Hilft Ginkgo-Extrakt nach ischämischem Insult? Chinesische Studie sagt „Ja!“ Deutscher Experte hat erhebliche Zweifel

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

2. Januar 2018

Patienten mit ischämischem Schlaganfall profitieren davon, wenn sie nach dem Insult über 6 Monate eine Pharmakotherapie mit Ginkgo-Extrakt erhalten – dies zusätzlich zur Sekundärprävention mit Acetylsalicylsäure (ASS). Bei ihnen verbesserten sich Gedächtnisleistungen und exekutive Funktionen. Zu diesem Ergebnis kommt Dr. Shanshan Li von der Nanjing University Medical School in China. Sie hat jetzt Ergebnisse einer randomisierten kontrollierten klinischen Studie veröffentlicht [1].

Prof. Dr. Hans-Christoph Diener

Jedoch deutsche Experten sehen das sehr kritisch: „Die Arbeit ist völlig unbrauchbar“, erklärt Prof. Dr. Hans-Christoph Diener gegenüber Medscape. Er hat eine Seniorprofessur für Klinische Neurowissenschaften an der Universität Duisburg-Essen inne, ist Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und regelmäßiger Neurologie-Blogger bei Medscape.

„Wir haben früher selbst eine ganze Reihe an Studien zu Neuroprotektiva durchgeführt. Jede Studie, die weniger als 2.000 Patienten umfasst, ist hoffnungslos underpowert“, bemängelt er. Das liegt Diener zufolge an der Verteilung von Endpunkten. Um einen signifikanten Unterschied in der Phase nach einem Schlaganfall mit Indizes wie dem Mini-Mental-State-Examination-Score oder dem Barthel-Index zu erfassen, brauche man mindestens 1.800 Patienten. „Darunter ist dem Zufall Tür und Tor geöffnet“, so der Experte.

Ob die von Li u gezeigten Unterschiede überhaupt relevant sind, lässt sich Diener zufolge nicht sagen: „Beispielsweise ist der Barthel-Index klinisch längst nicht mehr relevant.“ Als Grund nennt er die U-förmige Verteilung. Es gibt am Anfang der Kurve einen Peak mit vielen Patienten, die wieder genesen. Am Ende sind wiederum Patienten zu finden, die sterben. „So bekommen Sie nichts über klinische Unterschiede heraus“, erklärt der Experte. Sein vernichtendes Fazit: „Die Autoren der Studie sind für mich nicht auf dem aktuellen Wissensstand.“

 
Die Autoren der Studie sind für mich nicht auf dem aktuellen Wissensstand. Prof. Dr. Hans-Christoph Diener
 

Ein Bedarf für Pharmaka in dieser Indikation wäre jedenfalls vorhanden. Überlebende eines ischämischen Schlaganfalls leiden oft an Gedächtnisstörungen, Demenzen oder Depressionen. Störungen von exekutiven Funktionen kommen hinzu. In diesen Bereich fallen u.a. Impulskontrolle und emotionale Selbstkontrolle, das Setzen und Erreichen von Zielen sowie das Priorisieren von Handlungen. Diener zufolge ist aber bislang jede Studie zu neuroprotektiven Wirkstoffen beim ischämischen Insult gescheitert.

Studie mit 348 Patienten

Li beruft sich auf die langjährigen, traditionellen Erfahrungen mit Ginkgo in China. Sie rekrutierte für ihre randomisierte kontrollierte klinische Studie 348 Patienten, die 7 oder weniger Tage zuvor einen ischämischen Schlaganfall erlitten hatten. Alle Teilnehmer wurden randomisiert 2 Studienarmen zugeordnet. 179 Personen erhielten täglich 3 x 150 mg Ginkgo-Extrakt plus 1 x 100 mg ASS (GBE-Gruppe). 169 Personen der Vergleichsgruppe nahmen nur 1 x 100 mg ASS pro Tag ein. Die Pharmakotherapie wurde 6 Monate lang durchgeführt.

