EMA: 7 Medikamente zur Zulassung empfohlen – Hydrocortison für Kinder und Antidiabetikum mit kardiovaskulärem Zusatznutzen

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

15. Dezember 2017

Bei seinem letzten Meeting in diesem Jahr hat der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) 7 neue Medikamente zur Zulassung empfohlen [1]. Eines davon ist ein erstmals speziell für Kinder entwickeltes Hydrocortison-Präparat zur Behandlung der primären Nebennierenrinden-Insuffizienz. Ein anderes ist Semaglutid, ein einmal wöchentliches GLP-1-Analogon und das inzwischen 3. Antidiabetikum, für das ein kardiovaskulärer Zusatznutzen gezeigt worden ist.

Spezielle Zulassung für Kinder

Alkindi® (Diurnal Ltd) ist ein kinderspezifisches Hydrocortison. Bislang wurden Kinder mit primärer Nebennierenrinden-Insuffizienz mit zerstampften Hydrocortison-Tabletten für Erwachsene behandelt. Es bestand dabei das Risiko einer Unter- oder Überdosierung, wenn die Eltern versuchten, die bitter schmeckenden, zerstampften Tabletten so gut es ging zu verabreichen. Alkindi® ermöglicht eine exaktere Dosierung und schmeckt weniger bitter, was insbesondere bei kleinen Kindern hilfreich sein kann.

Für Alkindi® empfiehlt der CHMP eine spezielle Marktzulassung, die „paediatric-use marketing authorization (PUMA)”. Sie kann für Substanzen erteilt werden, die bereits zugelassen sind, nicht mehr unter Patentschutz stehen und speziell für Kinder entwickelt wurden.

Unter anderem erfordert eine PUMA, dass das Arzneimittel in Studien mit Kindern getestet wurde. Als Anreiz für die Erforschung vorhandener Arzneimitteln für den Einsatz bei Kindern, profitieren die Hersteller mit einer PUMA von einem 10-jährigen Marktschutz.

Diabetestherapie mit Zusatznutzen

Nach der Zulassung von Ozempic® (Semaglutid) durch die US-Arzneimittelbehörde FDA Anfang Dezember kann sich der Hersteller Novo Nordisk nun auch über die positive Empfehlung für die Zulassung in der EU freuen.

Der GLP-1-Rezeptoragonist ist nach Empagliflozin und Liraglutid das inzwischen 3. Antidiabetikum, für das gezeigt worden ist, dass es das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse senkt. Die Zulassung des einmal wöchentlich zu injizierenden Semaglutid basiert auf den Ergebnissen des klinischen Studienprogrammes SUSTAIN.

Fisteltherapie mit Stammzellen

Eine weitere Empfehlung zur Markzulassung erhielt in diesem Monat auch ein „advanced therapy medicinal product (ATMP)“. Alofisel® (Darvadstrocel, Tigenix, S.A.U.) ist das inzwischen zehnte ATMP, welches vom CHMP zur Zulassung empfohlen wird. Es dient der Behandlung komplexer perianaler Fisteln bei Patienten mit Morbus Crohn.

Darvadstrocel enthält vermehrte adipöse Stammzellen, die – einmal aktiviert –, die Proliferation von Lymphozyten beeinträchtigen und die Ausschüttung proinflammatorischer Zytokine reduzieren. Diese immunregulatorische Aktivität reduziert die Entzündung und erlaubt es dem Gewebe um den Fisteltrakt zu heilen.

Darvadstrocel wurde in einer Phase-3-Studie an 212 Patienten untersucht. Nach 24-wöchiger Behandlung befand sich fast die Hälfte der mit Darvadstrocel behandelten Patienten in Remission, in der Placebogruppe war es dagegen nur ein Drittel. Eine erweiterte Nachbeobachtungsstudie, die letztlich eine Behandlungsperiode von 104 Wochen überblicken wird, unterstützt dieses Resultat bis dato.

Der Unterschied zwischen den Behandlungsgruppen sei zwar moderat, so der CHMP, doch im Falle eines Scheiterns anderer Behandlungsoptionen als klinisch bedeutsam anzusehen. Die häufigsten Nebenwirkungen von Darvadstrocel waren Anal-Abszesse und -Fisteln sowie verfahrensbedingte Schmerzen und Proktalgie.

Erstes Arzneimittel gegen Phosphatdiabetes

Die 3. Marktzulassung, die der CHMP in diesem Monat empfohlen hat, ist an Bedingungen geknüpft. Crysvita® (Burosumab, Kyowa Kirin Limited) soll zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Phosphatdiabetes und rachitischen Veränderungen im Röntgenbild eingesetzt werden.

