Erfolgsgeschichte Endoprothetik: Gewarnt wird vor falschen Patienten-Erwartungen

Roland Fath

Interessenkonflikte

15. Dezember 2017

Hamburg – Die Endoprothetik ist eine der erfolgreichsten chirurgischen Therapien der Nachkriegszeit. Wunderdinge dürfen aber auch hier nicht erwartet werden, die richtige Auswahl der Patienten sei Voraussetzung für die Zufriedenheit nach dem Eingriff. Dies wurde bei der Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Endoprothetik (AE) anlässlich ihres Jahreskongresses in Hamburg betont: Rund jeder fünfte Patient mit Knie-Totalendoprothese (TEP) ist laut einem systematischen Literatur-Review mit seiner Prothese unzufrieden [1].

Prof. Dr. Henning Windhagen

Prof. Dr. Henning Windhagen, Direktor der Orthopädischen Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover und Präsident der Fachgesellschaft, bestätigte diese Zahlen. Während die Zufriedenheit von Patienten mit künstlichem Hüftgelenk bei 95% liege, betrage sie bei Patienten mit Knie-TEP nur 80 bis 85%. Häufig geklagt wird nach dem Eingriff über Bewegungseinschränkungen und Schmerzen.

Warum die Unterschiede zwischen beiden Eingriffen so deutlich sind, sei unklar. Das Kniegelenk werde viel stärker von Weichteilen geführt als das Hüftgelenk, erklärte Windhagen, und die Bewegungsformen seien komplexer.

Die Patienten sollten vor einer Prothesenimplantation sorgfältig beraten und vor unrealistischen Erwartungen, zum Beispiel dem Wiedergewinn aller sportlichen Möglichkeiten, gewarnt werden. Windhagen: „Eine Knieprothese macht nicht jeden zu einem glücklichen Menschen.“

Ein Implantat könne den natürlichen Knochen nie vollständig ersetzen. Das Ziel einer Knieprothese seien eine gute Funktion und ein natürliches Gelenkgefühl. Es sei immer eine individuelle Entscheidung. Und der Eingriff sei eine Einbahnstraße, der alte Zustand könne nicht wiederhergestellt werden, so Windhagen.

Zu den Mindestvoraussetzungen für eine Knie-TEP zählen ein Strukturschaden mit fortgeschrittenem Knorpelverschleiß, in der Regel aufgrund einer Arthrose, sowie Knieschmerzen, durch die die Lebensqualität erheblich beeinträchtigt wird. Alle konservativen Therapiemöglichkeiten sollten ausgeschöpft sein, betonte Windhagen.

 
Eine Knieprothese macht nicht jeden zu einem glücklichen Menschen. Prof. Dr. Henning Windhagen
 

Mindestens über ein halbes Jahr, bei jüngeren Patienten besser über ein Jahr sollte versucht werden, die Beschwerden durch Schmerzmittel und körperliches Training in den Griff zu bekommen, bevor operiert werde.

Risikofaktoren für ein frühzeitiges Implantatversagen

Die meisten Knieimplantate funktionieren länger als 15 Jahre. Allerdings besteht bei Patienten mit starkem Übergewicht und Begleiterkrankungen wie Gicht, Diabetes oder Rheuma ein erhöhtes Risiko für ein frühzeitiges Implantatversagen.

Bei Patienten mit massivem Übergewicht sollte vor einer Knieoperation zunächst versucht werden, Gewicht abzubauen, riet Windhagen. Auch gefürchtete Infektionen der Prothese drohen häufiger bei Vorliegen von Übergewicht oder Begleiterkrankungen.

Während das Risiko einer Protheseninfektion bei jüngeren gesunden Patienten nur 1:250 (0,4%) beträgt, liegt das Infektionsrisiko nach Angaben von Windhagen bei einem Diabetiker rund 10-fach höher (4%) und bei einem übergewichtigen Diabetiker bereits bei 8% (1:12).

Prof. Dr. Karl-Dieter Heller

Auch der körperliche Ausgangszustand der Patienten ist für das Ergebnis einer Prothesenimplantation von großer Bedeutung. „Je besser die Beweglichkeit und Funktion vor der Operation waren, desto besser sind sie in der Regel auch danach“, sagte Prof. Dr. Karl-Dieter Heller, Chefarzt der Orthopädischen Klinik am Herzogin Elisabeth Hospital in Braunschweig.

Moderate sportliche Belastungen, z.B. Skifahren, Laufen, Schwimmen, Golfen, Radfahren oder Wandern, sind für Patienten mit einer Gelenkendoprothese, sei es am Knie oder an der Hüfte, ohne weiteres möglich. Abzuraten sei aber von extremeren Belastungen wie Fußball oder Boxen, durch die die Lockerung der Implantate beschleunigt würde. Heller: „Ein künstliches Gelenk ist kein Jungbrunnen.“

Windhagen ergänzte: „Es ist uns wichtig, dass unsere Patienten verstehen, wo die Grenzen eines künstlichen Gelenks liegen.“ Für kontraproduktiv halten deshalb die Orthopäden die Geschichte des Boxers Manuel Charr, der Ende November 2017 Weltmeister im Schwergewicht geworden ist – trotz zweier künstlicher Hüftgelenke. „Das ist zwar Werbung für die Operateure“, sagte Heller, „schürt aber auf Patientenseite falsche Erwartungen.“

Anders als viele denken, sind künstliche Hüftgelenke bei jüngeren Patienten gar nicht so selten. Laut Daten des statistischen Bundesamtes waren von den 233.000 Patienten, die 2016 ein künstliches Hüftgelenk erhielten (Kniegelenk: 187.000) rund 16% jünger als 60 Jahre. Diesen Patienten stehen bis zum Lebensende mehrere Wechseloperationen bevor.

Empfehlungen für den Ersteingriff

Die Deutsche Gesellschaft für Endoprothetik empfiehlt für den Ersteingriff bei ansonsten gesunden Patienten ein besonders schonendes Vorgehen, um die maximale Haltbarkeit zu erreichen: minimal-invasive Operation und Einsatz einer nicht-zementierten Kurz- oder Geradschaftprothese. Besonders günstig sind nach Angaben von Heller für Hüftkopf und Pfanne die Paarungen Keramik-Keramik oder Keramik mit ultrahochvernetztem Polyethylen (HXPE), da sie am wenigsten Verschleißpartikel erzeugten.

 
Es ist uns wichtig, dass unsere Patienten verstehen, wo die Grenzen eines künstlichen Gelenks liegen. Prof. Dr. Henning Windhagen
 

Zunehmend häufig, vor allem in Deutschland, würden in dieser Patientengruppe Kurzschaftprothesen eingesetzt, für deren Implantation weniger Knochen als bei den längeren Geradschaftprothesen entfernt werden müsse. Bei einem eventuell späteren Wechseleingriff stünde dann mehr Knochen zur Verankerung der Nachfolgerprothese zur Verfügung, erläuterte Heller. Allerdings stehen Langzeitergebnisse für die Kurzschaftprothesen noch aus.

Noch stärker fokussiert werden sollte auf die Prävention der Arthrose, sagte Windhagen. Vorbeugen lässt sich nicht nur durch regelmäßige körperliche Ernährung, gesunde Ernährung und Halten des Normalgewichts, sondern auch durch frühzeitige Korrekturen von Schiefstellungen von Hüfte und Knie. „Da kann man so viel machen“, sagte Windhagen, inklusive gelenkerhaltender Operationen.



REFERENZEN:

1. Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Endoprothetik (AE) anlässlich des 19. AE-Kongresses, 30. November 2017, Hamburg

Kommentar

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