Ältere Frauen rufen nach Herzinfarkt oft zu spät Hilfe – und das liegt wohl nicht an den schwächeren Symptomen

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

19. Januar 2018

Ältere Frauen warten nach einem Herzinfarkt deutlich länger, bis sie medizinische Hilfe anfordern. Verglichen mit jüngeren Frauen vergeht fast doppelt so viel Zeit zwischen dem Ereignis und dem Eintreffen in der Notaufnahme. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Gruppe um Prof. Dr. Karl-Heinz Ladwig vom Helmholtz Zentrum München und vom Deutschen Zentrum Herz-Kreislauf-Forschung auf Basis einer Kohortenstudie [1]. Von Ärzten fordert er, die Frauen als Risikogruppe gezielter aufzuklären.

„Ganz wichtig ist, dass Patientinnen, aber auch Patienten, die zur Herzinfarkt-Risikogruppe gehören, die Nummer des Notarztes neben dem Telefon gut lesbar aufschreiben“, sagt Ladwig zu Medscape. „Ärzte sollten informieren, wen sie anzurufen haben, also nicht den ärztlichen Bereitschaftsdienst oder den Hausarzt.“ Außerdem sollten sie nicht „in falscher Bescheidenheit verharren und abwarten, ob ihre Beschwerden vielleicht von selbst wieder verschwinden“, ergänzt der Experte.

Er nennt einige der unangebrachten Einwände von Frauen, die Ärzte im Gespräch aufgreifen sollten: „Das wird schon wieder besser, da muss ich doch jetzt nicht den Notarzt rufen.“ Oder: „Was sollen die Nachbarn denken, wenn der Krankenwagen vorfährt und dann doch nichts war?“

 
Ganz wichtig ist, dass Patientinnen, aber auch Patienten, die zur Herzinfarkt-Risikogruppe gehören, die Nummer des Notarztes neben dem Telefon gut lesbar aufschreiben. Prof. Dr. Karl-Heinz Ladwig
 

Ladwig: „Solche Gedanken sind gerade bei älteren Frauen häufig und führen zu den gefährlichen Verzögerungen.“ Je schneller die Reperfusion gelingt, umso besser die Prognose. „Je früher die Therapie erfolgt, umso geringer ist die Schädigung des Herzmuskels.“

Auch in punkto Symptome gebe es neue Erkenntnisse, berichtet Ladwig weiter. „Es wurde bisher immer gemutmaßt, dass Patientinnen ein parasympathisches Symptombild haben, verglichen mit Männern. Das war auch lange Zeit meine Auffassung, weil es bei Patientinnen häufiger zum Hinterwandinfarkt kommt.“ Diese Region sei stärker parasympathisch innerviert und stehe mit Übelkeit und Erbrechen in Verbindung.

Ladwig: „Das stimmt aber nicht so ganz, wenn man sich die aktuellen Daten ansieht.“ Er verweist auf eine weitere Besonderheit: „Wir sehen zwar, dass Frauen seltener Brutschmerzen haben als Männer. Die Zahlen reichen aber nicht aus, um zu erklären, warum Patientinnen viel später in die Notaufnahme kommen.“ Er sieht dahinter eher psychologische Faktoren.

Frauen verlieren doppelt so viel Zeit bis zur Notaufnahme

Die Forscher arbeiteten mit Daten aus der MEDEA-Studie (Munich Examination of Delay in Patients Experiencing Acute Myocardial Infarction). Zertifizierte Interviewer sprachen mit 619 Patientinnen und Patienten, die einen ST-Hebungsinfarkt (STEMI, ST-Elevation Myocardial Infarction) erlitten hatten, innerhalb von 24 Stunden nach Verlassen der Intensivstation.

Unter den Teilnehmern befanden sich 457 (73,8%) Männer und 162 (26,2%) Frauen. Gleichzeitig erhielten alle Patienten Fragebögen. Aus den Krankenakten ermittelten Ladwig und seine Kollegen weitere Risikofaktoren.