Die bedingte Marktzulassung ist ein Instrument der Zulassungsbehörde, um den Markteintritt von Medikamenten zu erleichtern, für die dringender Bedarf besteht. Bislang gibt es kein zugelassenes Medikament zur Behandlung dieser seltenen Erkrankung.

Die meisten Kinder mit Phosphatdiabetes erhalten eine konventionelle Therapie mit Phosphat und Calcitriol. Burosumab ist dagegen in der Lage, den Phosphatverlust zu reduzieren, die krankhaft niedrigen Phosphat-Konzentrationen im Serum zu verbessern und den Schweregrad der Rachitis im Röntgenbild erkennbar zu verringern.

Die Empfehlung des CHMP basiert auf 2 Phase-2-Studien. An einer davon nahmen 53 Kinder im Alter von 5 bis 12 Jahren teil. Burosumab führte bei ihnen zu einer Verbesserung der Phosphatspiegel, der Reabsorption von Phosphat in den Nieren und der röntgenologischen Anzeichen für Rachitis. In der 2. Studie wurden 13 Patienten im Alter von 1 bis 4 Jahren untersucht. Ihr Ansprechen auf Burosumab entsprach dem der älteren Kinder. Die am häufigsten beobachteten Nebenwirkungen waren Reaktionen an der Einstichstelle, Kopfschmerzen und Schmerzen in den Extremitäten.

Im Rahmen der bedingten Marktzulassung muss der Hersteller von Burosumab bis 2020 noch Daten von 3 weiteren Studien nachreichen, die die Sicherheit und Wirksamkeit des Arzneimittels untersuchen. Der CHMP empfiehlt, dass Burosumab nur von Ärzten verschrieben wird, die Erfahrung in der Behandlung metabolischer Knochenerkrankungen haben.

Weitere Zulassungsempfehlungen

Des Weiteren empfiehlt der CHMP ein weiteres Biosimilar von Herceptin® (Trastuzumab, Roche) zur Zulassung: Herzuma® (Trastuzumab, Celltrion Healthcare Hungary Kft.) soll wie das Originalpräparat der Behandlung von Brust- und Magenkrebs dienen.

Die beiden Generika, die beim Dezember-Meeting ebenfalls eine positive Empfehlung erhielten, dienen der Senkung erhöhter Plättchenzahlen bei Patienten mit essentieller Thrombozythämie (Anagrelid Mylan®, Anagrelid) und der HIV-Therapie (Efavirenz/Emtricitabin/Tenofovirdisoproxil Krka®, Efavirenz/Emtricitabin/Tenofovirdisoproxil).

Erweiterungen der therapeutischen Indikationen empfiehlt der Ausschuss für Taltz® (Ixekizumab, Eli Lilly Nederland B.V.), Truvada® (Emtricitabin/Tenofovirdisoproxil, Gilead Sciences International Limited) und Yervoy® (Ipilimumab, Bristol-Myers Squibb Pharma EEIG).

Über ein zur Zulassung eingereichtes Medikament fällte der CHMP ein negatives Urteil: Aplidin® (Plitidepsin, Pharma Mar S.A.). Es sollte zur Behandlung des Multiplen Myeloms eingesetzt werden.

Risikobewertung von Mycophenolat abgeschlossen

Bei seinem Meeting im Dezember veröffentlichte der CHMP auch seinen Abschlussbericht zu Medikamenten, die den Wirkstoff Mycophenolat enthalten und die Abstoßung transplantierter Organe verhindern sollen. Demnach spricht die verfügbare Evidenz nicht dafür, dass Mycophenolat mit einem Risiko für Fehlbildungen und Fehlgeburten einhergeht, wenn der Vater damit behandelt wurde.

Allerdings sei das Risiko, dass doch eine Genotoxizität bestehe, nicht völlig auszuschließen, schränkt der Ausschuss ein. Den Patienten wird deshalb empfohlen, dass einer der Partner eine zuverlässige Verhütungsmethode verwendet – während der Behandlung mit Mycophenolat und 90 Tage darüber hinaus.

Bei weiblichen Transplantationspatienten ist das Risiko dem Ausschuss zufolge unverändert. Empfohlen wird eine zuverlässige Verhütung vor, während und 6 Wochen nach der Behandlung.



REFERENZEN:

1. Meeting highlights from the Committee for Medicinal Products for Human Use (CHMP), 11. bis 14. Dezember 2017

Kommentar

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