Erhöhtes Brustkrebsrisiko unter modernen hormonalen Kontrazeptiva: Wie gravierend ist die Risiko-Erhöhung tatsächlich?

Anke Brodmerkel

27. Dezember 2017

Auch moderne hormonale Verhütungsmittel erhöhen das Brustkrebsrisiko um rund 20%. Das geht aus einer prospektiven Kohortenstudie hervor, die Wissenschaftler um Dr. Lina Mørch von der Gynäkologischen Abteilung des Rigshospitalet der Universität Kopenhagen im New England Journal of Medicine (NEJM) veröffentlicht haben [1]. Die gegenwärtig genutzten Kontrazeptiva unterscheiden sich in diesem Punkt demnach nicht von älteren, oft höher dosierten Präparaten.

Das absolute Risiko, aufgrund der Verwendung hormonaler Verhütungsmittel ein Mammakarzinom zu entwickeln, ist dennoch eher klein: Wenn 100.000 Frauen ein Jahr lang hormonell verhüten, erkranken in dieser Zeit nur 13 von ihnen an Brustkrebs, haben Mørch und ihre Kollegen berechnet.

Anders ausgedrückt: Bei 7.690 Frauen, die hormonale Kontrazeptiva verwenden, gibt es im Vergleich zu Frauen, die darauf verzichten, pro Jahr nur eine Brustkrebsdiagnose mehr. Finanziert wurde die dänische Untersuchung von der Novo Nordisk Stiftung.

Deutsche Experten bewerten die Studie unterschiedlich

Prof. Dr. Olaf Ortmann

„Die Studie stammt von einer sehr renommierten Arbeitsgruppe und hat allein aufgrund ihrer großen Probandenzahl eine hohe Aussagekraft“, kommentiert Prof. Dr. Olaf Ortmann, langjähriges Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) sowie Vizepräsident der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG), im Gespräch mit Medscape. Es handele sich um die bislang größte Untersuchung, die sich mit dem Brustkrebsrisiko moderner hormonaler Kontrazeptiva beschäftigt habe.

„Zudem ist es eine der wenigen Studien, die einen positiven Zusammenhang zwischen der Anwendungsdauer dieser Präparate und dem sich daraus ergebenden Brustkrebsrisiko aufzeigen konnte“, betont Ortmann, der an der Universität Regensburg die Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe leitet. Man wisse nun, dass bei einer Anwendungsdauer von mehr als 5 Jahren die Pillen-Anwenderinnen noch Jahre später gefährdeter als andere seien, an einem Mammakarzinom zu erkranken.

Dr. Christian Albring

„Ein möglicherweise erhöhtes Risiko für Brustkrebs bei Anwendung hormoneller Kontrazeptiva wird seit längerer Zeit beschrieben“, sagt dagegen der Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte (BVF), Dr. Christian Albring, gegenüber Medscape: „Insofern bringt diese Studie keine neuen Erkenntnisse.“

In den Fachinformationen aller hormonellen Kontrazeptiva werde seit langem auf dieses Risiko hingewiesen, sowohl bei Kombinationspräparaten als auch bei Gestagen-Monopräparaten und unabhängig von der Applikationsart, so Albring. Es werde dort aber ebenfalls deutlich gemacht, dass dieses Risiko sehr gering sei – was auch die neue Studie wieder gezeigt habe.

In Deutschland verwenden nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) mehr als 55% der erwachsenen und rund 70% der jugendlichen Paare hormonale Verhütungsmittel.

Daten von rund 1,8 Millionen dänischer Frauen

Mørch und ihre Kollegen werteten für ihre Untersuchung die Daten von rund 1,8 Millionen dänischen Frauen im Alter zwischen 15 und 49 Jahren aus, die im Schnitt 10,9 Jahre lang beobachtet worden waren. Dies entspricht einer Beobachtungszeit von insgesamt 19,6 Millionen Personenjahren. In diesem Zeitraum traten 11.517 Fälle von Brustkrebs auf.

