Nach dem BVG-Urteil zum Numerus Clausus: Der Zugang zum Medizinstudium muss verändert werden – aber wie?

Christian Beneker

Interessenkonflikte

9. Januar 2018

Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes (BVG) von Mitte Dezember über das Auswahlverfahren zum Medizinstudium trifft auf durchweg positive Reaktionen. Das derzeitige Verfahren sei zum Teil unvereinbar mit dem Grundgesetz, hatte bekanntlich das BVG am 19. Dezember verkündet (Az.: 1 BvL 3/14 und 1 BvL 4/14) [1]. Denn das Verfahren verletze zum Teil die vom Grundgesetz garantierte Chancengleichheit der Bewerber (Art 3 Abs. 1 GG), so das BVG.

„Wir teilen die Einschätzung des Gerichts und freuen uns, dass nun der Weg frei ist für Alternativen zur Wartezeitquote“, sagt etwa Heyo K. Kroemer, Präsident des Medizinischen Fakultätentags (MFT). So sei die derzeitige Vorgabe, 20% der Plätze allein nach der Wartezeit zu vergeben, die mittlerweile bis zu über 7 Jahren liege, nicht mehr zumutbar, schreibt der MFT. Mit dem Urteil werde nun klargestellt, dass auch Alternativen zur Wartezeitquote denkbar sind. Auch die Rolle der Abitur-Note wurde vom Bundesverfassungsgericht relativiert.

Auswahlkriterien müssen umsetzbar sein

Der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt, erklärt, die Abitur-Note sage nicht genug darüber, ob ein Bewerber einmal ein guter Arzt wird. „Darum begrüßen wir es ausdrücklich, dass zukünftig neben dem NC weitere Faktoren, wie beispielsweise Motivation, Erfahrungen als Pflegerin oder Pfleger oder Kommunikationsfähigkeiten im Auswahlverfahren eine deutlich größere Rolle spielen“, so Weigeldt. „Gerade für Hausärztinnen und Hausärzte sind soziale Kompetenzen im Zweifel wichtiger als ein 1,0 Abitur.“

Hier wendet allerdings der MFT ein, es sei unmöglich, 60.000 Bewerber auf Medizinstudienplätze pro Semester etwa in Hinblick auf die kommunikativen Fähigkeiten einem Bewerbungsgespräch oder Assessmentcenter zu unterziehen. „Dazu gibt es in den Fakultäten gar nicht genug Mitarbeiter. Die Auswahlkriterien müssen umsetzbar sein!“, so der MFT auf Anfrage.

Dr. Andreas Gassen

Auch der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) Dr. Andreas Gassen, begrüßt das Urteil. „Es berücksichtigt, dass es neben einer guten Note – die weiterhin wichtig bleiben wird – auch weitere und andere Faktoren gibt, die zeigen, ob ein Studienplatzbewerber auch ein guter Arzt sein könnte“, so Gassen. Nun müssten „Maßnahmen wie Bewerbergespräche verbindlich geregelt werden“, hieß es. Auch Gassen weiß allerdings, dass dies aufwändig ist. Deshalb fordert er: „Hier müssen die Länder den Hochschulen dann auch die notwendigen Ressourcen einräumen.“

 
Wir teilen die Einschätzung des Gerichts und freuen uns, dass nun der Weg frei ist für Alternativen zur Wartezeitquote. Heyo K. Kroemer
 

Rudolf Henke

Das Bundesverfassungsgericht habe Bund und Ländern „ordentlich die Leviten gelesen“, resümiert Rudolf Henke, 1. Vorsitzender des Marburger Bundes. „Jetzt ist es an dem Gesetzgeber, daraus die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen und endlich einheitliche, strukturierte und transparente Regeln zu schaffen, die das Recht auf chancengleichen Zugang zum Medizinstudium verwirklichen“, fordert Henke.

Gleichzeitig gehöre die bisherige Kapazitätspolitik auf den Prüfstand. „Die Anzahl der Medizinstudienplätze hindert durch die Begrenzung auf ein Niveau, wie es 1990 in der alten Bundesrepublik bestand, viele geeignete Bewerber an der Aufnahme ihres Wunschstudiums“, so Henke.“ Auch deshalb seien mindestens 10% mehr Medizinstudienplätze nötig.

Die Forderungen des Bundesverfassungsgerichts

Derzeit führen 4 Wege ins Medizinstudium. Dabei sind nach Ansicht des BVG nicht alle Regelungen zu beanstanden, nach denen Medizin-Studierende ausgesucht werden.

1. Die Abitur-Bestenquote:

So gebe es keine verfassungsrechtlichen Bedenken gegen die Vergabe an die besten Abiturienten unter den Bewerbern. 20% der Studienplätze fallen unter dieses Kriterium. Allerdings werde die Abitur-Durchschnittsnote „als Maßstab für die Eignung durch den Rang des Ortswunsches überlagert und entwertet“, kritisieren die Richter laut einer Mitteilung des BVG.

Tatsächlich kann es sein, dass ein Bewerber mit der Abitur-Note von 1,0 gegenüber einem anderen Bewerber mit der Note von z.B. 1,1 das Nachsehen hat. Und zwar dann, wenn der bessere Abiturient zum Beispiel Hannover als 1. Ortspräferenz und Magdeburg als 2. Ortspräferenz angegeben und der schlechtere Abiturient einzig Hannover gewählt hätte. In diesem Fall wiegt die Ortspräferenz derzeit schwerer und überdeckt die bessere Abiturnote des ersten Abiturienten. Ortswunsch-Angaben dürften deshalb künftig nur zweitrangig sein, so das Gericht.

