Mobilität versus Fahrtauglichkeit bei Älteren: Der Hausarzt ist gefragt – Tipps von Experten und Kollegen

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

13. Dezember 2017

Die Seh- und Hörfähigkeit verschlechtern sich, die Reaktionen werden langsamer: Kann ein älterer Mensch noch sicher Auto fahren oder nicht? Das ist nicht nur eine Frage für Augenärzte, Neurologen und Geriater. Denn häufig ist es der Hausarzt, dem auffällt: Der Patient ist vergesslich, wirkt abwesend, sieht nicht mehr so gut, ist ständig müde.

„Um einen Beitrag zur Sicherheit im Straßenverkehr zu leisten, sind gerade im Alter regelmäßige und vor allem individuelle Gesundheitschecks unumgänglich“, betont Dr. Dirk Wolter, Fahrtauglichkeitsexperte der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) und Chefarzt der Abteilung Gerontopsychiatrie an der LVR-Klinik Bonn. Wolter sieht dabei die Hausärzte in einer wichtigen Rolle: „Hausärzte könnten umfassend beraten und intensiv aufklären, wenn es Probleme gibt“, betont Wolter in einer Stellungnahme der DGG zur Fahrtauglichkeit [1].

Seit Jahren greift Dr. Doris Reinhardt, Allgemeinmedizinerin aus Friesenheim, das Thema Fahrtauglichkeit ihrer älteren Patienten in ihrer Sprechstunde auf: „Hinweise für mich nachzufragen sind bestimmte Medikamente, Stürze, Unfälle, motorische Verlangsamung, Gedächtnislücken. Und natürlich Arztbefunde, beispielsweise vom Augenarzt oder vom Neurologen, die Einschränkungen benennen – etwa beim Sehen, bei der Beweglichkeit oder beim Reaktionsvermögen“, berichtet die Hausärztin.

„Ich spreche das Thema gegenüber den Patienten an und manchmal auch gegenüber den Angehörigen. Dabei frage ich, wohin der Patient noch fährt und wohin nicht, ich frage nach Unfällen und Beinahe-Unfällen. Und ich frage auch nach, ob sich der Patienten schon mal überlegt hat, mit dem Autofahren aufzuhören“, zählt Reinhardt auf.

Augenärzte, Geriater und Neurologen besprechen unabhängig davon die Befunde mit dem Patienten, manchmal muss der Patient auch unterschreiben, dass er über bestimmte Einschränkungen und ihre Auswirkungen auf die Fahrtauglichkeit aufgeklärt worden ist. „Wir Hausärzte dokumentieren das dann.“

 
Hinweise für mich nachzufragen sind bestimmte Medikamente, Stürze, Unfälle, motorische Verlangsamung, Gedächtnislücken. Dr. Doris Reinhardt
 

Eine rechtliche Verpflichtung für Hausärzte auf Hinweise zu reagieren, dass die Fahrtauglichkeit eines älteren Patienten beeinträchtigt sein könnte, gibt es nicht.

Welche Medikamente sind kritisch für die Fahrtauglichkeit?

Gerade chronische Erkrankungen, Demenz und Einschränkungen des Bewegungsapparates können ältere Menschen zur Gefahr auf den Straßen werden lassen: „Nimmt das Hör- oder Sehvermögen ab und ist die Reaktionsgeschwindigkeit eingeschränkt, kann ein älterer Fahrer tatsächlich zur Gefährdung im Straßenverkehr werden. Auch Herz, Leber und Nervensystem sollten regelmäßig gecheckt werden“, erklärt Wolter.

Zahlreiche Autofahrer über 65 Jahre nehmen Medikamente ein – im Durchschnitt sind es 5 –, die müde machen oder den Blutdruck senken können. „Benzodiazepine, Neuroleptika, Schmerzmedikamente in der Einstellungsphase, speziell Morphine, und Augentropfen beeinträchtigen die Fahrtauglichkeit vor allem älterer Patienten ganz besonders“, berichtet Reinhardt.

Erst ab 75 steigt das Risiko für Verkehrsunfälle stark an

Doch nicht jeder ältere Autofahrer ist eine Gefahr für sich und andere. Der Blick in die deutsche Verkehrs-Unfallstatistik zeigt: Senioren bis 75 Jahre sind keine Risikogruppe. Ab 75 Jahren ändert sich das.

Wie der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) mitteilt, steigt das statistische Risiko, in einen Verkehrsunfall verwickelt zu werden, erst ab einem Alter von 75 Jahren stark an. Diese Gruppe ist nicht klein: Laut dem DVR besitzen fast 2 Millionen Deutsche zwischen 75 und 84 Jahren ein Auto. „Trotzdem ist das Alter an sich kein Risikofaktor. Sicherheit im Straßenverkehr ist keine Frage des Lebensalters, sondern der Gesundheit.

In einigen Regionen Deutschlands werden Senioren mit kostenlosen Nahverkehrstickets belohnt, wenn sie freiwillig den Führerschein abgeben. Doch hilft das wirklich?

Wie die DGG in ihrer Stellungnahme berichtet, sind nach den Zahlen einer aktuellen ADAC-Studie lediglich 15% der Pkw-Fahrer ab 65 Jahre Hauptverursacher eines Unfalls mit Personenschaden. In 172 Fällen waren 65- bis 74-Jährige schuld an Unfällen mit Todesopfern. Zum Vergleich: Mehr als doppelt so oft, insgesamt 379-mal, waren 18- bis 24-Jährige Hauptverursacher solcher Unfälle.

