Fehler-Meldesystem für Arztpraxen: Es fehlt eine „No-Blame-Kultur“

Christian Beneker

Interessenkonflikte

27. November 2017

Im Krankenhaus funktionieren sie gut aber nicht unbedingt in den Praxen niedergelassener Ärzte. Die Rede ist von Critical-Incidence-Reporting-Systems (CIRS). Das sind Online-Fehler- und Lernsysteme, in die Ärzte und Medizinische Fachangestellte beziehungsweise Pflegende online Fehler eintragen können, um sie zukünftig zu vermeiden. Auf dem Weg in ein vertrauensvolles Miteinander beim Fehlermanagement der niedergelassenen Ärzte müssen die Beteiligten aber offenbar noch einige Hürden nehmen. Das zeigt ein Projekt mit 69 Praxen in Nürnberg.

Im Rahmen des Projektes der Techniker-Krankenkasse (TK), des Institutes für Allgemeinmedizin (ifa) an der Johann Wolfgang von Goethe- Universität Frankfurt und 69 Praxen des Nürnberger Praxisnetzes „Qualität und Effizienz“ (QuE) erhielten die Praxen ein digitales, praxisübergreifendes Berichts- und Lernsystem, um im Praxisalltag voneinander zu lernen.

Über das Portal konnten sie auch Newsletter, Erinnerungs-Mails und Publikationen zur Patientensicherheit abrufen. In Schulungen, Workshops und über Präsentationen wurden sie zudem netzintern an das Thema Fehlermanagement überhaupt heran geführt, wie es in einer gemeinsamen Pressemitteilung heißt [1].

Fehlermeldesysteme oft noch ungenügend genutzt

Über 90% aller Krankenhäuser in Deutschland haben Fehlermelde- und -lernsysteme, begründet Projektleiter Hardy Müller vom Wissenschaftlichen Institut der TK für Nutzen und Effizienz im Gesundheitswesen (WINEG) das Experiment. „Aber im ambulanten Bereich gibt es diese Systeme bisher nur sporadisch und sie haben nur im niedrigen 4-stelligen Bereich Meldungen gesammelt. Bei diesen Verhältnissen kann man noch nicht von einer gemeinsam etablierten Kultur der Fehlermeldungen sprechen“, so Müller zu Medscape.

Dabei zähle man im Jahr über 580 Millionen Behandlungsanlässe bei niedergelassenen Haus- und Fachärzten, gibt Müller zu bedenken. Gelegenheit, Fehler zu machen und daran zu lernen, gibt es also reichlich.

Unterschiedliche Auffassung von Fehlern

Das Projekt zeigte allerdings: Eine Online-Berichtsplattform kann im ambulanten Bereich erst dann fruchtbar werden, wenn die teilnehmenden Ärzte sich darüber einig geworden sind, was in der ambulanten Versorgung überhaupt als Fehler zu werten ist. Und so wie es aussieht, ist der Weg dahin auch noch weit.

„Die Kolleginnen und Kollegen haben ganz unterschiedliche Vorstellungen davon, was ein Fehler ist und was nicht“, erklärt Hausarzt und Vorsitzender von QuE, Dr. Veit Wambach gegenüber Medscape. „Am Anfang haben alle gedacht, ein wirklicher Fehler in der Versorgung sei der berühmte Tupfer, der nach einer Operation im Bauchraum des Patienten vergessen wurde und damit ein Fehler, der gemeldet werden muss.“

Es gehe aber viel häufiger um Dinge, die zu einem Problem für den Patienten oder den Ablauf in der Praxis führen können. Wambach schildert, wie z.B. in seiner Praxis eine wichtige Medizinische Fachangestellte ausfiel. Nun habe er nicht mehr gewusst, wie die Versorgungsverträge nach 140a SGB V bearbeitet werden mussten – eine Aufgabe, die zuvor stets die MFA erledigt hatte. Ein typischer Ablauffehler.

 
Die Kolleginnen und Kollegen haben ganz unterschiedliche Vorstellungen davon, was ein Fehler ist und was nicht. Dr. Veit Wambach
 

Ebenso sind Medikationsfehler meldewürdig. „So hatten wir einen Patienten mit Bluthochdruck, der vom Krankenhaus ACE Hemmer bekommen hatte und vom Kardiologen AT1 Blocker, so dass sich eine nicht empfehlenswerte Kombination ergab. Der Fehler bestand darin, dass dies dem Hausarzt relativ spät auffiel“, so Wambach.

Die unterschiedliche Auffassung von Fehlern habe dazu geführt, dass das Interesse an einer Online-Berichtsplattform im Laufe des Projekts abnahm, erklärten die Projektverantwortlichen. Die Ärzte hielten das System für zu zeitaufwändig und schwierig nutzbar im Praxisalltag, obwohl das Online-Formular im Projektverlauf gekürzt und angepasst wurde, heißt es.

Schritte auf dem Weg zur „No-blame-Kultur“

Trotzdem habe es im Laufe des Projektes einen erheblichen Lerneffekt gegeben, betonten Wambach und Müller. So seien die Praxen in ihrer Qualitätssicherung effektiv unterstützt worden. 89% der Ärzte und des Praxispersonals gaben nach dem Projekt an, dass sie in ihren Teamsitzungen über kritische Ereignisse gesprochen hätten. 60% der Praxen erklärten, sie würden nun ein Verzeichnis über Fehler in der Praxis führen. Vor dem Projekt taten dies nur 28%.

Da habe sich „deutlich etwas bewegt, eine Art Kulturwandel“, so Wambach. „Das Interessante ist, dass man zwar die Probleme in ein Portal einstellen kann. Aber was wirklich weiterführt, ist erst das persönliche Gespräch und die Diskussion über die eingestellten Themen.“ So wurden die Praxen schließlich individuell angesprochen, um gemeinsame beispielhaft kritische Ereignisse aus ihrer eigenen Praxis intern zu analysieren.

 
Hier sahen wir, dass wir nur dann ehrlich und effektiv über unsere Fehler und ihre Vermeidung sprechen können, wenn Fehler keine Beschuldigungen und keine Strafen nach sich ziehen. Dr. Veit Wambach
 

„Hier sahen wir, dass wir nur dann ehrlich und effektiv über unsere Fehler und ihre Vermeidung sprechen können, wenn Fehler keine Beschuldigungen und keine Strafen nach sich ziehen“, so Wambach. Um die Fehlerkultur weiterzuentwickeln, brauche es eine No-Blame-Kultur. „Das so veränderte Denken ist der absolut springende Punkt“, meint Wambach.

Allerdings – auch das wurde offenbar klar – der Weg zu einem wirklich offenen Umgang mit Fehlern ist noch weit. „Oft hapert es an einem einheitlichen Fehlerverständnis sowie der Wahrnehmung der Ursachen und der eigenen Rolle in der Fehlervermeidung“, resümiert Müller.

Deshalb bleibe es nicht bei dem einen Projekt. Bereits im Frühjahr 2017 startete das Projekt CIRSforte. Erneut sind das ifa und das WINEG mit im Boot. Diesmal werden 400 Praxen versuchen, im Rahmen des Projektes ihr Fehlermanagement über ein Critical-Incidence-Reporting-System zu organisieren.



REFERENZEN:

1. Gemeinsame Pressemitteilung von Techniker Krankenkasse (TK), Gesundheitsnetz Qualität und Effizienz Nürnberg (QuE) und Institut für Allgemeinmedizin, Goethe-Universität Frankfurt am Main (IfA), 10 November 2017

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....