Gilt auch für Männer! Experte rät, Paare mit Kinderwunsch vor Paracetamol zu warnen – Zusammenhang mit ADHS erneut belegt

Petra Plaum

Interessenkonflikte

1. Dezember 2017

Paare mit Kinderwunsch sollten vor Paracetamol gewarnt werden. Das fordert Prof. Dr. Hartmut Göbel, Chefarzt der Schmerzklinik Kiel als Reaktion auf eine retrospektive Registerstudie, die ein Team um Dr. Eivind Ystrom vom Norwegian Institute of Public Health in Oslo im Journal Pediatrics publiziert hat [1].

Prof. Dr. Hartmut Göbel

Das Risiko hatte sich bei den Studienteilnehmern verdoppelt, wenn ein Elternteil mehr als 4 Wochen lang Paracetamol eingenommen hatte – der Vater jeweils in den 6 Monaten vor der Zeugung, die Mutter während der Schwangerschaft.

„In Hinblick auf die minimale Wirkung von Paracetamol bei Schmerzen und die Unwirksamkeit bei starken oder gar sehr starken Schmerzen sind diese Ergebnisse sowohl für schwangere Frauen als auch potenzielle Väter alarmierend“, betont Göbel. „Ohne bedeutsamen zu erwartenden Nutzen wird das ungeborene Kind einem erhöhten Risiko für ein ADHS ausgesetzt.“

Für leichte Schmerzen, gegen die Paracetamol auch nur teilweise helfe, gebe es alternative Therapien, die besser mit der Schwangerschaft zu vereinbaren seien. „Auch das 6-fach erhöhte Risiko für ADHS bei Einnahme für die Indikation Fieber sollte jeder werdenden Mutter vor der Einnahme eröffnet werden“, ergänzt Göbel.

Denn hatten Frauen in der Schwangerschaft 3 bis 4 Wochen lang Paracetamol genommen, um Fieber und Infektionen zu bekämpfen, kam ADHS beim Nachwuchs besonders häufig vor – verglichen mit anderen Indikationen wie Schmerzen oder Autoimmunerkrankungen. „Alternative Optionen zur Fiebersenkung sollten in Erwägung gezogen werden“, fordert Göbel darum.

Akribisch designt und ziemlich groß

Ihre Daten bekamen die Autoren der neuen Registerstudie aus der Norwegian Mother and Child Cohort Study, kurz MoBa, des Norwegian Institute of Public Health. Schwangere mit Entbindungsterminen in den Jahren 1999 bis 2009 wurden während ihrer Vorsorgeuntersuchungen um die 18. SSW dazu eingeladen teilzunehmen und 40,6% der Eingeladenen sagten zu.

So umfasste die Kohorte schließlich 114.744 Kinder, ihre 95.242 Mütter sowie 75.217 Väter aus ganz Norwegen. Die Mütter wurden mehrfach in und nach der Schwangerschaft zu ihrer Gesundheit, zu Diagnosen und zur Medikation befragt, die Väter einmal während der Schwangerschaft ihrer Partnerinnen. Für die ADHS-Diagnosen der Kinder waren Patientendaten aus dem Zeitraum bis 2014 relevant.

 
In Hinblick auf die minimale Wirkung von Paracetamol bei Schmerzen … sind diese Ergebnisse sowohl für schwangere Frauen als auch potenzielle Väter alarmierend. Prof. Dr. Hartmut Göbel
 

Von 112.973 Kindern und Jugendlichen, für die schlussendlich alle relevanten Daten erfasst waren, hatten bis dahin 2.246 (1,99%) eine AD(H)S-Diagnose erhalten. 52.707 Mütter (46,7%) hatten im Schwangerschaftsverlauf Paracetamol eingenommen, davon 27% im ersten Trimester, 16% im zweiten und 3,3% in allen 3 Trimestern. 11.119 Väter (18,1%) hatten im Halbjahr vor der Zeugung ihres Kindes Paracetamol verwendet.

