Big Data in der Medizin: Der Patient als Herrscher über seine Daten – 3 verschiedene Modelle

Susanne Rytina

Interessenkonflikte

10. Januar 2018

In Deutschland wird schon seit Jahren um den Einsatz einer elektronischen Patientenakte gerungen – doch ähnlich wie beim Berliner Flughafen oder bei Stuttgart 21 steigen die Kosten, der Start verzögert sich. Inzwischen werden unterschiedliche alternative Modelle entwickelt: von der Zivilgesellschaft, von medizinischen Institutionen und den Kassen. Der Anspruch: Der Patient bestimmt, wer seine Daten bekommt.

Modell 1: Die Genossenschaft Midata – Freiheit von der „digitalen Leibeigenschaft“

In der Schweiz befindet sich ein genossenschaftliches und gemeinnütziges Projekt im Aufbau, mit dem vor allem eins gesichert werden soll: die Datensouveränität des Patienten. „Unser Ziel ist, dass der Patient die Herrschaft über seine Daten gewinnt. Ihm gehören sie schließlich auch. Deshalb muss er auch selbst bestimmen können, wem er die Daten gibt“, sagt Prof. Dr. Ernst Hafen von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ).

Der Molekularbiologe hat mit Kollegen der ETHZ und der Berner Fachhochschule die Genossenschaft Midata mitgegründet: Midata will den Bürgern einen sicheren Datenraum für ihre Gesundheits- oder sonstige Daten bieten.

Die Idee: Der Patient selbst soll seine Gesundheitsdaten sammeln – etwa digitale Kopien von Arztbriefen, Fachärzten, Ergebnisse von Bluttests, genomische Analysen – und entscheiden, mit wem er die Daten teilen will – etwa mit dem Haus- oder Facharzt, dem Krankenhaus, Pflegeheim oder ob er sie für Forschungszwecke, etwa klinische Studien, weitergibt.

Gemeinsam mit der Charité Berlin und dem Berliner Institut für Gesundheitsforschung baue man momentan das Midata-Angebot auch für Deutschland auf, so Hafen.

Er sieht das Projekt als wichtigen Schritt, Patienten von der „digitalen Leibeigenschaft“ zu erlösen, in der sie sich momentan oft unbewusst befänden. Ihnen sei oft nicht klar, wie wertvoll ihre Daten seien – und so stellen sie sie den kommerziellen Anbietern gratis zur Verfügung. „Derzeit machen Google, Microsoft & Co. das große Geschäft mit den Daten. Dabei gehören die Daten den Patienten“, kritisiert Hafen.

 
Derzeit machen Google, Microsoft & Co. das große Geschäft mit den Daten. Dabei gehören die Daten den Patienten. Prof. Dr. Ernst Hafen
 

Das Geschäft mit den Patientendaten wird in Zukunft noch mehr boomen: Unzählige Digital-Health-Start-ups stehen in den Startlöchern oder haben sich schon gegründet, große Technologie-Unternehmen drängen auf den Gesundheitsmarkt. Unzählige Gesundheits-Apps finden sich in den Stores.

Eine persönliche Erfahrung hat Hafen die Augen geöffnet: als er vor knapp 10 Jahren seine eigenen genomischen Daten und die seiner Familie durch die Firma „23andme“ analysieren ließ. Wenn die Kunden dort ihre Speichelprobe einsenden, stimmen sie zu, dass ihre Erbgut-Daten zum Beispiel an pharmazeutische Hersteller verkauft werden.

„Wir sollten aber die Gewinne mit unseren Daten selbst machen und nicht andere“, meint Hafen und setzt sich seitdem für ein genossenschaftliches Konzept ein. Die Daten seiner Mitglieder will Midata künftig nicht mehr gratis vergeben, sondern die Genossenschaft verlangt Geld dafür – natürlich mit dem Einverständnis der Mitglieder. Denn jeder, der über Apps seine Daten hochlädt, bestimmt selbst, für welche Zwecke diese freigegeben werden.

Pharmafirmen seien sehr interessiert, geeignete Patienten gegen Bares zu rekrutieren: „Sie können viel effizienter, direkter und schneller fündig werden. Jeden Tag, den die Rekrutierungsphase für eine Arzneimittelstudie länger dauert, ist ein Tag weniger Patentschutz – und damit bares Geld“, erläutert Hafen.

Die Einnahmen von Midata werden allerdings nicht an die einzelnen Patienten ausgeschüttet, sondern in der Genossenschaft. Diese ist gemeinnützig – mit den Überschüssen soll das Portal ausgebaut und gepflegt werden. Schlussendlich sollen die Genossen demokratisch entscheiden, was mit den Einnahmen geschieht.