Abgesehen vom Nikotinkonsum (31% aller Männer versus 42% aller Frauen) gab es keine klinisch relevanten Unterschiede in der Vorgeschichte. Männer waren häufiger beruflich tätig (55% versus 32%), lebten seltener allein (25% versus 43%) und waren seltener sportlich inaktiv (48% versus 64%).

Die mediane Verzögerung zwischen einem STEMI und dem Eintreffen im Krankenhaus lag bei 194 Minuten (Männer) versus 231 Minuten (Frauen). Bei Frauen ab 65 Jahren war die Wahrscheinlichkeit, dass sie länger als 2 Stunden warten, bis sie medizinische Hilfe in Anspruch nahmen, 2,9-fach höher.

Zum Vergleich dienten alle anderen Gruppen. Im Median lag der Wert bei 266 Minuten (Frauen ≥ 65 Jahre) versus 148 Minuten (Frauen < 65 Jahre). Ältere Männer ließen ebenfalls mehr Zeit verstreichen als jüngere Patienten (222 versus 183 Minuten).

„Der Unterschied zwischen älteren Frauen und allen anderen von uns untersuchten Gruppen, nämlich jüngeren Frauen unter 65 Jahren, sowie Männern über und unter 65 Jahren, ist eklatant“, kommentiert Ladwig. Häufig werde das kritische Zeitfenster von 300 Minuten, um Lysetherapien durchzuführen, überschritten.

 
Der Unterschied zwischen älteren Frauen und allen anderen von uns untersuchten Gruppen, nämlich jüngeren Frauen unter 65 Jahren, sowie Männern über und unter 65 Jahren, ist eklatant. Prof. Dr. Karl-Heinz Ladwig
 

Anders als bisher angenommen, sei weder allein das Alter noch das Geschlecht allein entscheidend. „Vielmehr führt die Kombination aus Alter und weiblichem Geschlecht zu langen Entscheidungszeiten zwischen Auftreten der ersten Herzinfarkt-Symptome und der Versorgung in einer Notaufnahme.“

Nicht immer typische Beschwerden

Auch bei den Beschwerden fand der Wissenschaftler einige Besonderheiten. Zwar gab ein Großteil aller Patientinnen und Patienten Brustschmerzen als charakteristisches Symptom eines STEMI zu Protokoll. Frauen und Männer ab einem Alter von 65 Jahren (81% bzw. 83%) hatten jedoch signifikant seltener Brustschmerzen als jüngere (94% bzw. 95%). „Je älter, desto weniger Brustschmerz tritt auf“, fasst Ladwig zusammen.

 
Je älter, desto weniger Brustschmerz tritt auf Prof. Dr. Karl-Heinz Ladwig
 

„Auch bei Übelkeit und Erbrechen konnten wir keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern feststellen“, sagt der Erstautor. „Das hatten wir ganz anders erwartet. Denn diese atypischen Beschwerden wurden bislang immer eher Frauen zugeordnet.“

Methodische Einschränkungen

Ladwig kann bei der Analyse retrospektiv erhobener Daten über Befragungen einen gewissen Bias nicht ausschließen. Er hat versucht, diese Gefahr durch möglichst kurze Zeitabstände zwischen STEMI und Interviews zu minimieren.

Als Schwäche kommt hinzu, dass in der Kohorte 2 Extremfälle fehlen. Dazu gehören Patienten, die starben, bevor sie die Notaufnahme erreichen konnten, und Patienten mit leichtem STEMI ohne Kontakt zum Krankenhaus. Aufgrund der geringen Zahl aufgenommener Frauen fordert er, die gewonnene Erkenntnis in größeren Studien zu bestätigen.



REFERENZEN:

1. Ladwig KH, et al: AJC (online) 15. Dezember 2017

Kommentar

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