Deutscher Diabetesbericht 2018: Weiterhin viele Neu- und unerkannte Erkrankungen – was sich dagegen tun lässt

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

7. Dezember 2017

Ernüchternde Fakten aus dem aktuellen Deutschen Gesundheitsbericht Diabetes: Die Zahl der Diabeteserkrankungen nimmt kontinuierlich zu. Nach Schätzungen der International Diabetes Federation (IDF) leben derzeit etwa 6,5 Millionen Menschen mit Diabetes in Deutschland. Und jedes Jahr kommen etwa 300.000 Neuerkrankte dazu [1].

Prof Dr. Dirk Müller-Wieland

„Weshalb sollte die Zahl der Menschen, die erkranken, auch weniger werden, wenn man nur immer weiter auf Aufklärung setzt“, kritisiert Prof. Dr. Dirk Müller-Wieland, Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft, im Gespräch mit Medscape. Er möchte verstärkt auf eine „Verhältnisprävention“ setzen.

Verhältnisprävention notwendig

Denn: Jahrelang setzte die Diabetesprävention bei individuellen Lebensstilfaktoren wie Ernährung, Bewegung und Übergewicht an. Diese bleiben zwar unverändert wichtig, doch „angesichts der vielen betroffenen Menschen und der Dramatik der Situation lässt sich eine wirkliche Veränderung nur durch Verhältnisprävention erreichen“, betont Müller-Wieland. „Wir müssen die Bedingungen so verändern, dass es den Menschen leichter gemacht wird, gesund zu leben.“

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft und diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe, die beiden Herausgeber des Deutschen Gesundheitsberichts Diabetes, fordern deshalb schon seit Jahren systemische Präventionsmaßnahmen wie:

  • mehr Schulsport (mindestens 1 Stunde am Tag),

  • die höhere Besteuerung und Kennzeichnung ungesunder Lebensmittel,

  • Qualitätsstandards für die Kindergarten- und Schul-Verpflegung und

  • ein Verbot von Werbung für Süßigkeiten und andere Dickmacher, die sich gezielt an Kinder richtet.

In vielen Ländern werden vergleichbare Maßnahmen schon umgesetzt. In Deutschland „tut sich die Politik mit Verhältnisprävention noch schwer“, bedauert Müller-Wieland.

Deutschland an zweiter Stelle in Europa

Die Folge: Im europäischen Vergleich liegt Deutschland mit 6,5 Millionen Menschen mit Diabetes an zweiter Stelle. Die große Mehrzahl der Erkrankten (95%) leidet an Typ-2-Diabetes, bei dessen Entstehung Lebensstil ein entscheidender Risikofaktor ist. Schätzungen aus bevölkerungsbezogenen Surveys und Abrechnungsdaten einzelner Krankenkassen gehen davon aus, dass derzeit 7 bis 8% der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland einen Typ-2-Diabetes haben.

 
Wir müssen die Bedingungen so verändern, dass es den Menschen leichter gemacht wird, gesund zu leben. Prof. Dr. Dirk Müller-Wieland
 

Da der Typ-2-Diabetes insbesondere in den Anfangsstadien keine Beschwerden verursacht, ist die Dunkelziffer hoch. Schätzungen gehen davon aus, dass zusätzlich zu den 6,5 Millionen an Diabetes erkrankten Menschen weitere ca. 2 Millionen Menschen einen Diabetes haben, ohne davon zu wissen.

Diese hohe Dunkelziffer bereitet Experten Sorgen, begünstigt eine späte Diagnose doch Komplikationen und die Entstehung von Folgeerkrankungen. Immer noch werden als Folge des Diabetes jährlich etwa 40.000 Beine, Füße oder Zehen amputiert, rund 2.000 Menschen erblinden. Und nach wie vor sterben ca. 75% der Menschen mit Diabetes vorzeitig an kardiovaskulären Komplikationen.

Reduzierte Lebenserwartung

Die Lebenserwartung von Patienten mit Diabetes ist reduziert, allerdings wird dies maßgeblich davon beeinflusst, ob schwerwiegende Komplikationen wie ein Myokardinfarkt, ein Schlaganfall oder eine Niereninsuffizienz auftreten. „Aktuell ist davon auszugehen, dass ein 50-jähriger männlicher Diabetespatient im Vergleich zu einem altersgleichen Mann ohne Diabetes eine um 5,8 Jahre reduzierte Lebenserwartung hat“, berichten Esther Jacobs und ihre Koautoren vom Deutschen Diabetes Zentrum in Düsseldorf. „Bei Frauen gehen die Schätzungen von einer Reduktion um 6,5 Jahre aus.“

 
Ein 50-jähriger männlicher Diabetespatient hat im Vergleich zu einem altersgleichen Mann ohne Diabetes eine um 5,8 Jahre reduzierte Lebenserwartung. Esther Jacobs
 

Auch für das Gesundheitssystem sind es eher die Komplikationen und Folgeerkrankungen, die ein Problem darstellen, als die Diabetes-Erkrankung selbst. Insgesamt liegen die Diabetes-bezogenen Kosten bei 16,1 Milliarden Euro im Jahr. Doch die Diabetestherapie selbst verursacht tatsächlich nur einen kleinen Teil dieser Kosten, zwei Drittel entstehen durch die Folgen eines schlecht eingestellten Diabetes und die daraus resultierenden, gehäuft auftretenden Begleiterkrankungen.

Diabetes früher erkennen

Um Komplikationen zu verhindern und die Früherkennung von Diabetes zu verbessern, haben DiabetesDE-Deutsche Diabetes-Hilfe und die Diabetes-Online-Community #dedoc die Kampagne „Unerkannt Unterwegs“ ins Leben gerufen. Auf der Website www.2mio.de können Menschen sich mithilfe eines Diabetes-Risikotests selbst testen und herausfinden, ob weitere Untersuchungen beim Arzt ratsam wären.

„Vorteilhaft wäre außerdem, wenn bei Patienten, die im Krankenhaus liegen, nach einem unerkannten Diabetes gefahndet werden würde“, ergänzt Müller -Wieland. Denn: „Es ist gut belegt, dass auf jeden Patienten, der im Krankenhaus liegt und einen Diabetes hat, ein Krankenhaus-Patient mit einem nicht diagnostizierten Diabetes kommt.“

Fettleber als Hinweisgeber

Ein Test auf eine mögliche Diabetes-Erkrankung sei zudem bei Patienten mit hohem Risiko sinnvoll, etwa denjenigen mit vorbestehender kardiovaskulärer Erkrankung oder Risikofaktoren wie Übergewicht, Diabetes in der Familie, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen.

 
Wenn man bei einem Patienten eine Fettleber findet, dann sollte man auch nach einem Diabetes forschen. Prof. Dr. Dirk Müller-Wieland
 

Außerdem rückte in den letzten Jahren auch die nicht-alkoholische Fettleber-Erkrankung als möglicher Hinweisgeber in den Vordergrund. „In diesem Jahr haben wir erstmals einen Beitrag zur Fettleber und ihrer klinischen Bedeutung für den Diabetes im Gesundheitsbericht“, berichtet Müller-Wieland. „Sie ist klinisch leicht erfassbar und zeigt, dass Fett da abgelagert wird, wo es nicht hingehört.“

Fettleber-Erkrankungen sind eng mit Insulinresistenz verbunden, einem Schlüsselphänomen bei der Entstehung des Typ-2-Diabetes. „Wenn man bei einem Patienten eine Fettleber findet, dann sollte man auch nach einem Diabetes forschen“, empfiehlt Müller-Wieland.



REFERENZEN:

1. Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) und diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe: Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2018

Kommentar

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