Erstmal „Dr. Google“ fragen: 58% der Patienten informieren sich vor dem Arztbesuch im Internet

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

26. Januar 2018

Gute Noten für „Dr. Google“: Mehr als die Hälfte der Patienten ist mit den medizinischen Informationen im Internet zufrieden und schätzt deren Vielfältigkeit. Das ist das Ergebnis von „Spotlight Gesundheit“ – mehreren Studien, in denen die Bertelsmann Stiftung untersucht hat, wie Patienten „Dr. Google“ nutzen [1]. Deren Schluss: Trotz aller Recherchefreudigkeit wird das Potenzial des Internets sowohl von Ärzten als auch von Patienten nicht voll ausgeschöpft.

Claudia Haschke, Projekt-Managerin des Programms „Versorgung verbessern – Patienten informieren“ und Gesundheitsexpertin bei der Bertelsmann Stiftung, sagt dazu: „Unser Tenor ist, dass Ärzte zu verhalten gegenüber Patienten sind, die sich bei ‚Dr. Google‘ informieren und gegenüber dem Trend, das Netz für Gesundheitsinformationen zu nutzen.“

Zwar gehen laut Patientenangaben 60% der Ärzte auf die selbst recherchierten Infos ein, 40% der Ärzte verweisen auch ihrerseits auf gute Informationsquellen. Doch nur 20% von ihnen ermutigen ihre Patienten, sich im Internet zu informieren, 14% warnen sogar davor. Zurückhaltend geben sich auch die Patienten: 30% verheimlichen ihrem Arzt, dass sie sich im Internet informieren.

„Wir raten zu Offenheit im Arzt-Patienten-Gespräch und befürworten, dass ein Arzt einen Patienten beispielsweise fragt, ob er das Internet für Gesundheitsinformationen nutzt. Der Arzt kann dann daran anknüpfen und sollte Patienten auch unterstützen, indem er seriöse Seiten empfiehlt“, sagt Haschke. So könnte er auch beeinflussen, dass der Patient eben nicht Falschinformationen aufsitze, falsche Eigendiagnosen stelle oder zu fragwürdigen Eigentherapien greife.

Frauen fragen häufiger bei „Dr. Google“ als Männer

Der Frage wie das Potenzial von Gesundheitsinformationen im Netz genutzt wird, waren Haschke und ihre Kollegin Marion Grote Westrick mit ausführlichen Interviews und einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung nachgegangen.

Der Arzt … sollte Patienten auch unterstützen, indem er seriöse Seiten empfiehlt. Claudia Haschke

In 2-stündigen Interviews wurden 18 Frauen und 18 Männer (im Alter zwischen 16 und 78 Jahren) befragt, wie sie nach Gesundheitsinformationen suchen. Die gesundheitlichen Beschwerden der Befragten reichten von unspezifischen Symptomen und akuten, leichten bis hin zu chronischen, schweren Erkrankungen. Zusätzlich wurden 1.074 Personen im Alter von 18 bis 80 Jahren in einer repräsentativen Stichprobe telefonisch befragt.

Eine häufige Kritik ist, dass die Recherche im Internet schlecht oder von zweifelhafter Qualität sei, die Patienten überfordere und/oder falsch informiere und sie zu Hypochondern mache. Beliebt ist das Internet als Informationsquelle aber trotzdem.

„In der Altersgruppe der 30- bis 40-Jährigen nutzen über 50% Gesundheitsinformationen aus dem Internet. Erst die über 60-Jährigen nutzen ‚Dr. Google‘ seltener, in dieser Altersgruppe sind es rund ein Viertel.“ Das Geschlechterverhältnis ist dabei ausgeglichen. „Wir konnten allerdings feststellen, dass Frauen häufiger im Internet suchen als Männer. 20% der befragten Frauen nutzten es ein- oder mehrmals pro Woche, bei den Männern waren es nur 12%“, berichtet Haschke.

Das Internet ist ein geschätzter Ratgeber

Haschke und Kollegen haben auch festgestellt, dass sich 58% der Patienten vor einem Arztbesuch und 62% im Nachhinein online informieren. Jeder 5. Patient schaut vorher und nachher ins Internet.

Die Suchmotive sind dabei sehr unterschiedlich: Manche Patienten wollen die Empfehlungen ihres Arztes überprüfen, andere sich über Therapiealternativen informieren, wieder andere sich mit anderen Patienten austauschen und emotionale Unterstützung erhalten. Die Recherche im Netz gibt ihnen ein Gefühl von Sicherheit, Beruhigung und auch Zerstreuung. Dabei sind 52% der Nutzer „immer zufrieden“ oder „meistens zufrieden“. 44% sind „teilweise zufrieden“ und „selten zufrieden“ sind nur 2% der Befragten.

In den Praxen wird das Potenzial von „Dr. Google“ häufig noch verschenkt. Marion Grote-Westrick

„Anders als vielfach behauptet, ist das Internet ein geschätzter Ratgeber. Patienten finden, wonach sie suchen“, kommentiert dies Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, in einer Pressemitteilung. „Dr. Google“ sei einfach zu kontaktieren, immer und überall erreichbar, habe unbegrenzt Zeit und biete Expertenwissen für Laien.

Die Auswertung zeigt: Das Netz zählt nach Gesprächen mit Ärzten und Angehörigen oder Freunden zu den 3 am häufigsten herangezogenen Informationsquellen in Gesundheitsfragen. „In den Praxen wird das Potenzial von ‚Dr. Google‘ häufig noch verschenkt. Patienten sollten offen über selbst gefundene Informationen sprechen, Ärzte und Therapeuten verlässliche Websites oder Apps empfehlen können“, rät Grote-Westrick.

Natürlich bestehe auch die Gefahr von Fehlinformationen und unseriösen Webseiten. Mohn: „Um Patienten vor gezielten Falschinformationen zu schützen, muss im Sinne einer Marktwächterfunktion konsequent dagegen vorgegangen werden. Bislang gibt es dafür wenig Konzepte und Verantwortlichkeiten. Die Entwicklung erfolgversprechender Strategien ist daher eine Aufgabe, die dringend angegangen werden muss!“

Und Haschke betont, dass die Ergebnisse dazu führen sollten, dass „gegen Falschinformationen etwas getan wird. Bislang gibt es ja keinerlei Kontrolle. Es ist an der Zeit, Strategien zu entwickeln, wie man dagegen vorgehen kann und Verantwortliche dafür festzulegen.“

Wie lassen sich Gesundheitsinformationen im Netz besser nutzen?

Die Studienmacher empfehlen:

  • Alle Akteure sollten die Vielfalt von Gesundheitsinformationen anerkennen und wissen, dass diese Vielfalt die unterschiedlichen Bedürfnisse der Patienten erfüllt. Man sollte auch in Betracht ziehen, elektronische Patientenakten als Plattform zu nutzen, um Patienten über Vorsorge und andere Gesundheitsmaßnahmen zu informieren.

  • Ärzte sollten Patienten bestärken, sich selbst zu informieren. Zudem sollten Ärzte gute Info-quellen kennen und empfehlen, um Praxisbesuche und Krankenhausaufenthalte gezielt vor-oder nachzubereiten.

  • Auch die Patienten sollten offen mit ihrem Arzt über eigene Rechercheergebnisse sprechen.

REFERENZEN:

1. Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Spotlight Gesundheit: Gesundheitsinfos, 1. Auflage 2018

Kommentar

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