Es ist nie zu spät – Intensives aerobes Training wirkt auch bei Couch-Potatoes Mitte 50 wie Anti-Aging für das Herz

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

12. Januar 2018

Nehmen Patienten mittleren Alters, die sich zuvor kaum bewegt haben, 2 Jahre lang regelmäßig an speziellen aeroben Trainingsprogrammen teil, verringern sich negative kardiale Folgen ihrer sitzenden Tätigkeit. Die Elastizität des linken Ventrikels verbessert sich, was zu niedrigeren Risiken einer Herzinsuffizienz mit erhaltener linksventrikulärer Auswurffraktion führt.

Zu diesem Ergebnis kommen Dr. Erin J. Howden und Dr. Benjamin D. Levine vom Texas Health Presbytarian Hospital in Dallas mit ihrem Team auf Basis einer randomisierten kontrollierten Studie [1].

Prof. Dr. Martin Halle

„Das ist eine hervorragende Untersuchung, die zur rechten Zeit kommt“, fasst Prof. Dr. Martin Halle für Medscape zusammen. Er arbeitet am Zentrum für Prävention und Sportmedizin der Technischen Universität München sowie am Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK).

Bislang gebe es vor allem Studien zu Athleten oder zu Personen mit bekannten Risikofaktoren wie Diabetes, Adipositas und Hypertonie. Interessant sei gerade, dass Levine eine normale Population untersucht habe. „Mit einem Teil der Probanden macht Levine zuerst ein Ausdauertraining im moderaten Bereich. Dann kommt noch ein Intervalltraining mit dazu. Dadurch wurde die körperliche Belastbarkeit weiter verbessert“, so Halle.

 
Zugespitzt könnte man von Anti-Aging für das Herz sprechen. Prof. Dr. Martin Halle
 

Der Experte ergänzt: „Entscheidend ist, dass sich die Elastizität des linken Ventrikels bei einer Population, die vorher sportlich inaktiv war, etwas verbessert. Zugespitzt könnte man von Anti-Aging für das Herz sprechen.“ Er kennt den Effekt aus früheren Untersuchungen mit Athleten.

Gezieltes Training verbessert Elastizität des linken Ventrikels

Für ihre Studie haben Howden und Levine insgesamt 61 Probanden im Alter von 45 bis 64 Jahren rekrutiert. Das mediane Alter lag bei 53 Jahren. Alle Teilnehmer waren gesund, nahmen keine Antihypertensiva ein und litten nicht an Adipositas oder an Diabetes mellitus. Sie gingen überwiegend sitzenden Tätigkeiten nach und waren sportlich inaktiv. Fast die Hälfte waren Männer (48%).

34 Teilnehmer wurden randomisiert der Trainingsgruppe mit 2 oder mehr Trainingseinheiten an 4 oder mehr Tagen pro Woche zugeordnet. Im progressiven Teil des Programms bewegten sie sich 4 Minuten bei 95% ihrer maximalen Herzfrequenz, gefolgt von 3 Minuten bei 60 bis 75%. Weitere 27 Personen nahmen an der Kontrollgruppe mit Yoga, Gleichgewichtstraining und Krafttraining teil.

In beiden Gruppen führten Ärzte Herzkatheter-Untersuchungen und 3D-Echokardiographien durch. Sie bestimmten das enddiastolische Druck-Volumen-Verhältnis (End Diastolic Pressure Volume Relationship, EDPVR) und Frank-Starling-Kurven. Über Spirometrie-Systeme wurde außerdem die maximale Sauerstoffaufnahme (VO2max) gemessen.

Nach 2 Jahren verglichen Howden und Levine alle Ergebnisse. 53 Teilnehmer schlossen die Studie ab. In der Trainingsgruppe verbesserten sich die VO2max-Werte um 18% (vorher 29,0 versus 34,4 nachher), während es in der Kontrollgruppe keine signifikanten Änderungen gab (29,5 versus 28,7).

 
Damit kann regelmäßiges Training einen gewissen Schutz gegen Herzinsuffizienzen mit erhaltener linksventrikulärer Auswurffraktion bieten. Dr. Benjamin D. Levine
 

Der Sport verbesserte auch die Elastizität des linken Ventrikels. Der Wert für die myokardiale Steifigkeit, gemessen anhand des EDPVR, nahm von 0,072 auf 0,051 ab. Auch hier tat sich in der Kontrollgruppe nichts (0,0635 versus 0,062).

„Übungen erhöhten das enddiastolische Volumen, während der pulmonal-kapilläre Druck unverändert blieb, wodurch sich ein größeres Schlagvolumen bei einem bestimmten Druck ergibt“, erklärt Levine. „Damit kann regelmäßiges Training einen gewissen Schutz gegen Herzinsuffizienzen mit erhaltener linksventrikulärer Auswurffraktion bieten.“

Der Schlüssel zu einem gesünderen Herzen im mittleren Alter sei das richtige Maß an Bewegung zum richtigen Zeitpunkt. Levine: „Wir fanden heraus, dass 2 oder 3 Trainingseinheiten pro Woche nicht viel zum Schutz des Herzens vor dem Altern beitragen. Aber 4 bis 5 Einheiten mit schnellem, intensivem Training, sprich mit hoher Belastungsintensität, waren fast so effektiv wie Programme von Elite-Athleten.“ Frühere Studien hatten gezeigt, dass bei Leistungssportlern mit jahrzehntelangem Training weniger Auswirkungen des Alterns auf das Herz und die Blutgefäße zu finden waren.

Methodische Einschränkungen

Halle ist von den Ergebnissen nicht überrascht. Er bemerkt methodisch jedoch einige Limitationen: „Levine misst nicht im linken Ventrikel, sondern im rechten Ventrikel und bestimmt alle Kurven indirekt.“ Der Experte identifiziert einen weiteren Schwachpunkt: „Das Problem ist, dass kein Herzultraschall gemacht wurde. Mit diesen Messungen hätten wir bei geringem Aufwand noch mehr über klinische Aspekte erfahren.“ Warum Levine diese Messungen nicht gemacht hat, kann Halle den Daten aber nicht entnehmen.

 
4 bis 5 Einheiten mit schnellem, intensivem Training, sprich mit hoher Belastungsintensität, waren fast so effektiv wie Programme von Elite-Athleten. Dr. Benjamin D. Levine
 

Neben den von Halle erwähnten Schwächen nennt Levine weitere Einschränkungen. Sein Team rekrutierte Probanden, die aus eigenem Antrieb willens und in der Lage waren, an einem intensiven Trainingsprogramm teilzunehmen. Das zeigt sich bei der hohen Compliance von 88%.

Levine hält es selbst für fraglich, ob sich derart gute Werte auf den Bevölkerungsdurchschnitt übertragen lassen. Eine weitere Einschränkung besteht darin, dass viele Studienteilnehmer kaukasischer Abstammung waren, was die Frage aufwirft, ob Ergebnisse auch für andere ethnische Gruppen gelten. Das lässt sich nur anhand weiterer Untersuchungen zeigen.

 

REFERENZEN:

1. Howden EJ, et al: Circulation (online) 8. Januar 2018

 

Kommentar

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