BMJ-Weihnachtsausgabe: Von wegen eingebildet – die Männergrippe existiert wohl doch!

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

14. Dezember 2017

Ist das viel diskutierte und mit Spott bedachte Phänomen „Männergrippe“ doch real? Jammern Männer, die mit Influenza infiziert sind, nicht nur mehr, sondern erkranken tatsächlich heftiger daran als Frauen?

Prof. Dr. Kyle Sue von der Memorial Universität von Neufundland in Kanada jedenfalls hat Hinweise gefunden, dass Männer unter Influenza tatsächlich stärker leiden. Sue hat diverse medizinische Datenbanken durchsucht, Studien ausgewertet und die Ergebnisse jetzt in der Weihnachtsausgabe des British Medical Journal veröffentlicht, die sich wie jedes Jahr – nicht ganz ernst – den eher vernachlässigten wissenschaftlichen Themen widmet [1].

Trotz der allgemein hohen Inzidenz und Prävalenz von viralen Atemwegserkrankungen habe bislang keine wissenschaftliche Untersuchung untersucht, ob der Begriff der „Männergrippe“ angemessen oder überhaupt zutreffend sei, moniert Sue in seiner Publikation. Er wollte nun wissen, ob Männer wirklich schlimmere Symptome als Frauen haben und ob das evolutionär bedingt sein könnte.

Männer erkranken schwerer

Der Wissenschaftler verweist darauf, dass schon die WHO 2010 gefordert hatte, das Geschlecht als Einflussfaktor in Betracht zu ziehen, wenn man sich mit Influenza beschäftigt. Dass Männer häufiger und offenbar auch schwerer erkranken, legen verschiedene Studien nahe.

So zeigen epidemiologische Daten der Jahre 2004 bis 2016 aus Hongkong, dass an Influenza erkrankte Männer häufiger stationär aufgenommen werden mussten als vergleichbar erkrankte Frauen. Und eine US-Beobachtungsstudie, die die Influenza-Mortalität im Zeitraum 1997 bis 2007 untersucht hatte, zeigt: Männer weisen höhere, Influenza-assoziierte Sterberaten auf als gleichaltrige Frauen. Und zwar unabhängig davon, ob sie zusätzlich eine Herzerkrankung, Krebs, eine chronische Atemwegserkrankung oder eine Nierenerkrankung hatten.

Auch lassen Studien zur Grippeimpfung den Schluss zu, dass Frauen offenbar besser darauf ansprechen als Männer. Verantwortlich dafür scheinen die Hormone zu sein: Östrogen wirkt immunprotektiv und Testosteron immunsuppressiv. Der Unterschied zeigte sich allerdings nicht mehr, wenn man Männer mit Frauen nach der Menopause verglich. Offenbar reagiert das Immunsystem von Frauen vor der Menopause schneller und aggressiver gegen Krankheitserreger als das von Männern.

Frauen „immunprivilegiert“

Doch auch Umwelt und Verhalten spielen eine Rolle – Männer leben risikoreicher, ernähren sich ungesünder und lassen sich seltener impfen. Ein Review aus 2015, der die Reaktionen von Männern und Frauen auf verschiedene Atemwegsinfekte und Impfungen untersucht hat, gelangt zu dem Schluss, dass Frauen „immunprivilegiert“ zu sein scheinen. Denn bei Männern ist die Anfälligkeit für viele Infektionskrankheiten und die entsprechende Sterblichkeit höher, Frauen hingegen reagieren stärker auf verschiedene Arten von Impfungen.

Offenbar, so Sue, leiden Männer an viralen Atemwegserkrankungen stärker als Frauen, weil sie das weniger robuste Immunsystem haben. Der evolutionäre Vorteil für ein weniger robustes Immunsystem könnte darin liegen, dass es Männern erlaubt hat, ihre Energie in andere biologische Prozesse wie Wachstum, sekundäre Geschlechtsmerkmale und Fortpflanzung zu investieren.

Klagen Männer mehr? Schonen Sie sich häufiger? In einer allerdings aus 1998 stammenden Studie befragten Forscher Männer und Frauen, die aufgrund von leichten infektiösen Atemwegserkrankungen einen Allgemeinmediziner konsultiert hatten. Dabei stellten sie fest, dass Frauen signifikant häufiger über eine Reduzierung ihrer Aktivitäten als Reaktion auf ein Symptom berichteten. „Das widerspricht ja wohl dem Mythos, dass Männer sich stärker schonen als Frauen und die Schwere ihrer Symptome übertreiben“, konstatiert Sue.