Primärer Endpunkt war die Bewertung anhand des Montreal-Cognitive-Assessment-Scores (MoCA). Der Test berücksichtigt kognitive Bereiche wie die Aufmerksamkeit, die Konzentration, Exekutivfunktionen, Gedächtnis, Sprache, Visuokonstruktion, konzeptuelles Denken, Rechnen und Orientierung. Als sekundären Endpunkt erfasste Li kognitive und neurologische Funktionen, unerwünschte Effekte anhand unterschiedlicher Scores und vaskuläre Ereignisse.

Signifikante Unterschiede, fraglicher Mehrwert

Insgesamt konnte Li Daten von 330 Teilnehmern auswerten. Beim MoCA-Punktewert zeigte sich nach 30 Tagen (BGE -2,77 vs Kontrollgruppe -1,99), nach 90 Tagen (-3,34 vs -1,99) und nach 180 Tagen (-4,00 vs -2,71) ein signifikanter Mehrwert durch den Ginkgo-Extrakt.

Beide Gruppen waren hinsichtlich kardiovaskulärer Ereignisse wie neuen ischämischen Insulten, Aneurysmen oder Vorhofflimmern vergleichbar. Unter der Kombinationstherapie kam es zu 16 Ereignissen und in der ASS-Gruppe waren es 20.

Den sekundären Endpunkt bestimmten Li und ihre Kollegen anhand weiterer Skalen. Dazu gehörten die National Institutes of Health Stroke Scale (NIHSS), die modifizierte Rankin-Skala (mRS), der Barthel-Index (BI) oder der Mini-Mental-State-Examination-Score (MMSE). Sie bewerten Einschränkungen durch den Schlaganfall anhand unterschiedlicher Kriterien.

In allen Fällen hatten Patienten unter der Kombinationstherapie signifikant bessere Werte als unter ASS. Ob dieser Unterschied überhaupt klinisch relevant ist, lässt sich Diener zufolge nicht sagen. Zu nennenswerten Nebenwirkungen kam es in beiden Gruppen nicht.

Mehrere Hypothesen zur Wirkung von Ginkgo

„Die Studie zeigt, dass eine zusätzliche GBE-Gabe neurologische Defizite und kognitive Beeinträchtigungen nach einem Insult besser behebt als ASS alleine“, fasst Li zusammen. Zur Erklärung formuliert sie 2 Hypothesen: Ginkgo-Extrakte würden älteren Studien zufolge den Blutfluss verbessern und haben zumindest in vitro antiapoptotische Eigenschaften.

 
Die Studie zeigt, dass eine zusätzliche GBE-Gabe neurologische Defizite und kognitive Beeinträchtigungen nach einem Insult besser behebt als ASS alleine. Dr. Shanshan Li
 

Gleichzeitig nennt Li auch zentrale Schwachstellen der Studie: Sie war nur einfach verblindet, was einen gewissen Bias nicht ausschließt. Außerdem bewerteten die Forscher die Patienten anhand von Skalen, die immer Raum für eine gewisse Subjektivität böten. Und ihr Follow-up war nicht lang genug, um alle Effekte abschließend zu bewerten.

Coautorin Prof. Dr. Yun Xu von der Nanjing Universität in China sieht einen weiteren Vorteil in der leichten Verfügbarkeit zum geringen Preis: „In Großbritannien, Europa, Kanada und den USA ist Ginkgo-biloba-Extrakt eine kommerziell erhältliche Nahrungsergänzung, die ohne Rezept erhältlich ist.“

Da sich die Extraktionsverfahren bei Ginkgo und damit auch die Zusammensetzung des Naturstoffgemischs grundlegend unterscheiden, lassen sich Lis Ergebnisse jedoch nicht zwangsläufig auf andere kommerziell erhältliche Präparate übertragen.



REFERENZEN:

1. Li S, et al: BMJ SVN (online) 20. Dezember 2017

Kommentar

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