Zunahme von ADHS um fast 50 Prozent

Beim Nachwuchs, der über Vater und/oder Mutter ebenfalls exponiert gewesen war, erhöhte sich die Hazard Ratio für ADHS unbereinigt um 17% nach der Einnahme in einem Trimester, um 39% nach der Einnahme in zweiten und um 46% nach der in allen 3 Trimestern.

Die Bereinigung um Faktoren wie Alkohol- und Nikotinabusus der Eltern, Depressionen oder Angststörungen in der Vorgeschichte sowie mütterliche und väterliche ADHS-Symptome veränderte die Assoziationen nicht, betonen Ystrom und seine Kollegen.

Für das Einnahmeverhalten der Mütter und den Outcome der Kinder ermittelten die Autoren: „Pränataler Konsum von Paracetamol während 29 oder mehr Tagen war mit einer substanziell erhöhten Hazard Ratio für ADHS assoziiert (HR: 2,20; 95%-Konfidenzintervall: 1,50–3,24).“ Eine Subgruppe hat offenbar besonders deutliche Konsequenzen dieser Medikation zu erwarten: „Paracetamol-Konsum aufgrund von Fieber und Infektionen über 22 bis 28 Tage hinweg war stark mit ADHS assoziiert (HR: 6,15; 95%-KI: 1,71–22,05)“, berichtet Ystrom.

Ungewöhnlich am Studiendesign ist die Tatsache, dass diesmal auch der väterliche Konsum hinterfragt wurde. Das Risiko der Kinder für ADHS verdoppelte sich, wenn die Väter in den 6 Monaten vor der Zeugung über 29 oder mehr Tage hinweg Paracetamol konsumiert hatten (HR: 2,06; 95%-KI: 1,36–3,13).

Die Autoren verweisen auf eine französische Studie an Hoden abgetriebener Embryonen. Bei dem In-vitro-Experiment zeigte sich, dass Schmerzmittel, darunter Paracetamol, die Hormonproduktion negativ beeinflussen können. Das könnte sich somit auch auf den Nachwuchs auswirken.

3 Hypothesen zum Pathomechanismus

Für einen möglichen Einfluss der Paracetamol-Exposition im Mutterleib nannten Ystrom und seine Kollegen sogar gleich 3 plausible Hypothesen:

  1. Das Gehirn von Feten bildet dadurch womöglich weniger Wachstumsfaktor BDNF, was zu Verhaltensänderungen, weniger Angst und schlechterer Lernfähigkeit führen kann. Bei Mäusen, die direkt nach der Geburt Paracetamol bekamen, konnte dieser Effekt gezeigt werden.

  2. Es könnte Wechselwirkungen zwischen Paracetamol und den mütterlichen Hormonen, z.B. Schilddrüsen- und Sexualhormonen, geben, was sich ebenfalls auf die Gehirnentwicklung des Ungeborenen auswirkt.

  3. Paracetamol könnte oxidativen Stress induzieren und somit beim Embryo bzw. Fetus zum Absterben von Neuronen führen.

„Alle 3 möglichen Mechanismen sollten in experimentellen Tierstudien weiter erforscht werden“, schlagen die Forscher vor. 

Paracetamol scheint dabei dosisabhängig zu wirken, denn bei sehr kurzem Konsum des Schmerzmittels (weniger als 8 Tage) durch werdende Mütter im Rahmen der norwegischen Studie zeigte sich sogar ein leicht protektiver Effekt in Bezug auf ADHS (HR: 0,90; 95%-KI: 0,81–1,00).

Hier, schlägt Ystrom vor, könnte die Indikation gepasst haben und z.B. eine rasche Fiebersenkung durch Paracetamol manche Kinder vor Hirnschädigungen geschützt haben.

Bessere Aufklärung werdender Eltern

Für Göbel ergänzt die neue norwegische Studie die schon existierenden Studien zum Thema bestens, weil sie offene Fragen aufgreift und die Ergebnisse um viele Faktoren ergänzt.