 
Männer übertreiben womöglich gar nicht, sie weisen schlicht schwächere und damit schlechtere Immunreaktionen auf Atemwegsviren auf. Prof. Dr. Kyle Sue
 

Aus Sues Sicht jedenfalls ist der Begriff „Männergrippe“ ungerecht und wird dem Sachverhalt nicht wirklich gerecht: „Männer übertreiben womöglich gar nicht, sie weisen schlicht schwächere und damit schlechtere Immunreaktionen auf Atemwegsviren auf, was zu einer höheren Morbidität und Mortalität führt als bei Frauen“, schreibt er. Doch trotz der gefundenen Hinweise betont Sue, dass weitere qualitativ hochwertigere Forschung notwendig ist, um andere Aspekte zu klären, „denn es ist ungewiss, ob Virusmenge, Immunantwort, Symptome und Erholungszeit durch Umweltbedingungen beeinflusst werden können“.

Hochmut kommt vor dem Fall? Tatsächlich schützt Stolz eher vor Stürzen

Bei einer weiteren Studien in der Weihnachtsausgabe des BMJ geht es um das Sprichwort „Hochmut kommt vor dem Fall“, das der Bibel entnommen ist [2]. Die Ergebnisse einer Studie von Dr. Michael Daly von der Universität von Stirling in Großbritannien legen jetzt aber den Schluss nahe, dass –umgekehrt – Stolz vor Stürzen schützen kann.

Daly und Kollegen hatten knapp 5.000 Patienten untersucht. Die Teilnehmer wurden auf einer Skala gefragt, inwieweit sie sich in den vergangenen 30 Tagen stolz gefühlt hatten und ob sie in den letzten 2 Jahren gefallen waren. Auf die Frage, wie stolz sie sich fühlten, antworteten 25,9% der Befragten mit „sehr“, 32,6% mit „ziemlich“, 24,3% mit „mäßig“, 12% mit „wenig“ und 5,1% mit „gar nicht“.

Die Analyse der Ergebnisse zeigte, dass die Sturz-Wahrscheinlichkeit bei Menschen, die angegeben hatten, stolz zu sein, signifikant geringer war als bei Personen, die angegeben hatten, nicht stolz zu sein (OR: 0,69; p < 0,001). Für die Autoren steht das Ergebnis im Einklang mit Erkenntnissen, dass bestimmte psychologische Faktoren das Fallen negativ beeinflussen, wie z.B. Angst vor dem Fallen, Schmerzen, Depressionen und Überempfindlichkeit.

Die Assoziation blieb bestehen, nachdem die Forscher Alter, Geschlecht, Haushaltsvermögen und die Geschichte der Stürze berücksichtigt hatten, war jedoch nicht signifikant, nachdem weitere Anpassungen für Mobilitäts- und Sehprobleme, Arthritis oder Osteoporose, Medikamenten-Einnahme, kognitive Funktionen sowie Schmerzen und Depressionen vorgenommen worden waren.

TV-Kinderserie kann unrealistische Erwartungen an Hausärzte wecken

Schließlich hat eine Studie im BMJ noch untersucht, ob die TV-Serie Peppa Pig unrealistische Erwartungen von Patienten an ihren Hausarzt schürt [3]. Ja, meint Dr. Catherine Bell. Die Allgemeinmedizinerin in Sheffield, Großbritannien, hatte sich gefragt, warum manche Patienten ihren Hausarzt schon bei kleinsten Beschwerden von kurzer Dauer konsultieren.

Als Mutter eines Kleinkindes und häufig mit der TV-Serie konfrontiert, glaubt sie, nun die Antwort gefunden zu haben: In der Serie um das junge Schwein Peppa und dessen Familie werden diese überfürsorglich vom Hausarzt Dr. Brown Bear behandelt. Er bietet jederzeit sofortigen und direkten Telefonzugang, Kontinuität der Pflege, verlängerte Arbeitszeiten und eine niedrige Schwelle für Hausbesuche.

Bell berichtet über 3 Fallstudien aus der Serie: So macht Dr. Brown Bear Hausbesuche bei einem kleinen Ferkel mit Hautausschlag (versichert aber den Eltern, dass es „nichts Ernstes“ ist), bei einem Ferkel mit Erkältungssymptomen (er verordnet Bettruhe und warme Milch) und besucht eine Spielgruppe, nachdem ein kleines Pony 3-mal gehustet hat.

Angesichts der Tatsache, dass Peppa Pig in mehr als 180 Ländern weltweit ausgestrahlt und von Eltern und Kindern gesehen wird, dürfte die Darstellung der Arbeit von Hausärzten großen Einfluss auf die Erwartungen von Patienten haben, mutmaßt sie. Zwar vermittle die Serie auch viele begrüßenswerte Botschaften, etwa über gesunde Ernährung, Bewegung und Verkehrssicherheit. Doch was die Rolle des Hausarztes angeht, vermutet Bell, dass „die Darstellung der Allgemeinmedizin in der Serie zu einer unangemessenen Inanspruchnahme von Leistungen der Primärversorgung anregt“.



REFERENZEN:

1. Sue K: BMJ 2017;359:j5560

2. McMinn D: BMJ 2017;359:j5451

3. Bell C: BMJ 2017;359:j5397

Kommentar

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