Das relative Risiko für ein Mammakarzinom war bei Frauen, die gegenwärtig hormonell verhüteten oder dies in der Vergangenheit getan hatten, im Durchschnitt um 20% erhöht. Das höhere Risiko war nicht nur bei der Anwendung oral einzunehmender Kombinationspräparate zu finden, sondern auch bei der Verwendung einer rein gestagenhaltigen Spirale.

Zudem stieg die Gefahr mit der Anwendungsdauer: Frauen, die kürzer als ein Jahr lang hormonelle Kontrazeptiva genutzt hatten, besaßen ein um 9% erhöhtes Risiko – während Frauen, die dies länger als 10 Jahre getan hatten, ein um 38% erhöhtes Risiko aufwiesen. Klinisch relevante Unterschiede zwischen den verschiedenen Kombinationspräparaten, die eine Bewertung der einzelnen Gestagene zulassen würden, konnten hingegen nicht ausgemacht werden.

Thrombosegefahr relevanter als Brustkrebsrisiko

„Zur objektiven Bewertung der hormonellen Kontrazeptiva muss berücksichtigt werden, dass diese das Brustkrebsrisiko zwar erhöhen, sie auf der anderen Seite aber die Gefahr senken, ein Ovarial- oder Endometriumkarzinom zu entwickeln“, sagt der DGGG-Experte Ortmann. Das Gesamtkrebsrisiko werde durch die Präparate kaum beeinflusst beziehungsweise eher gesenkt.

 
Die Studie … hat allein aufgrund ihrer großen Probandenzahl eine hohe Aussagekraft. Prof. Dr. Olaf Ortmann
 

Bei der Beratung der Frauen durch die Ärzte spiele das Krebsrisiko aber ohnehin eine untergeordnete Rolle, da die Gefahr einer Thromboembolie wesentlich relevanter sei, so Ortmann. Lediglich bei Frauen, in deren Familie bereits Brustkrebs aufgetreten sei, sei dies anders.

Beweise, dass die in den Präparaten enthaltenen Hormone den Brustkrebs ursächlich auslösten, gebe es bislang ohnehin nicht, sagt BVF-Präsident Albring: „Kausale Zusammenhänge können nur durch placebokontrollierte Interventionsstudien nachgewiesen werden.“ Somit blieben die wirklichen Zusammenhänge weiterhin fraglich.

Zwar sei davon auszugehen, dass vorhandene hormonabhängige Zellen unter bestimmten Bedingungen durch Hormone stimuliert werden könnten, wobei vor allem die Gestagenkomponente proliferierend wirken könne, so Albring. „Derzeit ist aber unklar, inwieweit die Gestagene sich diesbezüglich unterscheiden.“

Brustkrebsrisiko besonders hoch bei Frauen über 40

Das beschriebene Risiko nehme mit dem Alter entsprechend der höheren Wahrscheinlichkeit vorhandener Brustkrebszellen zu, sagt Albring. Dies ließ sich auch in der Studie wiederfinden: Erkrankten, wenn man die Probandinnen aller Altersstufen betrachtete, 13 von 100.000 Frauen, die ein Jahr lang hormonell verhüteten, in diesem Zeitraum an Brustkrebs, so waren es bei den Unter-35-Jährigen nur 2 von 100.000. Die meisten Brustkrebsfälle traten bei den Über-40-Jährigen auf.

Das hohe Risiko bei den Über-40-Jährigen, sowohl für Brustkrebs als auch für Herzinfarkt und Schlaganfall, impliziere, dass insbesondere bei diesen Frauen über nicht-hormonelle Alternativen nachgedacht werden müsse, schreibt der Epidemiologe Prof. Dr. David Hunter vom Nuffield Department of Population Health der britischen University of Oxford in einem Kommentar im NEJM [2]. Hunter verweist in diesem Zusammenhang explizit auf die Kupferspirale. Darüber hinaus zeigten die Daten aus Dänemark, dass die Suche nach einem oralen Kontrazeptivum, das die Brutkrebsgefahr nicht beeinflusse, weiter gehen müsse.



REFERENZEN:

1. Mørch L, et al: NEJM 2017;377:2228-39

2. Hunter D: NEJM 2017;377:2276-77