Antibiotika gegen Viren und andere gängige Irrtümer – große Wissenslücken bei jungen Erwachsenen in punkto Gesundheit

Roland Fath

Interessenkonflikte

28. November 2017

Hamburg – Das deutsche Gesundheitssystem zählt zu den besten der Welt. Junge Erwachsene im Alter von 18 bis 24 Jahren profitieren davon aber vermutlich weniger, als sie könnten. Laut STADA Gesundheitsreport 2017 hapert es den Befragten an einer ausreichenden Gesundheitskompetenz [1]. Vielen fällt es schwer, sich durch das Gesundheitssystem zu navigieren, Anweisungen von Ärzten zu befolgen oder sich um die eigene Gesundheit zu kümmern. Wäre ein Unterrichtsfach „Gesundheit“ in der Schule die Lösung? 80% der jungen Erwachsenen waren dafür.

Die Gesundheitskompetenz (engl. health literacy) – das heißt die Fähigkeit, Gesundheitsthemen zu verstehen und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen – rückt mehr und mehr in den Fokus von Gesundheitsexperten. Im STADA Gesundheitsreport 2017, der 4. Ausgabe in Folge im Rahmen der „Alles Gute“-Initiative des Bad Vilbeler Unternehmens, war sie das Topthema.

Von der Marktforschungsagentur Kantar Health wurden repräsentativ 2.000 junge Menschen zwischen 18 und 24 Jahren für eine Online-Befragung ausgewählt. Die Gesundheitskompetenz wurde anhand der Kurzform des standardisierten European Health Literacy Survey (HLS-EU) mit 16 Fragen ermittelt. Zusätzlich wurden mit einem weiteren Fragebogen auch das Wissen zu allgemeinen Gesundheitsthemen und zum Gesundheitssystem, Angebote zum Lernen von Gesundheitsthemen sowie Forderungen und Wünsche erfragt.

Defizite in der Gesundheitsbildung

Nur ein Drittel der Befragten hatten eine ausreichende Gesundheitskompetenz (Score 13 bis 16, d.h. mindestens 13 der 16 Fragen positiv beantwortet), berichtete Tim Irfan von Kantar Health bei der Vorstellung des Reports in Hamburg. Bei der Hälfte war sie problematisch (9 bis 12), bei 17% inadäquat (0 bis 8). Die Verteilung war, etwas überraschend, weitgehend unabhängig von der Schulbildung und dem weiteren Ausbildungsniveau der Teilnehmer; Männer schnitten allgemein etwas schlechter ab als Frauen.

Ihrer Defizite in der Gesundheitsbildung bewusst waren sich aber die wenigsten: „Über 80 Prozent der Befragten meinten, sie wüssten darüber gut Bescheid“, so Irfan, „mehr als die Hälfte gab an, sich mindestens einmal pro Woche mit Gesundheitsthemen zu beschäftigen.“

„Junge Menschen haben selten chronische Erkrankungen, das Thema Gesundheit ist für sie nicht wirklich akut“, versuchte Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, Sozialwissenschaftler aus Berlin, die schlechten Ergebnisse der Befragung zu erklären.

„Es findet derzeit eigentlich keine Gesundheitsbildung statt. Woher sollen die jungen Menschen also wissen, wann sie zum Arzt gehen sollten?“, so Dr. Johannes Wimmer, Arzt am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, vielen bekannt durch seine medizinischen Beratungen im Fernsehen wie auch im Internet.

Allerdings: Deutschland schnitt in einer früheren Untersuchung zur Gesundheitskompetenz auch in der Gesamtbevölkerung im europäischen Vergleich schlecht ab (HLS EU: The European Health Literacy Project 2009–2012). Bei fast 60% waren die Ergebnisse nicht ausreichend im Vergleich zu nur 46% im Durchschnitt der EU-Länder.

 
Es findet derzeit eigentlich keine Gesundheitsbildung statt. Woher sollen die jungen Menschen also wissen, wann sie zum Arzt gehen sollten? Dr. Johannes Wimmer
 

Bei jüngeren Menschen und Senioren über 80 Jahre ist die Gesundheitskompetenz erfahrungsgemäß besonders schlecht, sagte Hurrelmann, der für die aktuelle Online-Befragung gemeinsam mit Wimmer den Fragenbogen zur Gesundheitsbildung aufgestellt hat.  

