Östrogene als Schutz vor dem Seelentief: Können Hormone in der Perimenopause eine Depression verhindern?

Dr. Ingrid Horn

Interessenkonflikte

26. Januar 2018

Beim Übergang in die Menopause und in deren Frühphase steigt das Risiko für eine depressive Störung um das 2- bis 4-Fache. Frauen, die mit einer Kombinationstherapie aus Östradiol und Progesteron behandelt werden, sind allerdings weniger anfällig für eine Depression als Frauen, die Placebo erhalten. Dies ist das Ergebnis einer Studie, die in JAMA Psychiatry publiziert worden ist [1].

„Während der 12-monatigen Intervention entwickelten in der Hormontherapie(HT)-Gruppe nur 17 Prozent der Frauen eine klinisch relevante depressive Störung, in der Placebo-Gruppe dagegen 32 Prozent“, berichten Dr. Jennifer Gordon, Psychologin an der Universität von Regina in Kanada, sowie ihre US-amerikanischen Kollegen. Sollte sich dieses Potential der Hormongabe in größeren Studien bestätigen lassen, käme ihrer Meinung nach eine prophylaktische Gabe in Betracht.

Die Prophylaxe-Idee erregt Widerspruch

„Die aktuellen Ergebnisse geben keinen Anlass für eine Änderung der leitliniengestützten Praxis“, meinen Dr. Hadine Joffe von der Harvard Medical School in Boston und Dr. Martha Hickey von der Universität Melbourne in einem begleitenden Kommentar [2]. Das heißt sie sehen die Hormongabe in erster Linie als Mittel zur Behandlung schwerer Hitzewallungen.

Prof. Dr. Anita Riecher-Rössler

Ähnlich argumentiert auch Prof. Dr. Anita Riecher-Rössler, Chefärztin am Zentrum für Genderforschung und Früherkennung der Universitären Psychiatrischen Kliniken in Basel. „Obwohl die Studie eine Prophylaxe nahelegt, brauchen wir hierfür noch weitere Untersuchungen. Nach wie vor würde ich im Einzelfall eine solche Prophylaxe nur bei Frauen mit einem hohen Risiko für eine Depression einsetzen“, äußert sie gegenüber Medscape.

Für eine frühe hormonelle Intervention kämen für sie nur Frauen mit einer entsprechenden Vorgeschichte in Betracht. „Das sind vor allem Frauen, die schon früher sensibel auf Östrogenentzug reagiert haben, etwa in Form einer postpartalen Depression“, erläutert Riecher-Rössler ihren Standpunkt. Aus psychiatrischer Sicht sieht sie ohnehin die Hormongabe eher adjuvant zur Psychotherapie und/oder zu Antidepressiva.

Die JAMA-Kommentatorinnen weisen auf ein weiteres Problem hin: „Im Mittel dauert die Perimenopause 4 Jahre. Würde die Hormontherapie in dieser Phase zur Prävention depressiver Symptome eingesetzt, kann dies eine verlängerte Exposition bedeuten“, schreiben sie. Mit zunehmender Behandlungsdauer steige aber das Risiko für unerwünschte Ereignisse, zum einen z.B. für Brustkrebs, zum anderen – beim Absetzen – auch für (erneute) dann therapeutisch schwerer beherrschbare Hitzewallungen.

Prof. Dr. Petra Stute

Prof. Dr. Petra Stute, Leiterin der Gynäkologischen Endokrinologie und des Menopause-Zentrums an der Frauenklinik des Inselspitals in Bern, hält die Frage, ob man allein zur Prävention einer Depression mit einer Hormonbehandlung beginnt, für theoretisch. „Die meisten Frauen haben alle möglichen Symptome, so dass in der Praxis die Fragestellung bisher noch nie vorgekommen ist“, berichtet sie. Sie kläre über die Symptome der Wechseljahre auf, so dass die Frau wisse, dass physische (und psychische) Veränderungen mit dieser Lebensphase zusammenhängen können.

Studie mit 172 psychisch gesunde Frauen

Die Resultate von Gordon und Mitautoren sind das Teilergebnis einer randomisierten, doppelblinden, placebo-kontrollierten klinischen Studie an der Universität von North Carolina in Chapel Hill unter der Leitung von Prof. Dr. Susan Girdler von der Abteilung für Psychiatrie. Die Studie hat Auswirkungen einer Östrogen-Ersatz-Therapie in der Perimenopause analysiert.

