Mangelnde Vorsicht: Schwangere mit Harnwegsinfekt erhalten in den USA häufig unsichere Antibiotika – und bei uns?

Diana Phillips

Interessenkonflikte

23. Januar 2018

Trotz der Empfehlung, in der Frühschwangerschaft weder Sulfonamide noch Nitrofurantoin einzusetzen, werden beide Substanzen häufig Frauen mit Harnwegsinfektionen (HWI) während des ersten Trimenons der Schwangerschaft verschrieben, wie eine neue Studie für die USA zeigt.

In einer Untersuchung von 2014 über die Antibiotika-Verschreibungen an schwangere Frauen mit Harnwegsinfektionen stellten Forscher der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) fest, dass die am häufigsten verordneten Antibiotika im ersten Trimenon Nitrofurantoin, Ciprofloxacin, Cephalexin und Trimethoprim-Sulfamethoxazol waren. Die Untersucher haben ihre Ergebnisse im Morbidity and Mortality Weekly Report (MMWR) publiziert [1].

Wegen des potenziellen teratogenen Risikos empfiehlt das American College of Obstetricians and Gynecologists, auf den Einsatz von Sulfonamiden und Nitrofurantoin im ersten Trimenon der Schwangerschaft zu verzichten, es sei denn, andere Antibiotika kämen aus klinischen Gründen nicht infrage.

Daten von rund 500.000 Schwangeren ausgewertet

In der aktuellen Studie untersuchten Dr. Elizabeth C. Ailes vom CDC National Center on Birth Defects and Developmental Disabilities und ihr Team die Einhaltung dieser Empfehlung von 2011. Unter Verwendung von Daten aus 2013 bis 2015 einer kommerziellen Versicherungs-Datenbank identifizierten die Forscher 482.917 Schwangerschaften bei Frauen im Alter von 15 bis 44 Jahren mit einer voraussichtlichen Niederkunft im Jahr 2014.

In dieser Gruppe hatten sich 34.864 (7,2%) wegen eines HWI 90 Tage vor der erwarteten letzten Menstruation oder während der Schwangerschaft zunächst in ambulante Behandlung begeben. Von diesen traten 41% während des ersten Trimenons der Schwangerschaft auf, so die Autoren.

 
Eine Verbesserung der Antibiotika-Auswahl ist ein wichtiger Aspekt der Verschreibungspraxis, da diese Antibiotika bei einem Einsatz in der Frühschwangerschaft potenziell riskant sind … Dr. Elizabeth C. Ailes und Kollegen
 

40 Prozent erhielten in der Schwangerschaft nicht empfohlenes Antibiotikum

Von den schwangeren Frauen, bei denen ein HWI diagnostiziert worden war, hatten 68,9% ein Antibiotikum verordnet bekommen im Vergleich zu 76,1% der Frauen, die während der 90 Tage vor der mutmaßlich letzten Regelblutung diagnostiziert wurden.

Die Art des Antibiotikums war abhängig davon, ob die Frauen schwanger waren oder nicht. Genauer gesagt wurden Fluorchinolone und Sulfonamide häufiger Frauen vor der Schwangerschaft verabreicht, während Nitrofurantoin, Cephalosporine und Penicilline häufiger während der Schwangerschaft verabreicht wurden (jedes Trimenon).

Die häufigsten Antibiotika, die während des ersten Trimenons verordnet wurden, waren Nitrofurantoin (34,7%), Ciprofloxacin (10,5%), Cephalexin (10,3%) und Trimethoprim-Sulfamethoxazol (7,6%). Somit erhielten über 40% der behandelten Frauen ein Antibiotikum, dessen Einnahme während der Schwangerschaft nicht empfohlen wird.

„Eine Verbesserung der Antibiotika-Auswahl ist ein wichtiger Aspekt der Verschreibungspraxis, da diese Antibiotika bei einem Einsatz in der Frühschwangerschaft potenziell riskant sind, vor allem während der Organogenese“, schreiben die Autoren.

„Angesichts der Empfehlung, diese Medikamente in der Frühschwangerschaft nach Möglichkeit zu vermeiden, und der Tatsache, dass fast 50 Prozent der Schwangerschaften in den USA ungeplant entstehen, ist es wichtig, dass alle Fachrichtungen sich dieser Empfehlungen bewusst sind und daran denken, dass sie bei der Verschreibung von Antibiotika gegen Harnwegsinfekte bei schwangeren Frauen oder bei Frauen, die in naher Zukunft schwanger werden könnten, möglicherweise 2 Menschen behandeln.“

Die Autoren weisen auf einige Einschränkungen im Zusammenhang mit dem Studiendesign hin, wie etwa die Tatsache, dass die Schwangerschaften und HWI-Diagnosen von Diagnose- und Therapiecodes abgeleitet und nicht validiert wurden, dass klinische Details im Zusammenhang mit den HWI-Diagnosen fehlten, dass auf eine Gelegenheitsstichprobe aus einer kommerziellen Datenbank vertraut wurde und dass eigenfinanzierte Antibiotika-Behandlungen nicht berücksichtigt worden waren.

Empfehlungen laut deutscher S3-Leitlinie zu unkomplizierten Harnwegsinfekten

In der deutschen Interdisziplinären S3-Leitlinie „Epidemiologie, Diagnostik, Therapie, Prävention und Management unkomplizierter erworbener Harnwegsinfektionen bei Erwachsenen“, die im Jahr 2017 aktualisiert worden ist, heißt es dazu:

Bei der Auswahl der Pharmaka ist auf deren mögliche unerwünschte Arzneimittelwirkungen beim Embryo/Feten zu achten.

Im Wesentlichen sollten Penicillinderivate, Cephalosporine oder Fosfomycin-Trometamol in Erwägung gezogen werden.

Folgende Substanzgruppen können in der Schwangerschaft wegen möglicher teratogener Schäden nur eingesetzt werden, wenn keine Alternativen zur Verfügung stehen:

Aminoglykoside sollten nur bei vitalen Indikationen unter Kontrolle der Serumspiegel eingesetzt werden, da sie oto- und nephrotoxisch sind.

Antibiotikatherapie:

  • Fluorchinolone: Es gibt tierexperimentelle Hinweise auf mögliche Knorpelschäden, die bisher aber beim Menschen nicht beobachtet wurden.

  • Nitrofurantoin: Bei Anwendung im letzten Trimenon besteht die Gefahr der hämolytischen Anämie beim Neugeborenen.

  • Sulfonamide (in Cotrimoxazol): Können zu erhöhten Bilirubinwerten beim Neugeborenen führen, wenn Sie kurz vor der Entbindung appliziert werden. Sie sollten deshalb im letzten Trimenon vermieden werden.

  • Tetrazykline: Sind ab der 16. Schwangerschaftswoche kontraindiziert, da sie zu Störungen der Zahnschmelz- und Knochenentwicklung führen können.

  • Trimethoprim (in Cotrimoxazol): Kann zu Folsäuremangel beim Föten führen und sollte deshalb im ersten Trimenon vermieden werden.

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

REFERENZEN:

1. Ailes EC, et al: Morbidity and Mortality Weekly Report 2018; 67(1):18–22

 

Kommentar

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