Krebsbericht: Die Alterung der Gesellschaft bringt – absolut – mehr Neuerkrankungen, doch die Überlebenschancen steigen

Susanne Rytina

Interessenkonflikte

19. Dezember 2017

In den 10 Jahren von 2004 bis 2014 sind die Neuerkrankungen an Krebs um 6% bei Männern und um 9% bei Frauen gestiegen. Dies ist dem neuen Bericht zum „Krebs in Deutschland 2013/2014“ zu entnehmen, der als Gemeinschaftsarbeit des Zentrums für Krebsregisterdaten (ZfKD), des Robert Koch-Instituts (RKI) und der Gesellschaft der Epidemiologischen Krebsregister in Deutschland alle 2 Jahre erscheint [1].

In manchen Publikumsmedien war daraufhin von einer drastisch gestiegenen Krebshäufigkeit die Rede – doch dem ist nicht so: Der Anstieg ist vor allem dem demografischen Wandel geschuldet. Denn die Bevölkerung in Deutschland altert und damit steigt auch die Zahl derjenigen, die an Krebs erkranken: Schätzungsweise 476.000 Neuerkrankungen gab es 2014.

Der Bericht gibt Auskunft über die Trends in den vergangenen 10 Jahren. Tatsächlich ergibt sich nach der Korrektur für verzerrende Alterseinflüsse ein völlig anderes Bild: Die Zahl der Neuerkrankung ging bei Männern um 10% zurück, bei Frauen stieg sie um 3% an. Letzteres erklärt sich vor allem damit, dass die Anzahl der rauchenden Frauen gestiegen ist, die an Lungenkrebs erkranken, während dieses Karzinom bei den Männern leicht abgenommen habe, so die Autoren.

Jeder 2. erkrankt im Lauf des Lebens an Krebs

Der Bericht basiert auf den Daten der Landeskrebsregister. Da noch nicht alle Zahlen aus allen Ländern komplett vorliegen, werden die Bundeszahlen geschätzt. 2014 sind demnach geschätzt 249.160 Männer und 226.960 Frauen an Krebs erkrankt. Dies entspricht 420 Neuerkrankungen pro 100.000 Personen bei Männern und 344/100.000 Neuerkrankungen bei Frauen. Etwas mehr als die Hälfte aller Krebs-Neuerkrankungen betreffen entweder Brustdrüse (69.900), Prostata (57.400), Darm (61.000) oder Lunge (53.800).

Die Wahrscheinlichkeit, irgendwann im Leben an Krebs zu erkranken, beträgt für Männer und Frauen rund 50%: Das heißt: Jeden Zweiten wird dieses Schicksal treffen. Doch, so das RKI gegenüber Medscape, ungefähr die Hälfte der Menschen erkrankt erst nach ihrem 70. Lebensjahr.

 
Dies zeigt, dass in der ersten Phase des Programms viele Tumore deutlich früher entdeckt wurden als ohne Screening. Autoren des Krebsberichtes
 

Krebserkrankungen sind bei Frauen insgesamt etwas seltener, aber tendenziell treten sie früher im Leben auf. Frauen unter 55 Jahren erkranken häufiger an Krebs als Männer. Danach dreht sich dieses Verhältnis um: Bei über 65-jährigen Männern ist das Erkrankungsrisiko fast doppelt so hoch wie bei gleichaltrigen Frauen, so der Report.

Brustkrebs und Prostatakrebs am häufigsten

Am häufigsten ist bei Frauen nach wie vor das Mammakarzinom: Nachdem das Mammografie-Screening-Programm in Deutschland für Frauen von 50 bis 69 Jahren im Jahr 2009 eingeführt worden ist, sind in der entsprechenden Altersgruppe die Erkrankungsraten sprunghaft gestiegen, schreiben die Autoren. „Dies zeigt, dass in der ersten Phase des Programms viele Tumore deutlich früher entdeckt wurden als ohne Screening“, erläutern sie. Nun seien die Zahlen der Brustkrebsfälle wieder rückläufig. Längerfristig erwarte man, dass die Brustkrebssterblichkeit sinke, wie es auch in anderen Ländern beobachtet worden sei.

Die Kehrseite ist die sogenannte Überdiagnose: „Mit großer Wahrscheinlichkeit wurden allerdings auch Tumoren diagnostiziert, die ohne Mammografie-Screenings lebenslang unerkannt geblieben wären und keine Beschwerden verursacht hätten“, heißt es als zusätzliche Information auf der Homepage „Krebsdaten“. Dies gelte vor allem für die in einem frühen Stadium (in situ) entdeckten Tumoren, die fast nur durch die Mammografie entdeckt werden können und deren Häufigkeit entsprechend angestiegen ist.

Die häufigste Krebsart beim Mann – der Prostatakrebs – hat nach einem Anstieg in den 80er und 90er Jahren seit 2003 nicht weiter zugenommen und ist seit 2011 sogar deutlich rückläufig, wenn man die altersstandardisierten Erkrankungsraten heranzieht, schildern die Autoren. Mögliche Erklärung: Zunächst sei der PSA-Test häufig genutzt worden, dann allerdings seltener, wahrscheinlich aufgrund der Kontroverse um den Nutzen und dem Umstand, dass er in Deutschland selbst bezahlt werden müsse, so das RKI gegenüber Medscape.

Zum Teil besteht laut dem Bericht zu den aktuellen Krebsdaten in Deutschland auch hier das Risiko einer Überdiagnose, dass durch den PSA-Test Tumore entdeckt werden, die unerkannt geblieben wären und kein Leiden verursacht hätten.

Kommentar

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