Die meisten älteren Kraftfahrer kompensieren ihre Einschränkungen erfolgreich durch taktische oder strategische Anpassungen. „Senioren können auf Automatik-Getriebe umsteigen, um so ihre volle Aufmerksamkeit dem Straßenverkehr zu widmen. Außerdem sollten Stoßzeiten vermieden werden, ebenso das Autofahren bei schlechten Wetterbedingungen oder in der Dunkelheit“, sagt Wolter.

Menschen ab dem 65. Lebensjahr sind vielmehr gefährdet, als dass von ihnen eine Gefahr ausgeht. 30% der Verkehrstoten in Deutschland sind 65 Jahre alt und älter. Fast jeder zweite getötete Radfahrer oder Fußgänger fällt in die gleiche Altersklasse.

 
Was wirklich hilft, sind regelmäßige, freiwillige Gesundheitschecks aus einer geriatrischen Perspektive. Prof. Jürgen M. Bauer
 

Patienten bagatellisieren gern, einfach weniger fahren ist keine Lösung

Die Reaktionen auf Reinhardts direktes Ansprechen fallen unterschiedlich aus: „Patienten reagieren häufig bagatellisierend und fürchten, dass sie dann nicht mehr eigenständig sind. Angehörige machen sich häufig früher Sorgen, sie nehmen dann die Batterie aus dem Auto, sagen, es sei kaputt, müsse zum TÜV, nehmen die Schlüssel weg. Manche Patienten sind einsichtig, die setzen sich ein Limit und verschenken ihr Auto an den Enkel; andere wiederum reduzieren die Häufigkeit und Länge ihrer Fahrten, fahren nur noch zum Arzt, zur Bank, zur Apotheke.“

Reinhardt weiter: „Ein Patient, den ich darauf angesprochen hatte, hat gesagt, dass er beim ersten Unfall sein Auto sofort verkauft. Er hatte dann einen Unfall – zum Glück nur ein kleiner Blechschaden –, er hat aber Wort gehalten und sein Auto verkauft.“

Es gibt aber auch Patienten, die zunächst Wort halten und sich dann doch wieder ins Auto setzen: „Manche akzeptieren ein Fahrverbot und fahren dann Monate später doch wieder; ohne Routine ist das ganz gefährlich“, so Reinhardt.

Wolter bestätigt das: „Wer keine Fahrpraxis mehr hat, baut auch mehr Unfälle. Wenn man sich beim Autofahren sehr unwohl und unsicher fühlt, sollte man ganz aufhören. Als Kompensation einfach nur weniger zu fahren, ist keine Lösung“.

Die Mobilität von Älteren so lange wie möglich zu erhalten, ist auch ein Ziel

„Die Mobilität älterer Menschen und die Fahrtauglichkeit ist eine Aufgabe, der sich Mediziner stellen müssen“, sagt Wolter. Das Ziel aller beteiligen Mediziner müsse es sein, die Mobilität der Älteren so lange wie möglich zu erhalten.

„Andernfalls verlieren viele Menschen zu früh an Autonomie und Selbstbewusstsein, was im Alter schwerwiegende Gesundheitsfolgen haben kann“, sagt der Chefarzt. Die Frage, wann ein Senior nicht mehr Auto fahren sollte, ist durch einen einfachen Test nicht zu beantworten, stellt Wolter klar.

Auf der Seite der DGGPP finden sich 2 von Wolter verfasste Übersichtsartikel („Beginnende Demenz und Fahreignung“ und „Das Assessment und seine praktischen Konsequenzen“), die bei der Einschätzung der Fahrtauglichkeit älterer Patienten helfen.

Verpflichtende oder freiwillige Gesundheitschecks?

Sollte Autofahren ab einem bestimmten Alter nur noch mit einem Leistungszertifikat oder verpflichtenden Gesundheitschecks erlaubt sein? Für DDG-Präsident Prof. Jürgen M. Bauer ist das keine Lösung, verpflichtende Checks findet der Ärztliche Direktor des Agaplesion Bethanien Krankenhaus Heidelberg zu pauschal.

„Was wirklich hilft, sind regelmäßige, freiwillige Gesundheitschecks aus einer geriatrischen Perspektive, bei denen auch Mehrfach-Erkrankungen, die Medikamentenversorgung und altersbedingte Einschränkungen gezielt untersucht werden“, so Bauer.

 
Man könnte beispielsweise Autofahrer mit 75 Jahren und dann wieder mit 85 Jahren zu einem freiwilligen Test auffordern. Prof. Dr. Ralf-Joachim Schulz
 

Reinhardt hingegen findet die verpflichtende Einführung von Gesundheitschecks richtig und wichtig: „Natürlich ist Mobilität im Alter ein wichtiges Gut. Aber ein Unfall mit Personenschaden, wie er immer wieder passiert, ist furchtbar für alle und kann dadurch sicher reduziert werden. Und was für alle gilt, stigmatisiert nicht.“ In einigen europäischen Staaten, wie Norwegen, Schweden oder den Niederlanden beispielsweise sind ärztliche Untersuchungen für Autofahrer ab 70 Jahren längst Pflicht.

Ein Ansatz könnte der Vorschlag von Prof. Dr. Ralf-Joachim Schulz, Klinik für Geriatrie am St. Marien-Hospital in Köln sein – freiwillige Gesundheitschecks, zu denen die Krankenkassen regelmäßig aufrufen: „Man könnte beispielsweise Autofahrer mit 75 Jahren und dann wieder mit 85 Jahren zu einem freiwilligen Test auffordern“, sagt Schulz gegenüber Medscape. Solche Tests könnten auch für die Einsicht sensibilisieren, „das Auto mal stehen zu lassen und mit dem Taxi zu fahren, wenn man keinen guten Tag hat“.



REFERENZEN:

1. Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG), 29. November 2017

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