„Wir wollen keine falschen Anreize setzen und in der gleichen Logik handeln wie profit-orientierte Firmen. Auch für die Blutspende wird bei uns schließlich kein Geld bezahlt“, betont Hafen. Ohnehin – nicht einzelne Daten des Patienten seien wichtig, sondern der aggregierte Datensatz sei es, also „Big Data“ von vielen Patienten. Dieser Nutzen solle auch der ganzen Gesellschaft zugutekommen, betont Hafen.

 
Das Schweizer Midata-Modell ist eine interessante Antwort der Zivilgesellschaft. Dr. Stefan Etgeton
 

Auf der Plattform können zum Beispiel auch Patienten-zentrierte Studien durchgeführt werden – wie etwa das Projekt des Universitätsspitals Bern mit Adipositas-Patienten, die nach der bariatrischen Operation mithilfe einer Smartphone-App jeden Tag ihre Schritte, ihr Gewicht und ihr aktuelles Befinden protokollierten und auf die Midata-Plattform übertragen.

Dr. Stefan Etgeton

„Das Schweizer Midata-Modell ist eine interessante Antwort der Zivilgesellschaft. Die Idee ist spannend, wenn eines Tages eine genossenschaftlich von Patienten organisierte oder beauftragte Datentreuhand den Schatz hütet und verwertet, der heute von Versorgungsanbietern, Kostenträgern oder Onlinediensten monopolisiert wird“, sagt Dr. Stefan Etgeton, Senior Expert bei der Bertelsmann Stiftung.

Auch die Bertelsmann Stiftung sieht die Herausforderung des anbrechenden digitalen Zeitalters in der Medizin darin, die Rolle des Patienten zu stärken. Dabei stellt sie auf ihrem Projekt „Der digitale Patient“ dar, dass „Digital Health“ ein Versprechen ist, das derzeit noch nicht eingelöst wird.

„Wir bewegen uns hier auf Neuland, viele Konzepte werden derzeit diskutiert“, sagt Etgeton. „Dass wir tagtäglich Daten produzieren, die eine Ressource für das Gesundheitssystem sein könnten, ist vielen in der Bevölkerung gar nicht bewusst“, meint er. „Am Horizont dieser unübersichtlichen Landschaft erhebt sich drohend die Frage, ob die Patienten ihr Daten-Gut nicht allzu billig preisgeben und die Geschäfte damit von anderen besorgt werden“, schreibt er im Blog der Bertelsmann Stiftung zum digitalen Patient.

Alternative Modell seien ebenfalls denkbar, meint Etgeton: So könnten sich Patienten auch auf ihre Rolle als Bürger besinnen und als Souverän der Gesetzgebung die Eigentumsrechte wieder abschaffen, um aus den vorhandenen (pseudonymisierten) Daten ein öffentliches Gut zu machen, das den Zwecken der Versorgungsforschung und -verbesserung, der Patienteninformation und Qualitätstransparenz dienen könnten.

Modell 2: Die Data-Box in der Hand einer unabhängigen Stiftung

Prof. Dr. Christof von Kalle

Prof. Dr. Christof von Kalle, Geschäftsführender Direktor des Nationalen Centrums für Tumorerkankungen Heidelberg (NCT), stellt sich vor, dass der Patient der Zukunft von seinen eigenen Daten –in einer Art Dropbox – durch das Gesundheitssystem begleitet wird.

 
Nur der Patient ist die Person, die auch rechtlich in der Lage ist, alles in Kopie über sich zu sammeln, während er durch die Sektoren wandert. Prof. Dr. Christof von Kalle
 

„Nur der Patient ist die Person, die auch rechtlich in der Lage ist, alles in Kopie über sich zu sammeln, während er durch die Sektoren wandert – vom niedergelassenen Hausarzt zum Facharzt hin zum lokalen Krankenhaus, hin zum Universitätsklinikum.“ Nur der Patient sei auch in der Lage, maximal viele Daten über sich zu sammeln, keine andere Institution sei dazu befugt. „Wenn der Patient die Daten selbst sammelt, bleiben sie kohärent und spiegeln die Wirklichkeit am ehesten wider“, sagt von Kalle.

 
Nur der Patient ist die Person, die auch rechtlich in der Lage ist, alles in Kopie über sich zu sammeln, während er durch die Sektoren wandert. Prof. Dr. Christof von Kalle
 

Anders als im Schweizer Genossenschaftsmodell von Midata, in dem man eigene Gelder erwirtschaften will, stellt sich von der Kalle vor, dass die eigentliche Digitalisierung und Dokumentation dieser Daten vom Gesundheitssystem, sprich von den gesetzlichen Krankenkassen  finanziert werden sollte.

