Herzbericht 2017: Steigende Zahlen, aber weniger Infarkttote, mehr Herztodesfälle unter Frauen

Sonja Böhm

Interessenkonflikte

19. Januar 2018

Berlin – Erstmals seit Jahren verzeichnet der Deutsche Herzbericht 2017 wieder einen Anstieg in der Häufigkeit der erfassten Herzerkrankungen – einige haben im ausgewerteten Jahr 2015 sogar sehr deutlich zugenommen. Auch die Sterbeziffer (Gestorbene pro 100.000 Einwohner) ist für die meisten Herzkrankheiten gestiegen.

Ausnahme ist die Sterblichkeit am akuten Herzinfarkt – sie zeigt nach wie vor einen Abwärtstrend und hat sich seit den 90er Jahren um bis zu 2 Drittel (68% bei Männern, 57% bei Frauen) verringert. Die aktuellen Zahlen des neuen Berichts, der gemeinsam von der Deutschen Herzstiftung, der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) und der Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäß-Chirurgie (DGTHG) jährlich erstellt wird, sind bei einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellt worden [1].

So sind im Jahr 2015 rund 221.500 Menschen in Deutschland an einer Herzerkrankung gestorben (270 auf 100.000 Einwohner) – im Vergleich zu 208.000 im Jahr 2014 (256 auf 100.000). Insgesamt sind Herzerkrankungen nach wie vor die Todesursache Nummer 1 in Deutschland; jeder 4. Todesfall ist dadurch bedingt.

Frauen haben insgesamt mehr Herzerkrankungen

Frauen sind bei Herzerkrankungen tatsächlich das „schwache Geschlecht“: Sie leiden häufiger unter Herzkrankheiten und sie sterben deutlich häufiger daran (117.518 Frauen vs 103.993 Männer in 2015). Auch hier sind allerdings der akute Myokardinfarkt und die KHK die Ausnahmen – sie bleiben nach wie vor eine Männer-Domäne mit deutlich höheren Sterbeziffern unter Männern.

Die meisten Todesfälle gehen auf das Konto einer KHK, gefolgt von Infarkt und Herzinsuffizienzen. In absoluten Zahlen starben 29.795 Frauen und 17.619 Männer im Jahr 2015 an einer Herzinsuffizienz sowie 17.293 Frauen im Vergleich zu 11.132 Männer an Herzrhythmusstörungen.

Immer noch große regionale Unterschiede in den Sterbeziffern

Auffallend sind auch nach wie vor die starken regionalen Unterschiede sowohl in der Häufigkeit als auch in der Sterblichkeit: Die höchsten Sterbeziffern für den akuten Herzinfarkt haben z.B. Sachsen-Anhalt (82 Tote auf 100.000) und Brandenburg (83); die niedrigsten Schleswig-Holstein (42) und Hamburg (46).

Prof. Dr. Thomas Meinertz

Prof. Dr. Thomas Meinertz, Hamburg, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Herzstiftung, sieht kritisch, „dass die Bundesländer mit der geringsten Kardiologendichte zugleich gegen eine überdurchschnittlich hohe Infarktsterblichkeit ankämpfen wie Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt“.

 
Die Bundesländer mit der geringsten Kardiologendichte kämpfen zugleich gegen eine überdurchschnittlich hohe Infarktsterblichkeit an. Prof. Dr. Thomas Meinertz
 

Hier gelte es, sich – „besonders in Regionen mit einer niedrigen Ärztedichte für eine bessere Erreichbarkeit der Notfallambulanzen und Verbesserungen in der kardiologischen Versorgung durch mehr ambulante Diagnostik oder Therapie als einen möglichen Ansatz zur Senkung der Sterblichkeit durch Herzkrankheiten“ einzusetzen, meint er. Meinertz wies in diesem Zusammenhang auch auf die recht ungleiche Verteilung von Brustschmerz-Ambulanzen in den verschiedenen Regionen hin. So fänden sich nur 3 solcher Ambulanzen in Thüringen und 4 in Sachsen-Anhalt.

Linksherzkatheter und TAVI – der Boom ist ungebrochen

Weitere wichtige Daten des neuen Herzberichtes:

Ungebrochen ist der Boom bei den Linksherzkatheter-Untersuchungen: Knapp 898.000 erfolgten im Jahr 2016 (1,5% mehr als 2015). Zusätzlich gab es 377.763 therapeutische perkutane Koronarinterventionen (plus 3,5% seit 2015), bei denen in der überwiegenden Mehrzahl – knapp 340.000 Mal – ein Stent eingesetzt wurde.

Prof. Dr. Hugo A. Katus

Auch wenn diese Zahlen sehr hoch sind – und Deutschland hier international eine Spitzenposition einnimmt – sieht Prof. Dr. Hugo A. Katus, Heidelberg, Präsident der DGK, keine Anzeichen für Überversorgung. Die Indikation sei in der Regel entsprechend den aktuellen Guidelines: „Die Analysen zeigen ein Leitlinien-konformes Vorgehen in weit mehr als 90 Prozent aller registrierten Fälle.“

Ein weiterer Boom sind Herzklappenerkrankungen: Um 70% haben die Krankenhauseinweisungen wegen Klappenerkrankungen in den letzten 2 Jahrzehnten zugenommen. Im Jahr 2016 lag die Quote bei 117 Einweisungen pro 100.000 Einwohner, 1995 betrug sie noch 69 pro 100.000.

