Melanom-Check auf der Kopfhaut: Können Friseure Leben retten?

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

28. Dezember 2017

Da Friseure den besten Blick auf die Kopfhaut und den Nacken ihrer Kunden haben, könnten sie bei der frühzeitigen Erkennung von Melanomen an diesen Körperstellen behilflich sein. So die Vermutung einer Studiengruppe an der University of Southern California in Los Angeles. Sie haben dementsprechend getestet, was eine Kurz-Schulung von Friseuren für die (Früh-)Erkennung von Melanomen bringt.

 
Ein kurzes Schulungsvideo kann Friseure zur besseren Erkennung atypischer Naevi und Melanome aufklären. Dr. Neda Black und Kollegen
 

„Ein kurzes Schulungsvideo kann Friseure zur besseren Erkennung atypischer Naevi und Melanome aufklären“, berichten Dr. Neda Black und ihre Kollegen in einem Forschungsbrief im JAMA Dermatology [1]. Basierend auf diesem Lehrfilm halten sie es für eine vielversprechende Möglichkeit der Prävention, Friseure vertiefend zum Hautkrebs-Screening zu schulen sowie dazu, wann sie bei verdächtigen Befunden den Besuch eines Dermatologen empfehlen sollten. Dies ist die Bilanz des Forscherkollektivs nach der Befragung von 100 Friseuren vor und nach der Betrachtung des Schulungsvideos.

Experte: Früherkennung durch Nicht-Mediziner hilft Dermatologen

„Eine Schulung medizinischer Laien – wie Friseure oder auch Masseure oder Nageldesigner – zum Erkennen von verdächtigen Melanomen oder anderen malignen Hauterkrankungen ist in jedem Fall sinnvoll und würde uns Medizinern helfen“, meint Prof. Dr. Jochen Utikal, Leiter der Klinischen Kooperationseinheit für Dermato-Onkologie am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg, im Gespräch mit Medscape.

Die Frage, ob Laien überhaupt qualifiziert seien, einen solchen Verdacht zu äußern und ihren Kunden den Gang zum Dermatologen anzuraten, sei leicht zu beantworten, sagt er: „Ein falsch-positiver Befund ist besser als ein falsch-negativer – und das zu späte Erkennen eines Melanoms ist viel schlimmer als ein überflüssiger Besuch beim Dermatologen.“

Denn am Hinterkopf, Nacken oder Rücken werden Melanome ansonsten meist nur von Angehörigen erkannt – daher seien Friseure, die täglich die Kopfhaut vieler Menschen unter die Lupe nehmen, eine geeignete Zielgruppe für die Prävention. „Friseure sehen einiges – wenn man ihnen jetzt noch beibringt, das, was sie sehen, korrekt zu deuten, ist viel für die Früherkennung von Hauterkrankungen gewonnen“, sagt Utikal.

 
Das zu späte Erkennen eines Melanoms ist viel schlimmer als ein überflüssiger Besuch beim Dermatologen. Prof. Dr. Jochen Utikal
 

Ob allerdings ein nur 5-minütiges Video zu den ABCDE-Kriterien diesen Zweck erfülle, sei fraglich, meint der Experte. Effektiver sei sicher die Einbindung einer entsprechenden Einheit in die Ausbildung oder Fortbildung solcher Berufsgruppen. Vorstellbar seien etwa Bildsequenzen, anhand derer Dermatologen die ABCDE-Kriterien erläutern. Die ABCDE-Kriterien sind:

  • Asymmetrie,

  • Begrenzung,

  • Color (unterschiedliche Färbung),

  • Durchmesser über 5mm,

  • Entwicklung

ABCDE-Regel hat Schwächen

PD Dr. Martin Hartmann

Weniger überzeugt von der Laien-Diagnostik ist PD Dr. Martin Hartmann, Dermatologe in der Hautklinik am Universitätsklinikum Heidelberg und Medscape-Blogger. Zwar sei die ABCDE-Regel erlernbar, habe jedoch Schwächen, erklärt er. „Am bedeutendsten bei der Erkennung von Hautkrebs ist die Veränderung der Leberflecke – das ist aber für Friseure, die die Kopfhaut eines Kunden nur einmal sehen, nicht feststellbar“, gibt Hartmann zu bedenken.