 
Nach wie vor würde ich im Einzelfall eine solche Prophylaxe nur bei Frauen mit einem hohen Risiko für eine Depression einsetzen. Prof. Dr. Anita Riecher-Rössler
 

Hierzu wurden 2010 bis 2015 insgesamt 172 psychisch gesunde Frauen im Alter von 45 bis 60 Jahren aufgenommen, und jeweils 12 Monate lange behandelt und befragt. Die Hormontherpie-Gruppe erhielt Hormonpflaster mit 0,1 mg 17ß-Östradiol und intermittierend alle 2 bis 3 Monate 12 Tage lang oral mikronisiertes Progesteron. Die Behandlung der Placebo-Gruppe erfolgte wirkstofffrei nach dem gleichen Schema.

Um die Depressionsneigung zu ermitteln, nutzten die Autoren eine vom Zentrum für epidemiologische Studien entwickelte Depressionsskala. Der Gemütszustand wurde zu Studienbeginn sowie 1, 2, 4, 6, 8, 10 und 12 Monate nach der Randomisierung anhand von Punktwerten erfasst. Ein Punktwert von mindestens 16 galt als klinisch relevant.

Gestresste Frauen profitieren besonders

Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Wert während der Intervention mindestens einmal auftrat, war bei den Frauen ohne Hormontherapie höher als bei den Frauen mit (OR: 2,5; 95%-Konfidenzintervall: 1,1-5,7; p = 0,03); dementsprechend ließ sich eine Depression bei den Frauen ohne Hormongabe – sowohl bei den einzelnen Besuchen als auch im Mittel – häufiger feststellen. Insgesamt entwickelten 43 Frauen eine depressive Störung.

Auf der Suche nach Primärmerkmalen, die den präventiven Östradiol-Effekt beeinflussen könnten, kamen die Autoren zu folgender Erkenntnis: Es macht offenbar einen entscheidenden Unterschied, in welchem Stadium sich die Frauen zu Studienbeginn befunden haben. Frauen in der frühen Perimenopause profitierten eindeutig von der Hormongabe, Frauen in der späten Phase oder in der Postmenopause dagegen nicht.

Dieses Ergebnis stimme trotz der kleinen Stichprobengröße mit der Erkenntnis aus prospektiven Studien überein, dass Frauen in der frühen Perimenopause besonders empfänglich für eine depressive Störung seien, heben Joffe und Hickey im JAMA-Kommentar hervor. Für besonders bemerkenswert halten sie aber auch eine andere erstmalige Beobachtung von Gordon und Kollegen: Frauen mit Stresserfahrung sprachen besonders gut auf die Hormongabe an und dies umso mehr, je mehr belastungsreiche Ereignisse sie in den letzten 6 Monaten vor der Studienteilnahme erlebt hatten.

Keinen Einfluss auf den Hormon-Effekt hatten dagegen Östradiol-Spiegel und vasomotorische Symptome zu Studienbeginn sowie bereits zuvor erlittene Depressionen oder Drogenmissbrauch.

Die Psyche freut sich immer über Östrogene

„Der Übergang in die Menopause ist durch zunehmende Schwankungen des Östradiol-Spiegels charakterisiert“, schreiben die Autoren. Sie führen den präventiven Hormon-Effekt deshalb auf eine Dämpfung dieser Schwankungen zurück. Die verminderte Variabilität des Östradiol-Spiegels soll sich günstig auf die Stimmung niederschlagen und für Ausgeglichenheit sorgen.

Dies hält auch Stute für eine plausible Erklärung, denn sie weiß aus Erfahrung, dass Östrogene der Psyche gut tun. Aber auch Progesteron könne von Vorteil sein, da es schlaffördernd und angstlösend wirke, meint die Berner Endokrinologin.

„Die Studie ist sehr wichtig“, urteilt Riecher-Rössler. „Hier werden im Gegensatz zu vielen früheren Studien die Hormone eingesetzt, die nach unserem bisherigen Wissen im Gehirn und für die psychischen Beschwerden perimenopausaler Frauen an effektivsten und auch am besten verträglich sind – und in der richtigen Altersgruppe.“ Die auf diesem Gebiet renommierten Autoren haben damit einen guten Ansatz geliefert, ist die Basler Psychiaterin überzeugt.

 

REFERENZEN:

1. Gordon JL, et al: JAMA Psychiatry (online) 10. Januar 2018

2. Joffe H, et al: JAMA Psychiatry (online) 10. Januar 2018

 

Kommentar

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