Auch in Deutschland nehmen immer noch rund 50% aller werdenden Mütter Paracetamol gegen Kopf-, Zahn- und Rückenschmerzen sowie Fieber oder Schmerzen, die Autoimmunerkrankungen begleiten. Da Paracetamol den Ungeborenen nicht sichtbar schadet, gilt es als ungefährlich, obwohl es plazentagängig ist. Und da es frei verkäuflich ist, versorgen sich viele Schwangere damit, ohne einen Arzt zu konsultieren.

Laut Göbel könnte sich dieses Verhalten ändern, wenn Paare mehr über dieses Schmerzmittel wüssten. „Die Sorge, dass durch die Einnahme von Paracetamol während der Schwangerschaft lebenslange Risiken für die Kinder bedingt sind, ist aufgrund der aktuellen Datenlage sehr umfangreich begründet. Auch wenn die Folgen für das ungeborene Leben noch nicht in allen möglichen Details geklärt sind, muss bei einem für die häufigsten Schmerzen im Alltag weitgehend ineffektiven Medikament mit möglichen lebenslangen Konsequenzen für das Kind erwogen werden, es besser nicht zu nehmen.“

Therapeutische Alternativen

Paracetamol sei auch nicht die einzige Therapiemöglichkeit, so Göbel. Er nennt die Beispiele Kopfschmerzen und Migräne: „Sie sind aufgrund des episodischen wiederkehrenden Verlaufes ein häufiger Grund für schmerztherapeutische Maßnahmen in der Schwangerschaft.“ Er schlägt zur Linderung zunächst vorbeugende Maßnahmen vor, wie das Identifizieren von Auslösefaktoren der Schmerzen, das Erlernen von Entspannungstechniken, die Rhythmisierung des Tagesablaufs und eine ausgewogene Ernährung.

 
Pränataler Konsum von Paracetamol während 29 oder mehr Tagen war mit einer substanziell erhöhten Hazard Ratio für ADHS assoziiert. Prof. Dr. Hartmut Göbel
 

„Treten Anfälle auf, sind Ruhe und Reizabschirmung sowie die Attestierung der Arbeitsunfähigkeit wichtige Schritte“, so Göbel. „Der Hinweis auf die Einnahme von Paracetamol, um ‚funktionieren‘ zu können, ist nicht sachgerecht, die Wirksamkeit ist marginal, die meisten Patienten setzen es ohne Effekt ein.“

Vorbeugende Behandlungsmaßnahmen wie die Gabe von Magnesium können seiner Erfahrung nach eher zu einer Reduktion der Schwere und der Häufigkeit der Attacken führen. „Und für schwere oder gar sehr schwere Schmerzen ist Paracetamol nicht zugelassen“, gibt Göbel zu bedenken. „Hier kann die Einnahme von Sumatriptan oder auch Prednisolon erwogen werden.“

Aber auch die Grundhaltung zum Schmerz gehöre überdacht: Eine Patientin mit Schmerzen muss nicht im Alltag funktionieren – schon gar nicht in der Schwangerschaft. „Wenn so viele Schwangere Medikamente wie Paracetamol einnehmen, sollte eine umfangreiche Aufklärungskampagne für die Behandlung von Schmerzen während der Schwangerschaft initiiert werden“, ergänzt der Experte.

„Dabei sollten die zahlreichen wirksamen Therapieoptionen für die häufigsten Schmerzen im Alltag vermittelt werden. Anschließend könnten Studien die Unterschiede in Verhaltensauffälligkeiten von Kindern, deren Eltern mit einem solchen Informationspaket ausgestattet worden waren im Vergleich zu solchen, die diese Informationen nicht hatten und Paracetamol einnahmen, zeigen, ob der Verzicht auf Paracetamol durch Mütter und Väter in der Reproduktionsphase das Risiko für Verhaltensauffälligkeiten beim Nachwuchs reduziert.“



REFERENZEN:

1. Ystrom E, et al: Pediatrics (online) 30. Oktober 2017

Kommentar

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