sagt sie. Die Annahme, dass eine Senkung des CRP-Werts unmittelbar zu einem niedrigeren Darmkrebsrisiko führe, sei somit falsch. „Wir sind weiter auf der Suche nach guten Biomarkern, die mögliche entzündliche Prozesse im Darm mit einem erhöhten Krebsrisiko abbilden können“, sagt Aleksandrova.

Das höchste Risiko hatten Männer mit hohen EDIP-Scores, die keinen Alkohol tranken

Wie die Analysen von Tabung und seinen Kollegen zeigen, traten unter den Teilnehmern der Gruppe mit dem niedrigsten EDIP-Wert bei den Männern 113 und bei den Frauen 80 Fälle von Darmkrebs auf, jeweils bezogen auf 100.000 Personenjahre. In der Gruppe mit dem höchsten EDIP-Wert waren es bei den Männern 151 und bei den Frauen 92 Fälle.

 
Wir sind weiter auf der Suche nach guten Biomarkern, die mögliche entzündliche Prozesse im Darm mit einem erhöhten Krebsrisiko abbilden können. Dr. Krasimira Aleksandrova
 

Unter Berücksichtigung verschiedener Faktoren, die das Darmkrebsrisiko ebenfalls beeinflussen, ermittelten die Forscher bei den Männern in der Gruppe mit dem höchsten EDIP-Score gegenüber jenen aus der Gruppe mit dem niedrigsten Wert ein um 44% erhöhtes Risiko, ein kolorektales Karzinom zu entwickeln. Bei den Frauen war das Risiko um 22% erhöht.

Betrachteten Tabung und seine Kollegen beide Geschlechter zusammen, ermittelten sie ein um 32% höheres Risiko. Die erhöhte Gefahr war in allen Abschnitten des Darms auszumachen, lediglich der Enddarm von Frauen schien durch die Ernährung nicht beeinflusst zu werden.

Zusätzlich sahen Tabung und sein Team signifikante Unterschiede im Krebsrisiko in Abhängigkeit vom Körpergewicht und Alkoholkonsum. Es zeigte sich, dass eine proinflammatorische Ernährung das Darmkrebsrisiko bei übergewichtigen und adipösen Männern um bis zu 48% und bei sehr schlanken Frauen um bis zu 31% erhöht.

Bei einem vollständigen Verzicht auf Alkohol erhöht sich das Risiko durch entzündungsfördernde Lebensmittel bei Männern um bis zu 62% und bei Frauen um bis zu 33%.

Aus den gewonnenen Daten lassen sich noch keine Empfehlungen ableiten

Das seien eher verwirrende als klare Ergebnisse, besonders die Unterschiede bei den Geschlechtern in Bezug auf das Körpergewicht und den Alkoholkonsum, kommentiert Aleksandrova. „Ich bin überzeugt, dass es unsere Verantwortung als Ernährungs- und Gesundheitsforscher ist, die Resultate dieser Untersuchung korrekt zu kommunizieren“, sagt sie.

Gerade Ernährungsfaktoren stellten mit ihren vielfältigen Zusammenhängen und biologischen Wirkungen ein komplexes Gebilde dar, das nur schwer wissenschaftlich durchdrungen werden könne, auch als Risikofaktoren für den kolorektalen Krebs, betont die Wissenschaftlerin. Es sei  daher ein langer Weg, um aus den gewonnenen Daten Empfehlungen zu bestimmten Ernährungsmustern für präventive Zwecke abzuleiten.

 

REFERENZEN:

1. Tabung F, et al: JAMA Oncol (online) 18. Januar 2018

 

Kommentar

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