Die Ablage der Patientendaten könne etwa über eine Datenbox geschehen, die bei einer unabhängigen Stelle angesiedelt ist, einer Art Stiftung oder Körperschaft öffentlichen Rechts, die unmittelbar auch unter öffentlicher Aufsicht steht. „Der Patient sollte bestimmte Strukturen bekommen, in denen er geschützt und begleitet wird, sodass seine Daten nur an die weitergegeben werden, denen er sie geben möchte“, so von Kalle.

Patienten selbst sollten auch einen Nutzen haben und etwa von Erfahrungen von vergleichbaren Fällen („patients like me“) profitieren. Aus der Praxis und aufgrund von Umfragen weiß der Onkologe, dass die meisten Patienten mit einer Tumorerkrankung bereit seien, ihre Daten zu teilen, auch weil nur so die Chancen entstehen, auch von den Therapieerfahrungen anderer zu profitieren.

Anfang 2018 will das NCT mit der „Data-Box“ ein neues Projekt starten. Es handelt sich dabei um eine Machbarkeitsstudie begleitend zu einer klinischen Studie. Dabei sollen rund 4.000 Krebs-Patienten, die behandelt werden und an einer klinischen Studie teilnehmen, ihre eigenen Daten in einer „Data-Box“ zur Verfügung gestellt werden.

 
Wir müssen aber mit der Digitalisierung der Medizin den Sprung ins 21. Jahrhundert schaffen. Prof. Dr. Christof von Kalle
 

In der zweiten Projektphase soll dann überprüft werden, ob tatsächlich die Therapie verbessert und zusätzliche Erkenntnisse gewonnen werden können. In einem nächsten Schritt müsste dann gezeigt werden, ob das System insgesamt im größeren Maßstab auf das Gesundheitssystem angewendet werden kann und etwa beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) auch ein Antrag auf Erstattung der umschriebenen Leistungen in den Bereichen Datenspeicherung und Analytik gestellt werden kann.

„Im Moment ist das Gesundheitssystem im analogen Bereich relativ gut organisiert. Wir müssen aber mit der Digitalisierung der Medizin den Sprung ins 21. Jahrhundert schaffen“, sagt von Kalle. Die neuen Systeme sollen dabei das Dokumentieren vereinfachen und auf lange Sicht Geld sparen. Durch das neue digitale System schaffe man sich größere Freiheitsgrade. „Wenn sie eine Krankenschwester oder Arzt heute fragen, dann sagen diese, ich verbringe die Hälfte meiner Zeit mit Dokumentieren und Papierarbeit. Diese Zeit könnte aber besser für die Behandlung und Pflege der Patienten eingesetzt werden“, so von Kalle.

Modell 3: Die elektronischen Patientenakten der AOK und Techniker Krankenkasse

Auch die Kassen stehen in den Startlöchern, eigene Modelle von elektronischen Patientenakten zu entwickeln. So entwickelt die Techniker Krankenkasse mit IBM eine elektronische Gesundheitsakte, die Rezeptdaten, ambulante und stationäre Daten wie Röntgenbilder, Daten aus Fitness-Trackern oder elektronische Diabetes-Tagebücher und andere Leistungen umfassten soll. Die Begründung: Trotz vieler Millionen Euro für die elektronische Gesundheitskarte für Versicherte der gesetzlichen Krankenkassen sei lediglich eine Chipkarte mit Lichtbild herausgekommen, wie zum Beispiel die TK Sachsen-Anhalt schreibt.

2018 will man mit der elektronischen Patientenakte an den Start gehen. Für die Versicherten soll dieses Angebot freiwillig sein. Die Datenhoheit über die TK-Akte liege allein bei den Versicherten, die bestimmen, wer die Akte sehen dürfe, so die TK. Hinterlegt sei sie nicht bei den Kassen, sondern in der Cloud des US-Konzerns IBM. Zugreifen könnten die Patienten über einen Webbrowser oder mobil über das Smartphone und eine TK.

Auch die AOK will eine eigene digitale Patientenakte anbieten, wie der AOK-Bundesverband in einer Pressemitteilung im Oktober 2017 mitteilte. Allerdings sollen die Daten hier nicht zentral gespeichert werden, sondern sie verbleiben auf den dezentralen Speichern, zum Beispiel in der Klinik oder beim Arzt, stellte ein AOK-Sprecher gegenüber Medscape klar.

Über Links, die dann zu den Daten führen – ähnlich wie beim Prinzip Dropbox – kann dann der Patient Zugriffe auf die Daten auf einer speziellen Onlineplattform erlauben. Zur Absicherung geschieht das nur über Transaktionsnummern wie beim Online-Banking, so die AOK.

Der Patient entscheide selbst, mit wem er seine Daten teilen möchte und mit wem nicht. Die AOK habe selbst keinen Zugriff auf die Daten, betont der Sprecher. Das System ermögliche es der AOK aber, den Patienten zu informieren, welche Diagnose zum Beispiel ein Arzt gestellt habe.

 

 

 

Kommentar

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