Zudem bereiten ihm mögliche falsch-positive Befunde Sorgen. „Die Hautarzt-Praxen sind ohnehin überflutet. Wenn auch noch Laien wie Friseure oder Fußpfleger Kunden aufgrund ihres Verdachts dorthin schicken, wird es schwierig. Durch einen unbegründeten Verdacht kann man viel lostreten“, vermutet der Dermatologe.

Trotzdem verfolge die kalifornische Studiengruppe „eine interessante Fragestellung“, nämlich inwiefern die Früherkennung von Hautkrebs optimiert werden könne.

Kenntnisse verbessern – Selbstvertrauen stärken

Die Wissenschaftler in Kalifornien hatten die Schulung von Friseuren damit begründet, dass die Hälfte der Melanome, vor allem solche auf der Kopfhaut und am Nacken, bei der Selbstuntersuchung unentdeckt bleibt. Außerdem hätten Friseure zwar täglich diese Körperstellen ihrer Kunden im Visier, wüssten jedoch zu wenig über die Anzeichen eines malignen Melanoms, um die Kunden auf verdächtige Befunde hinzuweisen.

 
Durch einen unbegründeten Verdacht kann man viel lostreten. PD Dr. Martin Hartmann
 

Letzteres hatte ihre Befragung unter 108 Friseuren im Jahr 2013 ergeben. Die meisten Friseure, so die Erkenntnis von Black und ihren Kollegen, wüssten gerne mehr über die Erkennung von Melanomen. Also haben sie hierzu ein 5-minütiges Online-Schulungsvideo entworfen, das den Kenntnisstand und die Selbstsicherheit der Friseure bei der Hautkrebs-Früherkennung verbessern soll.

Insgesamt nahmen 113 Friseure in und um Los Angeles an der Studie teil. Sie schauten sich das Video an und füllten vorher und nachher einen Fragebogen aus. Dabei ging es auch darum, inwiefern sich die Friseure eine korrekte Identifizierung von Hautläsionen, bei denen es sich möglicherweise um Krebs handeln könnte, zutrauen.

Am Ende füllten 100 Teilnehmer beide Fragebögen aus. Nach der Online-Schulung konnten signifikant mehr Teilnehmer atypische Naevi und Melanome anhand der ABCDE-Kriterien korrekt identifizieren: 71% vs 59% vor der Schulung (p = 0,08).

Der Anteil der Teilnehmer, die sich die korrekte Identifizierung von Hautläsionen zutrauten, war nach der Ansicht mit 41% mehr als doppelt so hoch wie vorher (19%).

Früherkennung auf breite Füße stellen

In den USA hatten 79% der Friseure, die an der Studie teilnahmen, angegeben, dass sie bereits zur Erkennung von Hautkrebs geschult wurden. „Daher wäre es wichtig zu eruieren, ob unser Schulungsvideo bereits akquiriertes Wissen wiederholt oder neue Kenntnisse zur Melanom-Erkennung vermittelt hat – oder sogar beides“, schreiben die Autoren.

Eine randomisierte Studie könnte zeigen, ob dieses Wissen über längere Zeiträume erhalten bleibe und sich gegenüber einer Kontrollgruppe, die keine (zusätzliche) Schulung erhalten habe, auszahle.

Ebenso wie Friseure könnten Masseure, Fußpfleger, Kosmetiker oder Nageldesigner in die Früherkennung einbezogen werden, schlägt Utikal vor. „Ich hatte bereits Fälle, bei denen die Fußpfleger auf verdächtige Stellen aufmerksam gemacht haben“, berichtet er.

Hartmann plädiert eher für die Schulung von anderen Medizinern, etwa Gynäkologen, sowie Zahnärzten und Krankenschwestern zur früheren Erkennung von Hautkrebs. „Eine Schulung von Studenten der Zahnmedizin etwa zu Melanomen der Mundschleimhaut finde ich sehr sinnvoll“, erklärt er. Auch verfügten Mediziner über ein Recall-System, was bei nicht-medizinischen Berufen wie Friseuren fehle.



REFERENZEN:

1. Black NR, et al: JAMA Dermatol (online) 6. Dezember 2017

Kommentar

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