 
Gerade für Hausärztinnen und Hausärzte sind soziale Kompetenzen im Zweifel wichtiger als ein 1,0 Abitur. Ulrich Weigeldt
 

2. Die Wartezeit:

Weitere 20% der Studienplätze werden heute nach der Wartezeit vergeben – oft nicht nur an besonders geduldige, sondern auch an besonders motivierte Bewerber. Bis zu 7 Jahren kann es dauern, bis ein Bewerber so einen Studienplatz erhält. Derzeit ist das Lebensalter das entscheidende Kriterium für die Wartenden, das heißt, die ältesten Bewerber werden zuerst genommen. Ab 2019 wird nach Anzahl der Bewerbungssemester (Wartesemester) entschieden.

Die Quote von 20% ist nach Ansicht des Bundesverfassungsgerichtes gerade noch zulässig. „Über den Anteil von 20% der in den Hauptquoten zu vergebenden Studienplätze hinaus darf der Gesetzgeber die Wartezeitquote jedoch nicht erhöhen“, so das Gericht. Verfassungsrechtlich bedenklich findet das BVG den Umstand, dass der Gesetzgeber die Wartezeit nicht begrenzt.

Das BVG schlägt maximal 4 Jahre Wartezeit vor. Überlange Wartezeiten könnten „erheblich die Erfolgschancen im Studium und damit die Möglichkeit zur Verwirklichung der Berufswahl“ trüben, meint das BVG. Tatsächlich „brechen am Universitätskrankenhaus Hamburg Eppendorf (UKE) 40% der Medizinstudierenden, die über die Wartezeit einen Studienplatz bekommen haben, ihr Studium ab“, sagt der Hamburger Biochemiker und Verantwortliche für die Lehrentwicklung am UKE, Prof. Dr. Wolfgang Hampe zu Medscape.

3. Die Auswahl der Unis:

Mit 60% wird der Löwenanteil der Studienplätze nach eigenen Auswahlkriterien der Hochschulen vergeben. Die Kriterien sind sehr unterschiedlich, so die Auskunft des Deutschen Fakultätentages auf Anfrage von Medscape. So verteilen manche Hochschulen Pluspunkte für gute Mathe-Noten in der Schule oder für einen abgeleisteten Freiwilligendienst oder für die erfolgreiche Teilnahme am Wettbewerb „Jugend forscht“.

Das Hamburger UKE folgt z.B. einem 2-stufigen Verfahren aus zunächst einer Mischung aus Abitur-Note und Ergebnis eines Multiple-Choice-Tests. Die besten 100 erhalten einen Studienplatz. Die Bewerber auf den Plätzen 101 bis 300 bekommen in einer Reihe von Kurzinterviews eine 2. Chance.

 
Jetzt ist es an dem Gesetzgeber … endlich einheitliche, strukturierte und transparente Regeln zu schaffen, die das Recht auf chancengleichen Zugang zum Medizinstudium verwirklichen. Rudolf Henke
 

Klar, dass die Auswahlverfahren an den verschiedenen Hochschulen wegen der unterschiedlichen Kriterien meistens nicht vergleichbar sind und damit ungerecht für die Bewerber – Fakultät A bewertet die Biologie-Note der Schule mit, Fakultät B tut dies nicht.

Nach Ansicht der Verfassungsrichter setzen zudem die Universitäten die angegebene Ortspräferenz in diesem Kriterien-Cocktail oft zu hoch an. Gleiches gelte für die Abiturnote. Allerdings gibt es nur 6 Medizin-Fakultäten, die bisher ausschließlich auf die Abi-Note setzen. Jede Uni müsse zukünftig mindestens 1 weiteres gewichtiges Kriterium neben der Abitur-Note für die Zulassung anlegen, so die Verfassungsrichter. Es soll für den Arztberuf wesentlich und darf „nicht schulnoten-basiert“ sein, fordert das BVG. Welche neuen Kriterien hier gemeint sind, erklären die Richter nicht. Den Kriterienkatalog soll vielmehr der Gesetzgeber festlegen.

4. Die Vorabquote:

Einzig die so genannte „Vorabquote“ ließen die Verfassungsrichter ungeschoren. Bevor die anderen Kriterien greifen, werden 13% der Studienplätze vorab z.B. an ausländische Bewerber vergeben – eine für das Verfassungsgericht nicht zu beanstandende Regelung.

Bis Ende 2019 muss nun der Gesetzgeber ein Verfahren entwickeln, um bundesweit einheitliche Zugangskriterien zu schaffen.

Hampe meint: „Wir brauchen wahrscheinlich ein komplett neues Verfahren, in dem die Wartezeiten keine Rolle mehr spielen.“ Er verweist auf ein gemeinsames Papier über die Zulassungskriterien zum Medizinstudium, das der MFT und die Bundesvereinigung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. (bvmd) im Juni 2017 vorgelegt haben. In einem 1. Schritt werden danach 50% aller Studienplätze an die Besten eines deutschlandweit einheitlichen, 4-stufigen Tests vergeben, der über eine Stiftung abgewickelt werden soll. Die andere Hälfte vergeben die Hochschulen in eigenen Verfahren.

 
Wir brauchen wahrscheinlich ein komplett neues Verfahren, in dem die Wartezeiten keine Rolle mehr spielen. Prof. Dr. Wolfgang Hampe
 

Der Weg zu dieser Lösung wäre aber noch weit. „Letztlich müssten die Länder einen neuen Staatsvertrag schließen, der das vorgeschlagene Verfahren in einer rechtssicheren Form abbildet und der Stiftung für Hochschulzulassung den Auftrag und die zur Umsetzung erforderlichen Ressourcen gibt“, heißt es abschließend in dem Papier.

 

REFERENZEN:

1. Urteil des Ersten Senats des Bundesverfassungsgerichtes vom 19. Dezember 2017

 

Kommentar

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