Die größten Irrtümer im Überblick

  • Infektionen und Antibiotika: Nur 40% der Befragten wussten, dass sie mit einer Erkältung rund eine Woche ansteckend sind, die meisten schätzten dies kürzer ein.

  • 38% wussten nicht, was Antibiotika-Resistenz bedeutet, und 36% dachten, dass Antibiotika gegen Viren helfen.

  • Nur 17% gaben an, dass das Immunsystem auch vor einer Infektion mit Pilzen und Parasiten schützt.

  • Geschlechtskrankheiten: Zwar wussten fast alle, dass durch ungeschützten Geschlechtsverkehr HIV übertragen werden kann, aber nur zwei Drittel bzw. ein Viertel, dass dies auch ein Risikofaktor für Syphilis und eine Infektion mit humanen Papillomviren (HPV) ist. Nur etwas mehr als die Hälfte der Befragten gab an, immer ein Kondom zu benutzen, wenn sie mit einem neuen Partner schlafen. Hauptgrund für das Nicht-Benutzen: Vertrauen.

  • Haut: 17% der Befragten glaubten, dass man Hautkrebs nur an Stellen bekommen könne, die der Sonne ausgesetzt seien.

  • Herz-Kreislauf- und Stoffwechsel-Erkrankungen: Das Herzinfarkt-Risiko von Ex-Rauchern wurde deutlich unterschätzt. Rund 30% waren der Ansicht, dass sich das Risiko bereits nach 5 rauchfreien Jahren normalisiert.

  • Jeder 5. Befragte glaubt, dass Diabetes nur vererbt werden kann. Nur 60% kannten die Symptome eines Diabetes, weniger bekannt war auch das Amputationsrisiko.

Gesundheitssystem

  • Rund ein Viertel der jungen Erwachsenen glauben immer noch, dass sich Ärzte auch über die Praxisgebühr finanzieren. 35% der Befragten wussten nicht, dass Hausärzte von den Krankenkassen pro Patient bezahlt werden.

  • 30% der Befragten war nicht bekannt, dass ein Gynäkologe hauptsächlich Frauen behandelt. Genauso viele dachten, dass nur Männer zum Urologen gehen dürfen.

  • Nur 60% der Befragten kannten die Unterschiede zwischen stationärer und ambulanter Therapie.

Als Informationsquellen zu Gesundheitsthemen nannten ein Drittel die Eltern, 30% die Medien und nur 23% die Schule. Die Top-3-Themen in der Gesundheitserziehung in der Schule – Verhütung / Sexualität, Ernährung und Zahnpflege – reichen bei weitem nicht aus, betonten Hurrelmann und Wimmer gleichermaßen.

 
Junge Menschen haben selten chronische Erkrankungen, das Thema Gesundheit ist für sie nicht wirklich akut. Prof. Dr. Klaus Hurrelmann
 

Über Volkskrankheiten hatten in der Schule nur 27% der Befragten etwas gelernt, über Prävention 21% und das Gesundheitssystem 13%. Wünschenswert wäre ein eigenständiges Unterrichtsfach Gesundheit in der Schule, so die Experten. Diese Forderung ist nicht neu, aber die Umsetzung bisher kaum vorangekommen.

80 Prozent fordern ein Schulfach „Gesundheit“

Die Ergebnisse der Befragung sprechen sehr deutlich für die Einführung eines solchen Fachs: Bei 36% der Befragten mit ausreichender Gesundheitskompetenz spielte das Thema Gesundheit in der Schule eher eine große Rolle; dies traf hingegen nur auf 25% der Befragten mit inadäquater Gesundheitskompetenz zu. Mehr als zwei Drittel der Befragten gaben an, dass Gesundheitsthemen im Unterricht wenig relevant seien. Aber 80% der Befragten wünschten sich ein „Schulfach Gesundheit“.

Diese Zahlen stimmen auch zuversichtlich, sagte Hurrelmann. Denn die Sensibilisierung für Gesundheitsthemen sei bei jungen Erwachsenen vorhanden. Dieses Potenzial gelte es zu nutzen, am besten durch Wissensvermittlung in der Schule. Einen Beitrag leisten will STADA mit der Digitalkampagne #HealthChecker. Auf der entsprechenden Website werden Fakten aus der Studie präsentiert.



REFERENZEN:

1. STADA Gesundheitsreport 2017: Die Gesundheitsbildung junger Erwachsener in Deutschland. Thema: Nachhilfe nötig: Muss Gesundheit Schule machen?, 15. November 2017, Hamburg

Kommentar

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