 
Die Analysen zeigen ein Leitlinien-konformes Vorgehen (bei den Linksherzkatheter-Untersuchungen) in weit mehr als 90 Prozent aller registrierten Fälle. Prof. Dr. Hugo A. Katus
 

Die größte Zunahme ist mit 185% bei den Patienten im Alter von 75plus zu verzeichnen – und spiegelt nach Ansicht von Katus vor allem die neuen therapeutischen Möglichkeiten mit der Katheter-gestützten Aortenklappen-Implantation (TAVI) wider. Diese gilt bekanntlich als gute Behandlungsoption auch für ältere Patienten mit hohem OP-Risiko, wird aufgrund neuerer Daten aber zunehmend auch bei jüngeren mit mittlerem OP-Risiko eingesetzt. Rund 17.100 TAVI sind im Jahr 2016 erfolgt – knapp 10% mehr als 2015.

Herzinsuffizienz bleibt die häufigste Diagnose – und steigt weiter

Die häufigste Hauptdiagnose von vollstationär im Krankenhaus behandelten Patienten im Jahr 2016 war die Herzinsuffizienz. Die Diagnose wird häufiger bei Frauen als bei Männern gestellt (525 vs 506 pro 100.000 Einwohner). Insgesamt sind Herzinsuffizienzen um 2% von 2015 auf 2016 gestiegen – seit dem Jahr 1995 sogar um mehr als 100%.

Als Ursache vermutet Katus die insgesamt gestiegene Lebenserwartung, aber auch die besseren Therapiemöglichkeiten bei anderen Herzerkrankungen. Etwa beim Infarkt, so dass in der Folge mehr Patienten eine Herzmuskelschwäche entwickeln.

Trotzdem war die Zahl der an Herzinsuffizienz Gestorbenen seit den 90er Jahren bis 2014 kontinuierlich gefallen (auf 44.550). Den nun zu verzeichnenden Anstieg auf 47.414 Todesfälle in 2015 führt Katus vor allem auf die insgesamt älter werdende Gesellschaft zurück: „Die Sterbeziffer bei Herzinsuffizienz nimmt sowohl bei Männern als auch bei Frauen ab der Altersgruppe der 80- bis unter 85-Jährigen deutlich zu. Ihren Höchstwert erreicht sie in der Altersgruppe ab 90 Jahren.“

Herzrhythmusstörungen: Häufiger durch bessere Diagnose und Therapie?

Und noch ein Trend: Auch bei den Herzrhythmusstörungen steigen Häufigkeit und Sterblichkeit. Rund 800.000 Menschen (1% der Bevölkerung) leiden unter Vorhofflimmern, der häufigsten Rhythmusstörung – zwischen 2008 und 2016 hätten die Behandlungsfälle wegen Herzrhythmusstörungen um rund 20% zugenommen, berichtete Katus. Seit 1995 beträgt der Anstieg sogar mehr als 100%. Dies ist nicht nur auf die Alterung der Bevölkerung, sondern auch auf bessere Diagnose- und Therapiemöglichkeiten zurückzuführen, zeigte sich der DGK-Präsident überzeugt.

Tendenziell ist die Sterbeziffer bei Rhythmusstörungen seit Mitte der 90er Jahre ebenfalls gestiegen und hat 2015 den bisherigen Höchstwert mit 31,5 Gestorbenen pro 100.000 erreicht – wobei auch hier mehr Frauen als Männer betroffen sind.

Im Übrigen haben auch die Implantationen zur Behebung von Rhythmusstörungen zugenommen – rund 157.000 solcher Operationen fanden 2016 statt – vor allem die Zahl der Herzschrittmacher-Implantationen ist um rund 1000 von 2015 auf 2016 angestiegen, während die Implantationen von ICD (Implantierbare Cardioverter-Defibrillatoren) um rund 200 abgenommen hat. Der Herzbericht attestiert hierbei der Versorgung in Deutschland zwar ein „hohes Niveau“, trotzdem, so mahnt der Bericht, zeige „die seit Jahren hohe Rate an Revisionsoperationen, dass Verbesserungspotenziale vorhanden sind und realisiert werden sollten“.

Insgesamt sieht Meinertz die Zahlen des neuen Herzberichtes vor allem auch als Mahnung, mehr in die Aufklärung und Prävention von Herzerkrankungen zu investieren. Denn was die therapeutischen Möglichkeiten angehe, erreiche man dank moderner Strategien in vielen Bereichen inzwischen ein Plateau.

 

REFERENZEN:

1. Pressekonferenz zur Präsentation des Herzberichtes 2017, 17. Januar 2018, Berlin

 

Kommentar

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