Schwangere mit Typ-2-Diabetes: Erhöhtes Risiko für Fehlgeburt und Missbildungen – aber am Metformin liegt es wohl nicht

Dr. Angela Speth

Interessenkonflikte

10. Januar 2018

Frauen mit Diabetes, die während einer Schwangerschaft zumindest zeitweise Metformin einnehmen, bringen ihre Kinder gehäuft zu früh, mit Fehlbildungen oder gar tot zur Welt. Zwar wäre es naheliegend, diese Risiken dem Medikament anzulasten, doch offenbar zu Unrecht: Vielmehr hat eine US-Studie die Stoffwechselstörung als Grund des ungünstigen Verlaufs ausgemacht [1].

Bisher sei lediglich für den Gestationsdiabetes erwiesen, dass eine Behandlung mit Metformin den unerwünschten Folgen einer Hyperglykämie bei Mutter und Kind vorbeuge, nicht jedoch für einen schon vorab bestehenden Typ-2-Diabetes, erläutern die Studienautoren um Prof. Dr. Alice Panchaud von der Harvard School of Public Health in Boston. Ebenso fehlten Belege zur Sicherheit dieses plazentagängigen Wirkstoffs in der Schwangerschaft.

Bei einer entsprechenden Analyse sei es allerdings schwierig zu entscheiden, ob eventuell beobachtete Risiken nicht vielleicht von der Krankheit selbst ausgehen. Diese Verflechtung haben die Autoren nun erstmals in einer multizentrischen, prospektiven Kohortenstudie mit einer größeren Zahl von Teilnehmerinnen zu entwirren versucht.

Ermöglicht wurde dies durch Informationsdienste zu teratologischen Wirkungen und Pharmakovigilanz-Zentren, wo sowohl Schwangere registriert waren, die Metformin wegen eines Diabetes eingenommen hatten, als auch Schwangere, bei denen eine solche Therapie aus anderen Gründen erfolgt war.

Metformin wird auch beim polyzystischen Ovar-Syndrom genutzt

Denn das Biguanid ist nicht nur meist das erste Medikament, das nach einer Typ-2-Diabetes-Diagnose verordnet wird. Denn es senkt den Blutzucker, indem es vor allem die Produktion von Glukose in der Leber drosselt, aber auch dessen Aufnahme und Umsetzung in Fett- und Muskelzellen fördert. Sondern Metformin wird außerdem gegen Infertilität genutzt, die mit dem polyzystischen Ovar-Syndrom (PCOS) einhergeht.

Dank der Daten, die zwischen 1993 und 2015 erfasst worden waren, konnten die Wissenschaftler 471 Schwangere in die Metformin-Gruppe aufnehmen. Zum Vorteil des Projekts war die Gruppe sehr heterogen zusammengesetzt:

  • 63% waren Frauen, die schon vor der Konzeption an Diabetes erkrankt waren,

  • bei 12% war das PCOS die Indikation für Metformin,

  • die übrigen wurden wegen Übergewicht, Hyperglykämie, Insulinresistenz, Glukose-Intoleranz oder zur Auslösung einer Ovulation damit behandelt.

Fast alle Frauen hatten vor der Schwangerschaft mit der Medikation begonnen, die meisten (73%) brachen sie jedoch während des ersten Trimesters ab.

Weitere Kennzeichen: Übergewicht, Hypertonie, mehr Medikamente

Als Referenz wurden nach dem Zufallsprinzip 479 Schwangere ausgewählt, deren Anamnese keine Verwendung von Metformin entdecken ließ. Im Vergleich zu dieser Kontrollgruppe wiesen die Frauen der Expositionsgruppe beträchtliche Gesundheitsprobleme auf:

  • 23% versus 4% hatten einen Body-Mass-Index (BMI) über 30,

  • 13% versus 2% litten unter Bluthochdruck,

  • 22% versus 16% hatten mindestens einen vorherigen Spontanabort erlitten,

  • 77% versus 44% brauchten mehr als ein Medikament.

Insofern war es kaum überraschend, dass bei den Metformin-Verwenderinnen die Schwangerschaft öfter unerfreulich endete: Rund 5% bekamen Kinder mit größeren Geburtsdefekten – ein um 70% erhöhtes Risiko gegenüber dem Anteil von nur 2% bei der Referenz. Ähnlich bei Fehl- und Totgeburten: Hier ergab sich mit 21% gegen 11% eine Diskrepanz von fast 60%.

Die Auswertung ausschließlich zwischen Teilnehmerinnen der Metformin-Gruppe jedoch offenbarte, dass diese Risikosteigerungen hauptsächlich auf Diabetes zurückgingen: Denn 8% der Patientinnen mit dieser Erkrankung gebaren Kinder mit größeren Geburtsdefekten, aber nur 2% der Frauen ohne Diabetes, jene also, die Metformin wegen anderer Indikationen eingenommen hatten – genauso wenige wie in der nicht exponierten Referenzgruppe.

Appell für bessere Aufklärung

Nicht ganz so eindeutig war die Risikoverteilung bei Fehl- und Totgeburten: Zwar lag hier die Häufigkeit in der Gruppe ‚Metformin aus sonstigen Gründen‘ ebenfalls niedriger als in der Gruppe ‚Metformin wegen Diabetes‘ (17% versus 24%), trotzdem wurde dies von der Referenz mit 11% noch deutlich unterboten. Diese scheinbare Ungereimtheit erklären die Wissenschaftler damit, dass zur Gruppe ,Metformin aus sonstigen Gründen‘ viele Frauen mit PCOS gehörten, einer Störung, die nachweislich vermehrt mit Spontanaborten assoziiert ist.

Gestützt auf diese Ergebnisse plädieren Panchaud und ihre Kollegen dafür, den Patientinnen und ihren Ärzten zu vermitteln, dass Metformin weder teratogen wirkt, noch einen Abort begünstigt. So könne man verhindern, dass die verordnete Medikation bereits im ersten Trimester abgesetzt werde, wie das bei fast 3 Viertel der Studienteilnehmerinnen geschah. Denn einen wichtigen Grund für den Verzicht auf eine Behandlung vermuten die Ärzte in Bedenken, diese könne die Sicherheit von Mutter und Kind gefährden.

Mehr Klarheit erhoffen sich die Autoren von Studien, in denen bei Schwangeren mit Typ-2-Diabetes eine Metformin- und eine Insulintherapie verglichen werden.



REFERENZEN:

1. Panchaud A, et al: Br J Clin Pharmacol (online) 7. Dezember 2017

Kommentar

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